"Ich hab’ einmal einen Freund g’habt, und seitdem hab’ ich gar keinen Abscheu mehr vor die Feind’." Der das sagt, ist ein junger Mann namens Schlicht (Paul Graf), und der Freund, der ihn enttäuscht hat, heißt Fint (Florian Haslinger): Nomen est omen, wie so oft bei Nestroy.
Intendant Christian Graf zeigt im Hof von Schloss Rothmühle in Rannersdorf diesmal ein wenig gespieltes Stück, in dem es zwar kunterbunt drunter und drüber geht, aber der Tiefsinn überwiegt, und selbst das Happy End hat ein großes Fragezeichen. Zu Schwechater Kapazundern wie Bella Rössler (verkörpert famos den/die Ladendiener/in Schippl), Franz Steiner als Juwelier von Stein oder Bruno Reichert als Druckereibesitzer Spaltner gesellen sich junge Talente wie Marie Reisinger und Sophie Gerold, den musikalischen Ton gibt - diesmal sparsam - wieder Otmar Binder an. Ewald Baringer
- Quelle NÖN PLUS
NÖN, 29. Juni 2026
„Mein Freund“ in der Rothmühle: Eine große Rolle für das zu gute Herz
In Johann Nestroys Posse „Mein Freund“ geht es um starke Beziehungen und um Vertrauen, welches der Protagonist trotz Enttäuschungen immer wieder fasst. Die große Rolle des Herrn Schlicht (gespielt von Paul Graf) sei, laut Regisseur Christian Graf, „Ein wahrer Kraftakt“ gewesen. Doch unser Shakespear von Wien - Johann Nestroy - sorgte in seinem Stück aus dem Jahre 1851 auch für große Komödie rund um den tragischen Helden.
Besonders viele Lacher erntete Bella Rössler als Frau Schippl in Männerkleidern. Sie spann die Fäden der Intrigen und kassierte an allen Seiten ab. Als Schlichts hinterlistigen „Freund“ Julius Fint gibt sich diesen Sommer Nestroyspiele-Geschäftsführer Florian Haslinger die Ehre und die angebetete „Amalie“ wird von der talentierten Michelle Haydn verkörpert.
Eine süße Rolle bekam die junge Schwechaterin Hannah Frühwirt. Sie spielte „Fanny“, die Tochter des Druckereibesitzers Spaltner (Bruno Reichert), welche unsterblich in den Herrn Schlicht verliebt ist. Doch Frühwirt tauchte zwischendurch auch immer wieder als Leichtes Mädchen in Netzstrumpfhosen im Hintergrund der Bühne auf.
In weiteren Rollen brillierten unter anderen Gabi Herbsthofer als Madame Sauvegarde, Sophie Gerold als Clementine, Manfred Stella als Maurer Hochinger, Maria Sedlaczek als seine Frau Theres, Mario Santi als Jounalist Fellner, Franz Steiner als Juwelier Herr von Stein und Marie Christine Reisinger als Maurerstochter Marie.
Etwas unmotiviert erschien im zweiten Teil des Stückes im Obergeschoß der Bühne bei Baron Hummer (San Trohar) dem eine Bibliothek gehörte, ein Sado-Maso-Mann mit lederner Hundemaske und Eisenketten um den Hals. Mit Nestroys „Mein Freund“ hatte diese Szene wohl weniger zu tun.
Dem Premierenpublikum jedoch gefiel die gesamte Inszenierung großartig, denn es applaudierte dem Nestroy-Ensemble begeistert. Unter den Gästen fanden sich auch Robert Meyer (Präsident der Internationalen Nestroy-Gesellschaft), „Was gibt es Neues“-Moderator Oliver Baier, die ehemalige ORF-Moderatorin Heilwig Pfanzelter, Drag Queen Grazia Patricia und Schauspielerin Pia Baresch. Brigitte Wimmer
- Quelle NÖN
SCHWECHAT. Die Aufführung entfaltet eine bittere wie komische Geschichte über Täuschung, Verrat und verlorene Illusionen und zeigt einmal mehr die sprachliche Brillanz Nestroys.
Das Stück, 1997 erstmals in Schwechat gezeigt, ist nach der Revolution von 1848 entstanden und überrascht mit einem sehr aktuellen Bezug. Was bedeutet Freundschaft heute noch?
Auf wen kann man sich verlassen? Wem kann man noch wirklich vertrauen und gibt es überhaupt noch echte Freundschaft?
Echte Freunde sind wichtig
"Ich hab’ einmahl einen Freund g’habt, und seitdem hab’ ich gar keinen Abscheu mehr vor die Feind’", lässt Nestroy seinen Protagonisten sagen. Aber was bedeutet Freundschaft heute noch?
Schwechats Bürgermeisterin Karin Baier (SPÖ) ist Freundschaft "nicht nur von der Politik abhängig und wahre Freundschaft spürt man dann, wenn es einem nicht so gut und im Leben bergab geht." Es sei wichtig, so Baier, Menschen zu treffen, die sich "in den elitären Kreis der Freunde einreihen." Es gibt Freundschaften, die über viele Jahre und Grenzen hinweg bestehen bleiben. "Je länger ich auf der Welt bin, desto wichtiger sind echte Freunde, auf die man sich verlassen kann", so Baier.
Für Intendanten und Regisseur Christian Graf ist wahre Freundschaft, wenn man "sich auf Augenhöhe begegnet und voll vertraut". Gerade in einer "Ich-bezogenen-Zeit" ist es wichtig, echte Freundschaften zu behalten. Die trockene Premiere genossen bei Sommerspritzer und kulinarischen Schmankerln neben Karin Baier (SPÖ) auch Kulturstadträtin Angelika Frauenberger (SPÖ), Stadtrat Michael Hornak (FPÖ) mit Gattin Brigitta sowie Heilwig Pfanzelter, Oliver Baier, Robert Meyer mit Gattin Eva und Bürgermeister und Abgeordneter Otto Auer (ÖVP) mit Gattin Helga, und Toni und Andrea Frühwirth die Tochter Hannah auf der Bühne und bei der Regiehospitanz bewundern konnten.
Auf der Bühne überzeugten außerdem Paul Graf, Bella Rössler, Bruno Reichert, Michelle Haydn sowie das gesamte Nestroy-Ensemble mit eindrucksvoller Präsenz und Spielfreude. Roland Weber
- Quelle Mein Bezirk / Schwechat
Falter,Woche 27/2026, 30. Juni 2026
Kritik Sommertheater Niederösterreich:
„Mein Freund“ – Ich hab’s ja nicht nötig
Wer so einen Freund hat, braucht keine Feinde: Vom vermeintlichen „BFF“ Fint um Liebschaft und Abfindung betrogen, zieht Schlicht durch die Lande. Sechs Jahre später trifft er den „Ex-Freund“ zufällig wieder und stellt fest, dass dieser sich noch mehr zum Gauner entwickelt hat.
Die Rolle des Schlicht, der sich nicht verzeihen kann, dem Falschen vertraut zu haben, schrieb sich Johann Nepomuk Nestroy selbst auf den Leib. Der Held ist an den Fehlern der anderen weise, aber auch bitter geworden. In seiner postrevolutionären Posse „Mein Freund“ gibt es nicht allzu viel zu lachen. Dennoch geht Regisseur und Intendant Christian Graf dem Werk bei den Nestroyspielen bemerkenswert konsequent auf den Grund. Dass der Abend über drei Stunden trägt, ist vor allem dem (nicht mit dem Regisseur verwandten) Hauptdarsteller Paul Graf zu verdanken, für den Melancholie und Energie kein Gegensatz sind und der auch schwierige, tagespolitisch angepasste Couplets rockt.
Das 23-köpfige Ensemble, das großteils aus Nichtprofis besteht, trifft Nestroys Sprache gekonnt und zeichnet auch Nebenfiguren fein. Besonders gut: Manfred Stella als Maurer, der sich mit einem „Ich hab’s ja nicht nötig“ ohne jede Grundlage einredet, reich zu sein – und so stets positive Vibes ausstrahlt. Martin Pesl
Quelle Falter
European News Agency, 02. Juli 2026
My friend
Nestroy Spiele Schwechat [ENA] In the 54th edition of the Nestroy Spiele Schwechat, Johann Nestroy’s late play Mein Freund emerges as a surprisingly dark summer entertainment: a “Posse” that smiles as it lifts the mask from betrayal, cowardice and self deception. Directed by Christian Graf in the courtyard of Schloss Rothmühle, the production embraces both sides of the piece—its sharp comic surface and its underlying melancholy.
It turns them into an evening that feels at once authentically Nestroy and disconcertingly contemporary. Written in 1851, in the long shadow of the crushed 1848 revolution, Mein Freund belongs to Nestroy’s “darker” works: popular theatre that trades in laughter yet never fully trusts it. Graf’s staging takes this seriously. From the outset, the question “Was bedeutet Freundschaft wirklich?” hangs palpably over the action: every handshake, every protestation of loyalty is tinged with doubt.
The plot pivots on Schlicht, a good natured, trusting man who believes Julius to be his truest friend—a catastrophic misjudgement. When Schlicht entrusts Julius with a love letter to Amalie, Julius pockets the opportunity, suppresses the letter and forges a bill of exchange to get money; Schlicht discovers the fraud and forgives him, a gesture the production plays not as saintly generosity but as a painful mixture of naivety and need.
Graf handles Nestroy’s six year time leap with a light but pointed touch. The world has moved on socially, but the structures of power and opportunism remain unchanged. Julius reappears as a bogus baron, slipping into genteel society with counterfeit manners and an ever present eye for profit. His new schemes centre on two women: the young Marie, whom he cynically instrumentalises, and the wealthy Clementine, whose diamonds he covets. The staging plays these seduction scenes with deliberate ambivalence. On one level they deliver the expected comic pleasure in unmasking a social climber; on another, they expose a disturbing pattern of emotional exploitation which feels remarkably close to modern scams and “gaslighting.”
Schlicht’s second encounter with Julius becomes the hinge of the evening. He gradually realises that Julius has robbed him not only of money but of his chance at love with Amalie. This time, the trusting man refuses to be the perpetual victim: stepping out of his own role as the “good fool,” he actively sabotages Julius’s plans, rescues Clementine and orchestrates the final exposure. The production lets this transformation register quietly rather than triumphantly, suggesting that moral clarity comes at the price of lost innocence.
What makes the Schwechat Mein Freund particularly pleasurable is its respect for Nestroy’s language. The dialogue, full of verbal traps, reversals and pointed asides, is delivered with the musicality and precision that this kind of Volksstück demands; jokes land without being underlined, and the transitions from farce to seriousness feel almost seamless because they are embedded in the same verbal texture. Nestroy’s idiom—apparently casual, yet exact in its social observation—allows Graf to stage the play as a drama about “gesellschaftliche Maskenspiele.” The production underscores how figures define themselves through clichés and stock phrases, only to be betrayed by their own slips of the tongue.
Here, language itself becomes a diagnostic tool: the audience hears, often before the characters do, who is lying, who is self deluded, who has begun to see more clearly. Graf is supported by an ensemble that clearly relishes this blend of humour and bitterness. Paul Graf’s Schlicht anchors the performance with a quiet, wounded openness: his trustfulness never seems stupid, but rather grounded in a human desire to believe in others, which makes his disillusionment in the second half all the more moving. Opposite him, Floran Haslinger’s Julius offers an elegant study in opportunism—charming enough to make his manipulations plausible, yet with just enough edge to remind us that his betrayals are deliberate, not accidental.
Around this central pair, Michelle Haydn, Florian Haslinger, Maria Sedlaczek, Bella and Melina Rössler, Franz Steiner, San Trohar and Bruno Reichert sketch a small society where each character’s pursuit of advantage contributes to the larger moral climate. The interactions between Marie and Clementine, in particular, highlight different ways in which women navigate a world structured by male calculation—naivety on the one hand, guarded self assertion on the other.
The setting in the courtyard of Schloss Rothmühle, with performances on warm summer evenings, adds its own layer to the experience. Under the open sky, Nestroy’s mid 19th century Vienna feels closer than one might expect: the laughter of today’s audience mingles with the echoes of an era equally marked by dashed hopes and social manoeuvring. By choosing Mein Freund, the oldest member of Theaterfest Niederösterreich once again proves that Nestroy is not merely a supplier of comfortable Biedermeier fun. This “almost melancholic comedy,” as the festival description aptly puts it, foregrounds betrayal, lost illusions and the fragility of trust—topics that resonate powerfully in a present shaped by economic uncertainty and a general crisis.
Graf’s production neither modernises aggressively nor embalms the play in nostalgia. Instead, it trusts Nestroy’s text and allows its “bittere wie komische Geschichte” to speak across 175 years with remarkable clarity. For audiences in Schwechat and beyond, Mein Freund offers what the best summer theatre can deliver: an evening of wit and enjoyment that lingers in the mind because it dares to ask unsettling questions about the price of friendship and the masks we wear to get through life. Nadejda Komendantova
- Quelle European News Agency
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