Peter Gruber: Zum Stück

Wie die meisten Nestroy’schen Stücke ist auch die 1836/37 geschriebene Lokalposse „Wohnung zu vermieten“ (Originaltitel: „Eine Wohnung ist zu vermiethen in der Stadt. Eine Wohnung ist zu verlassen in der Vorstadt. Eine Wohnung mit Garten ist zu haben in Hietzing“) eine Bearbeitung. Sie basiert auf einem „komischen Gemälde“ des deutschen Lustspielautors Louis Angely.

Allerdings reichten diesmal Nestroys dramaturgische und sprachliche Veränderungen, die Verschärfung und Vertiefung des Textes und dessen Verlagerung in die Wiener Gesellschaft nicht aus, um dem Stück einen Erfolg zu bescheren. Im Gegenteil: „Wohnung zu vermieten“ wurde, wie die Kritik berichtet, als „flaches, witz- und gehaltloses Machwerk“ mit „einer Erbitterung ausgezischt, wie seit langem nicht wahrgenommen worden“. Bereits nach drei Aufführungen musste das Stück abgesetzt werden.

Als eine der Ursachen für den eklatanten Misserfolg gilt der Umstand, dass Nestroy die Handlung nicht wie üblich irgendwo „in der Nähe der Residenz“, sondern – zum ersten und einzigen Mal in all seinen Stücken – explizit in Wien angesiedelt hat. Das mag dazu geführt haben, dass sich das Wiener Publikum zu direkt angegriffen fühlte und daher mit beleidigter Ablehnung reagierte.

Auch der eher epische, spannungsarme Verlauf der Szenen, die mehr oder minder sich wiederholenden Situationen und die unzähligen, nicht gerade sympathischen stereotypen Figuren, von denen kaum eine auch nur ansatzweise aus ihrer Schablone heraustritt, sind sicher nicht unbedingt jene Mixtur, die einen Publikumserfolg verspricht. Davon abgesehen könnte natürlich auch die vielleicht nicht gerade gelungene Art der inszenatorischen Umsetzung eine Rolle gespielt haben.

Nichtsdestotrotz gilt das Stück seit seiner Wiederentdeckung und Propagierung durch Karl Kraus vor allem in Fachkreisen als „meisterhafte Spießersatire“.

Dabei interessiert die ziemlich belanglose Handlung nur marginal. Was haften bleibt, ist die oft groteske, absurde Situationskomik und das erschreckende Zerrbild einer konfusen, oberflächlichen, zugleich aber auch in hektisch-aggressivem Neben- und Gegeneinander dahinlebenden Gesellschaft. Die penetrante Geschwätzigkeit, der Gebrauch sinnentleerter Floskeln, die verinnerlichte Doppelmoral und die an Autismus grenzende Selbstbezogenheit der dargestellten Menschen aus allen sozialen Schichten lassen „Wohnung zu vermieten“ insbesondere in unseren Tagen äußerst aktuell erscheinen – als eine Art „Wachsfigurenkabinett“ skurriler, zeitloser Wiener Typen.