Heimliches Geld, heimliche Liebe, III/23–28

    

 

Verwandlung

 

(Besuchszimmer im Hause der FRAU v. LÄRMINGER, Mittel- und Seitenthüren.)

 

23ste Scene

(FRAU v. LÄRMINGER, HERR v. MAKLER; HORTENSIA.)

FRAU v. LÄRMINGER (mit HERRN v. MAKLER und HORTENSIA aus Seitenthüre lincks kommend). Es is eine Verlegenheit vor der Gesellschaft ohne Gleichen.

HERR v. MAKLER. Und wo bleibt denn Ihre liebe Tochter?

FRAU v. LÄRMINGER. Die muß doch schon längst – (Ruft gegen die Thüre rechts.) Marie –! (zu HERRN v. MAKLER.) aber Ihr Sohn –?

HERR v. MAKLER (ärgerlich). Der Junge ist nie da, wo er seyn soll.

HORTENSIA. Wie seyn Vater.

 

24ste Scene

(MARIE; DIE VORIGEN.)

MARIE (aus Seitenthüre rechts kommend, einfach gekleidet, zu FRAU v. LÄRMINGER,). Was befehl’n Sie?

FRAU v. LÄRMINGER. Na hörst, so lang brauchen, und dann erst ohne Toilett erscheinen –

HERR v. MAKLER. Ein Kränzchen im Haar hätte sich gut gemacht.

HORTENSIA. Was verstehst du davon? ich bin auch ohne Kranz bey unserer Verlobung erschienen.

 

25ste Scene

(THERES, NOTARIUS; DIE VORIGEN.)

THERES (zur Mittelthüre eintretend). Der Herr Notar. (Ab.)

NOTAR (tritt ein).

FRAU v. LÄRMINGER (dem NOTAR entgegeneilend). Unterthänigste Dienerin, bitte nur zur Gesellschaft hineinzuspazieren. (Complimentirt den NOTAR in die Seitenthüre lincks.)

HORTENSIA. Alles wäre nun versammelt nur –

HERR v. MAKLER. Bitte, auch Marien’s Vormund fehlt.

 

26ste Scene

(DICKKOPF, CASIMIR, FRANZ, DIE VORIGEN ohne NOTAR.)

CASIMIR (mit DICKKOPF und FRANZ zur Mittelthüre eintretend). Wir haben ’s! Da is es! nicht ein Kreutzer geht ab!

FRANZ. Verzeihen Sie die Störung, der sonderbare Zufall, welcher die Zurücksendung einer Gabe unbegreifflichen Mitleid’s verzögerte, möge uns entschuldigen.

DICKKOPF (MARIEN ein Paket übergebend). Hir is es; Dreyhundert Gulden haben S’ schon, da is die Kleinigkeit, die abgangen is.

FRANZ (zu MARIEN.) Nehmen Sie meinen Danck im Nahmen der wircklich Armen, für die Ihnen nun ein reichliches Almosen übrig bleibt[.]

MARIE. Ich hab’s nicht bös gemeint, ich hab nur einen Augenblick vergessen, daß Sie nichts –– gar nichts von mir brauchen.

CASIMIR (leise zu DICKKOPF). Jetzt reden S’ g’scheidt!

DICKKOPF (seine Rede an die Frauen richtend). Es war mit dem Geld theils Zufall, theils Unachtsamkeit – theils Zugluft, die’s untern Tisch g’weht hat, theils Zusammentreffen, daß es in mein’n Wäschbinkel hineing’fallen is. Neffe, Stiefsohn hab’ ich g’sagt, begleitets mich hin an der Stell, ich hab keine Ruh’ bis das Volck –– will ich sagen, – bis diese Familie ihr Geld wieder zurück hat.

HERR v. MAKLER (früher von DICKKOPF nicht bemerckt, vortretend leise zu ihm). Es wäre jedenfalls durch die Schuldpost zu reparieren- gewesen, die Ihnen heute eingegangen, und die sonderbarer Weise gerade –

DICKKOPF (ihn verblüfft, und mit innerem Ärger anglotzend). Seyn Sie auch da? – (zu FRAU v. LÄRMINGER und MARIEN) Mich und den Casimir hätt’ nur der Verdacht gekränckt, daß wir uns einer Bagatelle bemächtigen, wo wir auf Millionen berechtigt wären.

FRAU v. LÄRMINGER. Lächerlich –!

FRANZ (leise zu DICKKOPF). Aber Vetter!

CASIMIR. Wir sind auf gar nix berechtigt, und der Stiefvater will nur sagen, wir stehn auch auf nix an. (Laut zu DICKKOPF.) Nicht wahr? zu was noch länger das demüthige Armuthsincognito!? weg damit! (Zu den ANWESENDEN.) Dieser edle Mann, (auf DICKKOPF deutend) ist ein heimlicher Capitalist, der zugleich durch zarte Intressenzucapitalschlagung auch mein mütterliches Erbtheil verdoppelt hat.

DICKKOPF (leise zu MAKLER). Gräßlicher, Sie haben ihm –?

HERR v. MAKLER (leise zu DICKKOPF). Haben Sie mir nicht selbst gesagt, wenn er kommt, darf ich ihm das Seinige nicht vorenthalten? und er ist gekommen.

DICKKOPF (zwischen MAKLER und CASIMIR stehend, wüthend aber leise). Makler –! Casimir –! ich dreh’ dir ’s G’nack um!

FRAU v. LÄRMINGER (leise zu DICKKOPF). Wir werden eine glückliche Familie, Geld und Liebe vereinigt sich –

 

27steScene

(FLAU; DIE VORIGEN)

HERR v. FLAU (zur Mitte eintretend). Nun ich hoffe, daß Alles schon in Ordnung ist, ich habe keine Zeit.

HORTENSIA. Es fehlt nur noch –

FRAU v. LÄRMINGER. Der Bräutigam.

HERR v. FLAU. Wird nicht ausbleiben.

HERR v. MAKLER. Er muß jeden Augenblick –

HERR v. FLAU (zu MARIEN). Wertheste Mündel, es ist einmahl heute Ihr Verlobungstag, und folglich kann ich das letzte Geschäft abthu’n, welches mir, laut Testament, für diesen Tag obliegt, nehmlich diesen Brief, den Ihr Vater kurz vor seinem Tode schrieb, Ihnen übergeben. (Giebt MARIEN einen Brief.)

MARIE (ergriffen). Von meinem Vater – (dem Weinen nahe) vor seinem Tod – (Erbricht den Brief.)

DICKKOPF. Hätt’ er’n nach sein’n Tod g’schrieben, war’ der Brief per Spadifankerl-Post gekommen.

MARIE (von dem Gelesenen tief ergriffen, für sich). Mag d’raus entsteh’n, was will – ich kann nicht anders – (Reicht FRANZ den Brief.) Lesen Sie.

FRAU v. LÄRMINGER (für sich). Is denn das Mädchen von Sinnen –?!

HERR v. MAKLER (staunend). Diesem Menschen giebt sie den Brief –!? (Zugleich.)

HORTENSIA. Unbegreifflich –!

FRANZ (hat mit Ungewissem Staunen den Brief genommen, und liest für sich). „Geliebte Tochter! Mein erwachtes Gewissen holt in den letzten Stunden das Versäumte nach; es läßt mich nicht ruhig hinübergeh’n, bevor ich Dir nicht entdecke, daß ich auf unrechtmäßige Weise zu meinem Reichthum gelangt bin, welcher von Rechtswegen meinem verstorbenen Werkführer Glimmer, und nunmehr seinem Sohne und Erben, Franz, gehört. Wenn Du diese Zeilen liest, bist Du selbstständig, und ich überlasse es Deinem Gefühl und Ermessen, die Schuld nach Möglichkeit zu tilgen, doch die Ehre Deines Vaters dabey zu schonen!“ ––

DICKKOPF (ärgerlich für sich, FRANZ betrachtend). Das is ein Esel! ’s Geld hat er z’ruckgeb’n, den Brief b’halt’t er.

FRAU v. LÄRMINGER (pickiert). Dürften wir nicht auch erfahren ––

HERR v. MAKLER (pickiert). Es wäre für alle Theile interessant –

CASIMIR (welcher, während FRANZ gelesen, in den Brief hin-eingesebn). Zu wissen was drinn steht ––?

HERR v. FLAU (mit Ungeduld). Im Grunde ist’s egal, auch hab’ ich keine Zeit –

CASIMIR (leise zu FRANZ). Gieb her, für die hab’ ich gleich ein’n Brief beysamm. (Nimmt den Brief FRANZ aus der Hand, und thut als ob er das Folgende daraus vorläse.) „Liebe Tochter; geheurath’t is es bald, aber die Folgen sind schwer“ – (Spricht, gegen die ANWESENDEN.) So schreibt ein Mann, der Zweymahl verheurath’t war – (Thut, als ob er aus dem Briefe weiterläse.) „Ehe ohne Liebe ist immer ein Jammer, oft ist es mit Liebe schon ein Kreutz. Wähle daher nach Deinem Herzen, und lass’ dir nichts einreden, daß du nicht unglücklich wirst. Dein wohlerfahr’ner Vater. [“] (Giebt FRANZ den Brief zurück.)

FRAU v. LÄRMINGER. Der Mann war in den letzten Stunden nicht mehr recht bey sich.

DICKKOPF (zu FRAU v. LÄRMINGER). G’schwind schau’n, ob Ihnen nicht der Zweyte mehr zu schätzen weiß.

FRANZ (leise zu MARIEN). Haben Sie auch bedacht, wozu diese Zeilen mich berechtigen?

DICKKOPF. Jetzt Casimir (mit Begeisterung auf FRAU v. LÄRMINGER.) leiste mir Ersatz für die Kränckung –

 

28ste Scene

(PEMPERER, LENI; DIE VORIGEN)

PEMPERER (zur Mitte eintretend, und LENI, welche widerstrebt, mit sich führend). Spreitz’ dich nit, wir kommen g’rad a tempo.

FRAU v. LÄRMINGER, HERR v. MAKLER, HORTENSIA (staunend). Was ist denn das –!? (Zugleich.)

DICKKOPF. Der Pemperer untersteht sich –?!

PEMPERER (laut zu LENI). Wenn ein schlechter Mensch heurath’t, is es Pflicht der Plantierten daß sie Spectakl macht.

LENI. Das bring i nit z’samm.

PEMPERER. Dafür hast du einen Vatern. (Zu FRAU v. LÄRMINGER) Frau Meisterin, als Werckführer warn’ ich Ihnen vor diesem Gesellen. (Zeigt auf CASIMIR.) Sie haben ihm Ihre Hand zugedacht, aber ’s Augenauskratzen abgerechnet, verdient er sie nicht.

CASIMIR. Halt! Diese edle Frau hat vielleicht die Idee g’habt mich zu heurathen, –

DICKKOPF. Bitt’ mir’s aus, mehr als Idee!

CASIMIR. Das war aber nur, so lang die edle Frau mich für arm gehalten. Jetzt weiß sie, daß ich Vermögen hab’, jetzt nähmet sie mich um keinen Preis; – und als Beweis wie ein edles Beyspiel wirckt, heurath’ ich jetzt ein armes Mädl, nehmlich (zu PEMPERER) Ihre Tochter. Der Frau von Lärminger wird es nicht fehlschlagen, ihren edlen Vorsatz auszuführen, es lauffen ja gar Viele arme Jünglinge herum.

LENI (in freudigster Überraschung). Hab’ ich’s nit glei g’sagt Vater!? Sie haben schon wieder auf’n ersten Blick nit gut g’seh’n.

DICKKOPF (wüthend für sich). Bin ich denn Abbrändler mit jeder Hoffnung!?

MARIE (zu FRANZ) Einen großen Gewinn sogar sichert mir dieser Brief, er wird mich von meinem Bräutigam befrey’n.

FRANZ (entzückt). Wünschen Sie das –?! (Sich an die ANWESENDEN wendend.) Frau von Lärminger, daß (zu FRAU v. LÄRMINGER) Ihre Tochter, (zu HERRN v. FLAU) Ihre Mündel diese Zeilen in meine Hände gab, spricht ihre Gesinnung offen aus. Und deßhalb – (leise zu MARIEN.) nehmen Sie den Brief zurück, sonst kann ich das Folgende nicht sagen – (Giebt ihr den Brief.) – (zu den ANWESENDEN) und deßhalb wage ich es als (mit Bedeutung für MARIEN) armer Mensch, das reiche Mädchen um ihre Hand zu bitten.

MARIE (mit Entzücken). Franz –!

HERR v. MAKLER, HORTENSIA. Unerhört –!

MARIE (zu HERRN v. FLAU). Auf Ihre Zustimmung, Herr Vormund darf ich rechnen?

FRAU v. LÄRMINGER (zu HERRN v. FLAU). Sie werden doch nicht –?

HERR v. FLAU. Es läßt sich da nichts machen, und wie gesagt – ich habe keine Zeit. (Eilt zur Mitte ab.)

DICKKOPF (für sich). Von allen meinen Plänen bleibt nichts als eine Kräutlerin.

PEMPERER (verblüfft). Was da Alles g’schicht, –! Das kann kein Mensch aufn ersten Blick bemircken; da herrscht ja –

CASIMIR. Wie überall, heimliches Geld, und heimliche Liebe.

(Der Vorhang fällt.)

 

Ende

 

 

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger