Heimliches Geld, heimliche Liebe, III/1–15

    

 

III. ACT

 

(Zimmer in Herrn v. Makler’s Hause, wie im Anfange des 2ten Actes.
Zwey Thüren im Prospect, rechts und Lincks eine Seitenthüre. Lincks der Secretair.)

 

1ste Scene

(HORTENSIA, PEMPERER)

(Sind, als aufgezogen wird, bereits im Gespräch begriffen.)

 HORTENSIA. Das Mädchen wurde mir aber doch mit Ihrer Einwilligung von Frau von Lärminger übergeben.

PEMPERER. Ja freylich, ich hab selber d’rauf gedrungen.

HORTENSIA. Und jetzt sind Sie gesonnen, ganz im Widerspruch mit Ihrer früheren Intention –

PEMPERER. Das is ja kein Widerspruch, ich hab’ mir’s nur anders überlegt, ’s Mädl hat keine Mutter, also war’ freylich eine solide alte Frau, wie Sie, die beste Obhut –

HORTENSIA (beleidigt, halb für sich). Alte Frau –!?

PEMPERER. Aber was sind alle alten Frauen der Welt gegen einen Vatern, wie ich, der die strengste Aufsicht –

HORTENSIA. Hm, Sie haben doch ein Geschäft, welches Sie den ganzen Tag über vom Hause fern hält.

PEMPERER. Macht nix; wenn ich auf d’ Nacht z’ Haus komm’, seh’ ich aufn ersten Blick, was ’s Mädl den ganzen Tag g’macht hat.

HORTENSIA. Nun meinetwegen, wenn sie die gute Absicht der Frau von Lärminger für überflüssig halten.

 

2te Scene

(LENI, DIE VORIGEN)

LENI (aus der Mitteltbüre lincks kommend, mit Haube und Umhängtuch, einen Bündel unter dem Arm, und einen ordinären Toilettspiegel in der Hand; äußerst heiter und eilig). So, da bin ich, ich hab schon Alles bey mir.

HORTENSIA (zu LENI). Sie ist weinend in den Dienst gekommen, und geht lachend aus dem Dienst – (zu PEMPERER, doch so daß es auch LENI hört) ich kann Ihnen kaum gratulieren zu einer solchen Tochter.

LENI. Ah deßtweg’n bin i doch brav; Euer Gnaden wissen halt das ganze Bewandtnis nit.

HORTENSIA. O, mich hat Frau von Lärminger hinlänglich unterrichtet.

LENI. Die Bewandtnisse nehmen oft eine Wendung –

PEMPERER (leise zu LENI). Plausch’ nit, und setz’ Dich keinen Sottisen aus.

LENI. Ich küss’ d’ Hand Euer Gnaden für’n Dienst, und noch mehr für die g’schenckten Vierzehn Tag’.

PEMPERER (zu HORTENSIA). Wir wissen Ihr Haus zu schätzen, aber ’s Mädl tummelt sich fort, und ich als Vater muß ihr nach. (Macht eilig seine Verbeugung, und geht mit LENI, welche ihn bereits unter der Thüre erwartet zur Mitte lincks ab.)

HORTENSIA (allein, indem sie in die Seitenthüre rechts abgeht). Daß doch die gemeinen Leute gar so gemein sind. (Ab.)

 

3te Scene

STAUB (mit DICKKOPF von Mitte rechts eintretend). Ich werd’s gleich dem Herrn Principal melden. (Geht Seitenthüre lincks ab.)

DICKKOPF (allein). Wer in der Stadt seine Asyle hat, der wär’ ein Asinus, wenn er außer Land geh’n thät. Ich wand’re aus, aber nur von mein’n Bodenkammerl in der Kräutlerin ihr’n Gassenladen.

 

4te Scene

(HERR v. MAKLER, DICKKOPF, [STAUB].)

(HERR v. MAKLER tritt aus Seitenthüre, lincks auf, STAUB, welcher hinter ihm kommt, geht so gleich Mitte rechts ab.)

HERR v. MAKLER. Nun, Bester was bringen Sie mir?

DICKKOPF. A Bisserl a Geld, es is mir wieder a alte Schuld eingingen, Zweytausend, Siebenhundert Gulden. (Übergiebt HERRN v. MAKLER ein Paket.)

HERR v. MAKLER. Ein hübsches Sümmchen, wenn’s gleich keine runde Summe ist.

DICKKOPF. Nit wahr? um Dreyhundert Guld’n sollt’s mehr seyn –! o die hab’ ich malapropos verlieren müssen.

HERR v. MAKLER (das Geld überzählend). Seyn Sie froh, daß man von dergleichen alten Schuldposten nichts weiß (indem er am Secretair einige Zeilen schreibt), sonst würde Mancher an dem ehemahligen Cridatar Regress für seine Verluste suchen.

DICKKOPF. O, das war’ für das Gläubigervolck a Passion, wann’s einem alten Mann den Nothpfennig aus’n Sack stehlen könnt’, aber –

HERR v. MAKLER (indem er das Geld in den Secretair verspenrt). Dieser Nothpfennig ursprünglich schon nicht unbedeutend, ist unter meiner Verwaltung ein nahmhaftes Capital geworden. (Hat ihm die geschriebenen Zahlen überreicht.)

DICKKOPF. Wenn ich erst die Procente hätt’, die Sie damit ein’strichen haben –!

HERR v. MAKLER. Dann müßten Sie auch das Risiko übernehmen.

DICKKOPF (erschreckend). Um keine Welt, nein! Ich könnt’ keinen Verlust mehr überleben.

HERR v. MAKLER. Sie sind ein Geizhals, folglich kein Speculant.

DICKKOPF (mit weinerlichem Ingrimm die Faust ballend). Seitdem mich der verstorb’ne Lärminger um so viel Geld prelllt hat –

HERR v. MAKLER. Aber werden Sie denn nie von dieser Marotte lassen?

DICKKOPF (sich die Augen trocknend). Jetzt thut’s mir erst doppelt weh, denn ich heurath’.

HERR v. MAKLER. Sie heurathen –?

DICKKOPF. Die armen Kleinen kommen um ihr Vermögen –!

HERR v. MAKLER. Was für arme Kleine?

DICKKOPF. Ja für was heurath’ ich denn? Glauben Sie, ich werd’ ohne Familie bleiben?

HERR v. MAKLER. Und wer ist die Glückliche?

DICKKOPF. Ein holdes Wesen, eine Kräutlerin.

HERR v. MAKLER. Ah die, wohin ich immer Alles an Sie Kommende, senden mußte.

 

5te Scene

(HORTENSIA; DIE VORIGEN.)

HORTENSIA (aus Seitenthüre rechts kommend, und nur über die Bühne gehend). Eben steigen Frau von Lärminger und Tochter aus dem Fiaker.

HERR v. MAKLER. Ah charmant!

DICKKOPF (betroffen). Die Lärminger –!? (Zugleich.)

 

6te Scene

(DIE VORIGEN ohne HORTENSIA.)

DICKKOPF. Die kommt zu Ihnen in’s Haus?

HERR v. MAKLER. Ja wohl, die Tochter ist ja die Braut meines Sohnes. (Geht einige Schritte gegen die Thüre Mitte lincks.)

DICKKOPF (heftig erschrocken für sich). Ha, und der Casimir kommt in diese Familien-Melange –!? Entsetzliche Tragweite –! Da is mein Vermögen-Geheimniß nicht mehr sicher ––

HERR v. MAKLER (ihm das Fortgehen andeuten wollend, und wieder nach Vome kommend). Unser Geschäft ist also abgemacht.

DICKKOPF (mit ängstlicher Hast). Nein, jetzt geht’s erst recht an!

HERR v. MAKLER. Wie so?

DICKKOPF (mit gesteigerter Ängstlichkeit und Eile). In einer Stund komm’ ich – es is wichtig, mehr als wichtig! und haben Sie die Gefälligkeit bey Todesstrafe zu die Kupferschmiedischen nix zu sagen, daß wir uns kennen. (Eilt zur Mitte rechts ab.)

HERR v. MAKLER (ihm erstaunt nachsehend). Lächerliche Ängstlichkeit –!

 

7te Scene

(HERR v. MAKLER, dazu HORTENSIA, FRAU v. LÄRMINGER und MARIE)

HORTENSIA (FRAU v. LÄRMINGER und MARIE mit gegenseitigen Complimenten hereinführend zur Mitte lincks). Unendlich erfreut –! Leider ist er noch nicht hir! (Zu MARIEN.) Nur nicht so schüchtern, meine Liebe.

FRAU v. LÄRMINGER. Der Vormund war’ gern mitgekommen, aber –

HERR v. MAKLER. Ohne Zweifel hat er keine Zeit.

FRAU v. LÄRMINGER. Wie gewöhnlich. (Zu MARIE.) Jetzt mach’ du die nähere Bekanntschaft Deiner künftigen Schwiegermama, und (zu HORTENSIA) den Herrn Gemahl bitt’ ich auf einen kurzen Geschäfts-Discurs mir zu überlassen.

HORTENSIA. Mit besonderem Vergnügen. (Zu MARIEN.) Kommen Sie. (Geht mit MARIEN in die Seitentbüre rechts ab.)

 

8te Scene

(HERR v. MAKLER, FRAU v. LÄRMINGER)

HERR v. MAKLER. Ich stehe zu Befehl –

FRAU v. LÄRMINGER. Was is es mit Ihrem Sohn? – er kommt nicht, es schaut’ so aus –

HERR v. MAKLER. Sie werden doch nicht an seiner Sehnsucht zweifeln nach dem Brief, welchen er an Marien geschrieben hat.

FRAU v. LÄRMINGER. Was Briefe! Da soll er seyn.

HERR v. MAKLER. Bis heute Abend trifft er ein, und wird – aber woher diese Ungeduld, als wären Sie selbst die Braut –?

FRAU v. LÄRMINGER. Die seinige wohl nicht, aber halb und halb bin ich eine.

HERR v. MAKLER. Wie? Heurathspläne –?

FRAU v. LÄRMINGER. Na ob! vernünftige natürlich; ich heurath’ einen Menschen von mein’n G’schäft, ohne Vermögen, aber brav, sehr brav. D’rum möcht’ ich daß die Marie so g’schwind als möglich –

 

9te Scene

(NIKLAS, CASIMIR; DIE VORIGEN.)

NIKLAS (zur Mitte lincks eintretend). Ich bitt’, da is Einer der sich nicht aufhalten laßt.

CASIMIR (zu NIKLAS, welchem er auf dem Fuß folgt). Zu was capricieren Sie sich also aufs Anmelden.

NIKLAS (geht zur Mitte lincks ab).

FRAU v. LÄRMINGER (erstaunt, für sich). Der Casimir –!?

HERR v. MAKLER (zu CASIMIR). Mein Herr bey mir ist es der Brauch –

CASIMIR. G’rad hab’ ich Ihnen sagen wollen, daß es bey mir der Brauch is, nie zu dem einen Bedienten z’ benutzen, was ich selber thu’n kann. Ich melde mich persönlich als den Vollstrecker eines Aktes der Gerechtigkeit.

HERR v. MAKLER (etwas betroffen). Gerechtigkeit –? Sie sind –?

CASIMIR. Entschuldigen, Sie fürchten vielleicht speciell die Justiz, und ich hab’ Ihnen durch den allgemeinen Ausdruck „Gerechtigkeit“ einen unnöthigen Schrecken g’macht.

HERR v. MAKLER. Ich verstehe Sie nicht.

CASIMIR. Ich bin nur Privatbeauftragter, keineswegs aber officiell Sanctionierter, und Sie sind nur zufälliger Innhaber des Schauplatzes, keineswegs aber Gegenstand meiner Angelegenheit.

HERR v. MAKLER (unsicher). Ich fange an, Sie immer weniger zu versteh’n.

CASIMIR. Dann können Sie nix G’scheidter’s thu’n, als diejenige rufen, die mich versteh’n wird, die Fräule Lärminger.

HERR v. MAKLER (mit gesteigerter Verwunderung). Lärminger –? Hir ist ihre Mutter.

CASIMIR. Warum soll sie nicht dabey seyn? Überhaupt, es kann dabey seyn, wer will.

HERR v. MAKLER (wie oben, für sich). Dieser Mensch – ich begreiffe ihn gar nicht. (Geht zur Seitenthüre rechts.) Hortensia! Fräul’n Marie! einen Augenblick möcht’ ich bitten –! (Sagt diese Worte, während er schon in die Seitenthüre rechts abgegangen ist.)

 

10te Scene

(DIE VORIGEN ohne HERRN v. MAKLER)

FRAU v. LÄRMINGER. Casimir –!

CASIMIR. Frau Meisterin –?

FRAU v. LÄRMINGER. Nicht doch! (Mit kaum verhehlter Zärtlichkeit) Warum verfolgen Sie mich hirher, da Ihnen mein Haus offen steht?

CASIMIR. Wo, Sie haben keine Ahnung –!

FRAU v. LÄRMINGER (wie oben). Mäßigen Sie sich –

CASIMIR. Sie haben keine Ahnung ––!

FRAU v. LÄRMINGER (wie oben). Nun von was denn?

CASIMIR. Von dem Disput, den Ihr Fiacker unt ang’fangt hat.

 

11te Scene

(HERR v. MAKLER, HORTENSIA, MARIE; DIE VORIGEN.)

HERR v. MAKLER (mit HORTENSIA und MARIE aus der Seitenthüre rechts kommend). Dieser Mensch da –

MARIE (erschreckend, für sich). Der Casimir –!

HERR v. MAKLER (seine Rede fortsetzend). Spricht verworr’nes Zeug von Aufträgen an Sie.

CASIMIR (zu MARIE,). Ich bin von dem gesandt, dem Sie gesendet – versteh’n Sie mich?

MARIE (bey Seite). Himmel, vom Franz –!

HERR v. MAKLER. Er spricht gar nicht wie ein and’rer Mensch –

HORTENSIA (zu HERRN v. MAKLER). Du lasst auch jeden Hergelauffenen herein.

CASIMIR (zu HERRN v. MAKLER). Is das die Frau Liebste? ah freylich, es kann ja keine Liebere geben. (Zu HORTENSIA mit tiefer Verbeugung.) Ich schätze mich glücklich jetzt erst Ihre Bekanntschaft zu machen.

HERR v. MAKLER (ungeduldig). Kommen Sie zum Zweck!

CASIMIR. Von wegen des Auftrag’s, welchen mir der Franz gegeben, sollt’ ich ein strenger Ausrichter seyn, aber dennoch (mit einem Blick affectierter Devotion auf HORTENSIA, welche, so oft er sich an sie wendet, ihn mit stolzer Verachtung mißt) der Dame wegen werd’ ich als eigenmächtiger Milderer verfahren. Also hören Sie. (Die Stellung und den Ton des Franz parodierend zu MARIE) „Meine Gefühle sind im Innersien verletzt, es ist nöthig für meine Ehre, für meine Rache“ – (in natürlichem Tone) so sagt er; (begütigend) „Die Sach bitzelt ihn halt“ – so sag’ ich. (Wie oben parodierend.) „Kam je eine Klage, ein Murren über meine Lippen? wie konnte Jemand sich berechtigt glauben, mir ein Almosen zuzuschleudern“ – (in natürlichem Tone) so sagt er; (begütigend) „Er verdienet sich, was er braucht, und will sich nichts schencken lassen“ – so sag’ ich. (Wie oben parodierend.) „Nehmen Sie zurück den Betrag der Verletzung, die Summe der Erniedrigung, denn die Ehre wird auch in der Verhältnisse zwangvollen Fesseln, nie die Gefühle des innersten Dranges würdevoller Haltung edlen Stolzes verläugnend, in der Selbstverachtung schmachvollem Pfuhle untergeh’n“ – (in natürlichem Tone) so hat er mir’s aufgeben; (begütigend) und, „Sie sollen ihn halt für keinen Solchenen halten, und da is das ganze Gerstl retour“ – so richt ich’s aus. (Überreicht MARIEN die Drey, in einem Couvert befindlichen Banknoten.)

FRAU v. LÄRMINGER (mit Befremden zu MARIEN). Hast denn du dem Franz was g’schickt?

MARIE (in großer Verlegenheit). Ich werd’ Ihnen Alles sagen.

HERR v. MAKLER. Franz? was ist das für ein Franz?

CASIMIR. Der Franz Glimmer.

FRAU v. LÄRMINGER. Der Sohn von unserm verstorb’nen Werckführer.

HERR v. MAKLER. Ah nun begreift’ ich – (Leise zu MARIEN.) Sie haben sich da in eine unangenehme Situation gebracht. Die Geschichte wird bekannt werden, und das dürfte Sie vielleicht, mehr noch als die Liebe meines Sohnes und unser Wunsch, bestimmen, die Verlobung zu beschleunigen.

MARIE (leise zu MAKLERN). Der Grund war –

HERR v. MAKLER (leise zu MARIEN,). Überzarte Gewissenhaftigkeit, weiß es – (Imponierend zu CASIMIR) Sagen Sie diesem Herrn Franz, wenn seine Armuth das Mitleid einer gefühlvollen Seele erregt, so soll er froh seyn, und nicht –

CASIMIR. Auch für diesen Fall hab ich einen Auftrag. (Wie oben Ton und Haltung von Franz parodierend.) „Wenn ein Unbefugter sich d’reinmischt, bring’ ihn zum Schweigen; brilliantene Hemdknöpfeln schützen eine Kehle nicht, die Worte der Touschierung faselt“ – (in natürlichem Tone) so saget der Franz, aber – (begütigend) „Ihnen geht’s ja gar nix an, lieber Herr von Makler“ – so sag’ ich; ich mild’re Alles.

HERR v. MAKLER (beleidigt). Erlauben Sie –

HORTENSIA. Wozu machst du Umstände? (Gebietherisch zu CASIMIR.) Fort aus unser’m Hause!

CASIMIR (HORTENSIA mit offeriertem Entzücken betrachtend). Herrliche Dame! wie sie den sehnlichsten Wunsch in meiner Seele lest! (Zu HERRN v. MAKLER.) Um gar keine Frau beneid’ ich Ihnen, als um diese. Ich muß mich losreißen. (Zu MARIEN.) Wollen Sie nachschau’n, daß nix fehlt an die Dreyhundert Gulden, dann scheid’ ich für immer[.] (Einen schmachtenden Blick auf HORTENSIA werffend, die sich mit schroffer Geringschätzung von ihm abwendet.)

FRAU v. LÄRMINGER (leise zu CASIMIR). Aber Casimir –

HERR v. MAKLER (leise zu MARIEN). Also Sie haben ihm nur Dreyhundert –

MARIE (leise zu MAKLER) Nein das Ganze hab’ ich ihm g’schickt, was ich von Ihnen –

HERR v. MAKLER (zu MARIEN So –? ah, da muß man gleich – (Laut zu CASIMIR.) Guter Freund, das geht nicht so! Wenn dieser Herr Franz aus Bettelstolz Wohlthaten von sich weist, dann muß er auch das Ganze rückerstatten.

CASIMIR (auf das Paket zeigend welches MARIE in Händen hat). Das is ja das Ganze; die Fräule wird doch wissen –

HERR v. MAKLER. O ja, und eben deßhalb schickt man nicht Drey Hundert Gulden zurück, wenn man Drey Tausend empfangen.

FRAU v. LÄRMINGER (zu MARIEN). Du bist ja besessen –!

CASIMIR (betroffen). Was –?! Betrug offenbar –!

HERR v. MAKLER. „Diebstahl“ ist das bezeichnendere Wort.

MARIE. Um’s Himmelswillen, Herr von Makler –!

CASIMIR. Sie werden doch nicht glauben, daß der Franz –? Das Paket is nicht directe in seine Hand gekommen.

HERR v. MAKLER. Dann fällt der Verdacht auf Sie, mein Herr.

CASIMIR (etwas verblüfft, aber doch mit Entrüstung). Was –!?

HERR v. MAKLER. Ich lasse Sie verhaften! (Läutet.) He, Comptoiristen! Dienerschaft!

FRAU v. LÄRMINGER (leise und dringend zu HERRN v. MAKLER). Aber was thun S’ denn!? Das (auf CASIMIR zeigend) is ja der, den ich heurathen will.

HERR v. MAKLER (verblüfft). Wer –?

FRAU v. LÄRMINGER (wie oben). Und Sie wollen ihn mir verhaften –!

HERR v. MAKLER (wie oben). Wen –?

FRAU v. LÄRMINGER (wie oben). Den Casimir hir, den Stiefsohn des Herrn Dickkopf.

HERR v. MAKLER (perplex). Was –!? ist es die Möglichkeit –!?

 

12te Scene

(STAUB, ZWEY SCHREIBER, NIKLAS; DIE VORIGEN.)

(DIE ZWEY SCHREIBER treten mit STAUB zur Mitte rechts, NIKLAS tritt zur Mitte links ein, sie bleiben sämtlich gleich an der Thüre stehen.)

STAUB, DIE ZWEY SCHREIBER, NIKLAS. Befehlen –?

HERR v. MAKLER (auf CASIMIR zeigend). Ich habe mit diesem Herrn allein zu sprechen. Hinaus!

STAUB, DIE ZWEY SCHREIBER und NIKLAS (verneigen sich und gehen ab, wie sie gekommen sind).

HERR v. MAKLER. Theure Hortensia, willst du gefälligst mit den Damen – (Winckt ihr, daß sie dieselben in ihr Zimmer führen soll)

HORTENSIA. Das ist doch merckwürdig –

FRAU v. LÄRMINGER (im Abgehen zu HORTENSIA). Sollen Alles erfahren verehrte Freundin – (Geht mit MARIEN und HORTENSIA zur Seitenthüre rechts ab.)

 

13te Scene

(HERR v. MAKLER, CASIMIR)

CASIMIR (stutzend für sich). Die Verhaftung verwandelt sich in eine Unterredung.

HERR v. MAKLER (simulierend für sich). Den heurathet die Lärminger –? hm, da könnte so Manches zur Sprache kommen – ich muß mich sicher stellen. (Zu CASIMIR auffallend artig.) Ich wußte nicht daß ich das Vergnügen habe, den Stiefsohn des Herrn Dickkopf –

CASIMIR (Verletztseyn und Niedergeschlagenheit affectierend). Der bin ich wohl, aber da is nichts so Verdinstliches d’ran; das hebet den Verdacht nicht auf, der auf mir lastet.

HERR v. MAKLER (sehr freundlich). Unsinn! Verdacht –

CASIMIR. Meine Unschuld is noch immer ein unerwiesener Gegenstand.

HERR v. MAKLER (wie oben). Offenbar ist’s nur ein Irrthum.

CASIMIR. Ich war über die Beschuldigung ganz perplex, und hab’ meine Ehrenhaftigkeit nicht scharf genug markiert, das war der Fehler. In dem Moment, wie Ihnen der Verdacht herausg’rutscht is, hätt’ ich Ihnen mit samt dem Verdacht gleich niederschlagen sollen, dann hätt’ jetzt Alles ein and’res G’sicht, nahmentlich Sie, aber so –

HERR v. MAKLER (begütigend). Aber wie können Sie –

CASIMIR. Und selbst, wenn ich es jetzt noch nachträglich thäte – (Nimmt eine etwas drohende Miene an.)

HERR v. MAKLER (etwas zurückweichend). O, ich bitte –

CASIMIR. Seyn Sie unbesorgt – (mit melancholischer Abgespanntheit) jetzt machet’s nicht mehr den Effect; ich hab’ den rechten Moment verpaßt, so was ist nicht mehr nachzuholen.

HERR v. MAKLER (äußerst freundlich). Nichts mehr davon! Meine Absicht ist nur Ihnen darzuthun, daß ich immer ein Mann von strengster Rechtlichkeit war.

CASIMIR. Zu was sagen Sie mir das? Hab denn ich Ihnen arretieren lassen woll’n?

HERR v. MAKLER. Sie sollen wissen, daß Ehrlichkeit stets die Basis meiner Geschäfte war, Sie sollen Wunderdinge hören. (Sieht auf seine Sackuhr.)

CASIMIR. Ich sperr’ jetzt schon Augen und Maul auf.

HERR v. MAKLER (nach lincks zeigend). Wollten Sie sich in jenes Cabinet bemühen, und mir Ihr Ehrenwort geben, nicht herauszukommen, bis ich Sie hole?

CASIMIR. Das schon, – (reicht ihm die Hand) aber ich möcht’ keinen zweyten Verdacht erheben, es könnte etwas Schnipfbares drin seyn –

HERR v. MAKLER. Nicht doch –

 

14teScene

(STAUB; DIE VORIGEN)

STAUB (von Mitte rechts, tritt meldend herein). Herr Dickkopf –

CASIMIR (erstaunt). Was!? mein Stiefpapa –!?

HERR v. MAKLER (zu STAUB) Einen Augenblick warten.

STAUB (geht ab, wo er gekommen.)

HERR v. MAKLER (dringend und mit Wichtigkeit zu CASIMIR). Nur schnell hinein! und horchen Sie auf jedes Wort.

CASIMIR (erstaunt im Abgehen). Wenn’s nicht respectswidrige Familiarität mit’n Himmel wär’, so saget ich, ich bin aus’n Wolken g’fall’n. (Seitenthüre links ab.)

 

15te Scene

(HERR v. MAKLER, dazu DICKKOPF, CASIMIR (im Cabinet))

HERR v. MAKLER (zur Mittelthüre rechts eilend, und hinausrufend). Nur herein, lieber Herr Dickkopf-!

DICKKOPF (in großer Aufregung und Unruhe eintretend). Ich hab keine Ruh’ und kein Rast –

HERR v. MAKLER. Setzen Sie sich.

DICKKOPF. Auf ein’n Sessel? in diesem Leben nie mehr, nur auf meinem Geld will ich sitzen.

HERR v. MAKLER. Sie wissen doch, daß es bey mir gesichert ist.

DICKKOPF. Ich reis’ ja fort, – muß fort. Bis wann kann ich Alles beheben?

HERR v. MAKLER (absichtlich recht laut, damit es CASIMIR hören soll). Ihr Vermögen meinen Sie ––?

CASIMIR (mit Verwunderung den Kopf ein wenig zur Thüre herausstreckend für sich). Was –!? er hat Vermögen –?

HERR v. MAKLER (winckt CASIMIR, sich zurückzuziehen, worauf dieser sogleich verschwindet).

DICKKOPF (unruhig). Was is denn –?

HERR v. MAKLER. Mein Bedienter war’s –. Sie können also Ihr Capital samt Zinsen, und vollständigem Ausweis bis Morgen um diese Stunde beheben.

DICKKOPF. Das is g’scheidt, denn wissen S’ es pressiert – sogar die Heurath geht erst unterwegs vor sich, wenn der train wo länger als Zehn Minuten anhalt’t.

HERR v. MAKLER. Ich staune –,! diese Wendung muß ja mit unglaublicher Schnelligkeit – vor kaum Einer Stunde noch haben Sie (absichtlich sehr laut) Zweytausendsiebenhundert Gulden bey mir angelegt!

CASIMIR (wie oben den Kopf zur Thüre herausstreckend). Aha –!

HERR v. MAKLER (winckt ihm sich zurückzuziehen, worauf dieser sogleich verschwindet).

DICKKOPF (ängstlich, über MAKLERS Bewegung). Was is’s denn?

DICKKOPF. Geben S’ ihm a Ohrfeig’n, dem Kerl –

HERR v. MAKLER (absichtlich laut). Ich hoffe, er wird mich verstanden haben, und sich nicht muthwillig um die Vortheile seiner Stellung bringen. (In das vorige Gespräch einlenckend.) Sie wünschen also Ihr Vermögen? (Scharf betonend, und absichtlich laut.) Meinen Sie darunter nur das Ihrige, oder auch das von Ihrer verstorbenen Frau?

DICKKOPF. Beydes, versteht sich, bey ein’n Kreutzer!

HERR v. MAKLER (wie oben). Letzteres gehört aber von Rechtswegen Ihrem Stiefsohn.

DICKKOPF (ärgerlich). Geht Ihnen das was an? Sie verwalten’s schon seit Fufzehn Jahr, zu was fragn S’ jetzt?

HERR v. MAKLER. Und habe reichliche Intressen zu Capital geschlagen – Aber ich muß Ihnen sagen, ich bin froh, wenn ich’s nicht mehr in Händen habe, denn es ist doch gewisser Maßen ein Eingriff –

DICKKOPF. Larifari! so ein’n Purschen wird man Geld in d’ Hand geben, das war’ ’s Wahre!

HERR v. MAKLER. Handeln Sie von Morgen an nach Gutdüncken, Gut ist es, daß Ihr Stiefsohn von seinem Vermögen nichts weiß.

DICKKOPF (schlau). Na ob das gut is!

HERR v. MAKLER. Denn er ist majorenn, und wenn er heute käme, und sagte zu mir: „Herr, mein mütterliches Erbtheil, wo ist’s?“ – ich müßte es ihm hinauszahlen bey Heller und Pfennig.

DICKKOPF (mit pfiffiger Zuversicht). Ja freylich müßten Sie das, wenn er käme, aber das is ja das Schöne, daß er nicht kommen kann.

HERR v. MAKLER. Freylich – nicht (bey Seite) weil er schon da ist.

DICKKOPF. Er hat ja keine Ahnung; o, da bin ich sicher.

HERR v. MAKLER (das Gespräch abbrechen wollend). Gut also, bis Morgen erhalten Sie, was ich von Ihnen habe.

DICKKOPF (mit häuchlerischer Gutmüthigkeit). Und ich thu’s ja nur zu seinem Besten; er is ein Lump, sag’ ich Ihnen.

HERR v. MAKLER (besorgt nach der Seitenthüre lincks blickend, als ob er fürchtete, CASIMIR könne herausstürzen). Vielleicht thu’n Sie ihm Unrecht – (Zieht sich immer mehr zur Seitenthüre rechts.)

DICKKOPF (ihm unwillkührlich folgend). Unrecht –? Der Casimir ist ein liederliches Tuch[.]

HERR v. MAKLER. Nun leben Sie wohl, mich ruft ein wichtiges Geschäft.

DICKKOPF (fortfahrend). Ein incurables moffe sischeh! Adje!

HERR v. MAKLER (ist mit den letzten Worten DICKKOPFS in der Seitenthüre lincks verschwunden).

DICKKOPF (allein). Alles in Ordnung – nix vergessen – jetzt aber reißt’s mich zu derjenigen, wo man sich selbst vergißt. (Geht zur Mitte rechts ab.)

 

 

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau Lärminger

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger