Heimliches Geld, heimliche Liebe, II/7–14

    

 

Verwandlung

 

(Hausmeister Wohnung in dem selben Hause, wo Dickkopf, Casimir und Franz ihr Dachzimmer bewohnen. Lincks Seitenthüre, rechts ein Tisch und ein alter ordinärer Lehnstuhl. Mittelthüre.)

 

7te Scene

(PFANZER, REGERL)

PFANZER (kommt aus der Seithenthüre mit Licht). Zehne hat’s g’schlag’n; jetzt geht die Plag wieder mit’n Aufsperren an. (Stellt das Licht auf den Tisch und sinckt in den Lehnstuhl.)

REGERL (kommt zur Mittelthüre herein). Zug’sperrt is’s. (Legt den Hausschlüssel auf den Tisch.) ’s wird nit viel seyn heut’, d’ Partheyen seyn fast alle schon z’ Haus.

PFANZER. Schmutzerey.

REGERL. Zwischen Dreyviertel und Zehn kommen s’ gerennt, wie die Windspiel.

PFANZER. Schmutzerey; daß sie ’s Sperrgeld erspar’n. (Man hört an der Hausglocke läuten.)

REGERL (hat einen Wollstrumpf genommen, an welchem sie strickt, und sich auf einen Stuhl lincks gesetzt). Hörst –? g’läut’t wird. – Na – rührst dich nit? (Es wird wieder an der Hausglocke geläutet.)

PFANZER. Hörst –? g’läut’t wird. – Na – rührst dich nit?

REGERL. Heut’ Nacht is Dein Tag, mein’ Nacht is morg’n.

PFANZER. Wannst aber noch auf bist, so seh’ ich nit ein – (Es wird zum Drittenmahl geläutet.) Na, na – reißts d’ Glocken ab! REGERL (nimmt den Hausschlüssel vom Tisch, und geht langsam ab).

PFANZER (allein). Dreymahl läuten, nacher zahln s’ Zwey Kreutzer, Schmutzerey! und man muß Schlaf und G’sundheit opfern.

 

8te Scene

(MARIE; DIE VORIGEN.)

(MARIE ist sehr einfach gekleidet, und hat ein ordinäres Umhängtuch über dem Kopf)

REGERL (zu MARIEN, mit welcher sie zur Mitte eintritt). Ich bin’, das müssen S’ mein’n Mann geb’n.

PFANZER (ohne aufzustehen, und ohne sich umzuseh’n). Was is’s?

MARIE. Ein Packet, das heißt, nur ein Briefpacket –

PFANZER. Ich nimm nix als Sperrgeld.

MARIE. Vielleicht ausnahmsweise diese Fünf Gulden Trinckgeld –? (Giebt ihm eine Bancknote.)

PFANZER (erstaunt aufstehend). Das is wircklich a Ausnahm’ bey der jetzigen Schmutzerey – (Macht sein Compliment und nimmt die Bancknote und das Packet.)

MARIE. Es g’hört für ein’n jungen Kupferschmied hir in Haus, für’n Herrn Franz.

PFANZER. Aha, das is einer von die Dickkopfischen jungen Leut – (Bey Seite.) Der Teufel kennt sich aus mit der Verwandtschaft. (Sehr gefällig zu MARIEN.) Steh’ zu Diensten; (sich wieder in den Lehnstuhl setzend) mein Weib wird’s glei hinauftrag’n.

REGERL (zu MARIEN). Er is aber heut’ noch nit z’ Haus.

PFANZER (zu MARIEN). Wissen S’ vielleicht wo er is? ich steh’ zu Diensten, mein Weib rennt glei hin.

MARIE (ängstlich). Nicht zu Haus –? am End’ begegn’ ich ihn, wenn ich jetzt –

PFANZER. Ja, das is schon öfters g’scheh’n, daß wer wem begegnet hat. Wolln S’ ihm’s vielleicht selber geb’n?

MARIE. Nein, geben Sie ihm’s, aber nur ihm, eigenhändig, wie er kommt.

PFANZER. Steh’ zu Diensten, mein Weib wird schon –

MARIE. Gott, wenn er jetzt so kam’ –! (Zu PFANZER.) Lassen S’ mich jetzt nur g’schwind hinaus.

PFANZER. Steh’ zu Diensten; Weib mach’ auf!

MARIE (legt ein Geldstück auf den Tisch). Diesen Silberthaler bin’ ich als Sperrgeld – aber nur g’schwind! (Eilt von REGERL begleitet schnell zur Mitte ab.)

 

9te Scene

(PFANZER, allein, dann NAZL.)

PFANZER (allein). Weg’n ein’n Packet an ein’n Kupferschmied ein’n Silberthaler Sperrgeld, dieses Metall-Verhält-niß machet Sensation auf der Bors’.

NAZL (zur Mitte eintretend). Seyn Sie der Hausmeister?

PFANZER (verwundert). Wo kommt denn der Bua her?

NAZL. Von der Gassen; d’ Frau Hausmeist’rin hat Eine hinauslassen bey der G’legenheit bin i hereing’wischt.

PFANZER. So? ’s Sperrgeld her!

NAZL. Für ’s Hereinkommen soll i zahl’n, wann i schon da bin? Spur!

PFANZER. I wirft dich hinaus –!

NAZL. Dann kriegen S’ für’s Fortgeh’n a nix.

 

10te Scene

(REGERL; DIE VORIGEN.)

REGERL (zur Mitte zurückkehrend). Was giebt’s denn da?

NAZL. Ein’n Brief an Herrn Dickkopf.

NAZL. Das steht schon drinn in Brief. (Bey Seite.) Was braucht denn der z’wissen, daß er von der Kupferschmiedin is.

REGERL (zu NAZL). Der Herr Dickkopf is z’ Haus, trag’ ihn nur selber hinauf; wir seyn nit für’s Brieftrag’n da.

NAZL (hat das auf dem Tisch liegende Paket erblickt, und es neugierig betrachtet). Sie da liegt was für’n Mussi Franz – das könnt’ i ja auch glei mitnehmen.

PFANZER. Wirst es liegen lassen!

REGERL. Die Frau wurd’ sich bedancken wenn man so was ein’n Bub’n gäbet, ’s steht ja „eigenhändig“ d’rauf.

NAZL (beleidigt). Na freyli! ’s g’rad als ob man’s stehl’n wollt’. – (Für sich.) Also unser Fräule hat’s bracht – das sag’ i jetzt justament dem alten Dickkopf. (Laut.) Vierten, Stock, nitwahr?

REGERL. In Fünften; Bodenstieg’n lincks die Thür’.

NAZL. Hab’n Sie denn das Frau’nzimmer nit kennt, die das Paket bracht hat?

REGERL. Nein.

PFANZER (neugierig zu NAZL). Weißt etwan wer sie is?

NAZL. I hab Ihnen nur sag’n woll’n, daß ich s’ auch nit kenn’.

(Geht zur Mitte ab.)

 

11te Scene

(PFANZER, REGERL)

REGERL. Mann das kommt mir curios vor. Fünf Guld’n und ein’n Thaier zahl’n, und a Tüchel über’n Kopf – das geht mir nit z’samm.

PFANZER. A Kopftüchel hat s’ g’habt?

REGERL. Das mußt doch g’seh’n hab’n.

PFANZER. Ich seh’ gar nix, wann i schläfrig bin.

REGERL. Und in ein’n Fiaker is s’ eing’stieg’n vor’m Haus.

PFANZER. A klaarer Beweis, daß s’ nit z’ Fuß gangen is – und a Kopftüchel [–]

REGERL. Das geht mir nit aus’n Kopf.

PFANZER. Und mir geht’s gar nit hinein in Kopf, weil i z’ schläfrig bin.

 

12te Scene

(DICKKOPF, NAZL; DIE VORIGEN.)

(DICKKOPF hat einen alten Schlafrock an, ist aber übrigens vollständig angekleidet.)

DICKKOPF (mit NAZL zur Mitte hereinkommend zu PFANZER). Sie, Herr Hausmeister, seyn S’ so gut, lassen S’ den Bub’n hinaus.

PFANZER. Wenn er ’s Sperrgeld hat –

NAZL. Na freyli hab ich’s.

DICKKOPF (sehr freundlich zu den Hausmeisterleuten). Und wenn er’s nit hätt’, glaub’n Sie, ich ließ’ das angeh’n, daß Sie oder d’ Frau Gemahlin sich umsonst bemüheten?

PFANZER (über DICKKOPFS Artigkeit frappiert). Was –?!

REGERL (zu NAZL). Komm’!

NAZL (im Abgeh ’n). Hereinkommen bin i halt doch umsonst!

(Mit REGERL zur Mitte ab.)

 

13te Scene

(DICKKOPF, PFANZER.)

PFANZER. Sie hab’n sich jetzt g’rad so geäußert, als ob’s Ihnen einfallet, daß Sie schon Fünfmahl ’s Sperrgeld schuldig blieb’n seyn.

DICKKOPF (freundlich). Fünfmahl? Ich hab’ glaubt Viermahl –macht nix; wegen dieser Ausgleichung bin ich eigentlich da. Hir werthester Freund – (Legt etwas kleine Münze auf den Tisch.)

PFANZER. ’s is eh’ a Blutgeld, für was man sein’n Schlaf verkauft.

DICKKOPF. Unter anderm, ein Paket is ja kommen, an mein’n Franz?

PFANZER. Ja, da liegt’s. (Auf den Tisch zeigend.)

DICKKOPF. Ich werd’s gleich mit hinaufnehmen. (Langt nach dem Packet.)

PFANZER (aufspringend, und sich mit beyden Händen über das Paket werffend). Halt –! Das war’ g’fehlt! „Eigenhändig“ hat sie gesagt, die Gnädige mit’n Kopftüchl –

DICKKOPF. Na ja, ich will ihm’s ja eigenhändig übergeben.

PFANZER (etwas verblüfft). Ja wissen S’ – (ärgerlich) machen S’ mi nit confus, mit ein’n Wort, i gib’s nit her.

DICKKOPF (sich gleichgiltig stellend). Is mir auch recht. Ich hab dem Herrn Pfanzer nur woll’n a Müh’ ersparen. Mir hat g’rad’ mein Franz g’schrieben, er braucht’s an der Stell’, es seyn Papir’ drinn wegen sein’n Paß, und ich möcht’ die Güte hab’n, und möcht’ ihm’s gleich bringen.

PFANZER. Das wird schon von uns aus g’scheh’n, sagen S’ uns nur wo er is.

DICKKOPF. Das kann ich Ihnen in Zwey Minuten explicieren, aber z’ geh’n haben S’ halt a Dreyviertel Stund.

PFANZER (mißmuthig überlegend). Wann i auch mein Weib schick’, müßt i derweil aufsperrn da –

DICKKOPF (drängend). Also tummeln S’ Ihnen!, richten S’ Ihnen!

PFANZER. Tummeln? richten? mit mein’n Schlaf –? (In die Enge getrieben.) Warten S’ – (Überlegend.) Nit wahr? Sie seyn ja a Verwandter von Franz?

DICKKOPF. Er is der leibliche Sohn von meiner seeligen Schwester.

PFANZER. Dann bleibt’s ja in der Freundschaft, wann i Ihnen’s gib.

DICKKOPF. Freylich! Das „Eigenhändig“ is nur a Caprice, die Ihnen um’n Schlaf brächt’.

PFANZER (eilig). War’ mir nit lieb –! Da nehmen Sie’s. (Giebt ihm das Paket.)

DICKKOPF. Ich zieh’ nur mein’n Rock an, und trag’ ihm’s gleich hin. (Geht nach der Mittelthüre, und spricht zu REGERL welche er an derselben begegnet.) Schöne Frau, ich muß Ihnen heut’ schon nochmahl belästigen, schöne Frau. (Eilt mit galanter Verbeugung zur Mitte ab.)

 

14te Scene

(PFANZER, REGERL)

REGERL (ängstlich). Du Mann, der hat ja ’s Paket.

PFANZER. Na ja, i hab’ ihm’s geben, es hat ein’n Grund, – und weil er das schuldige Sperrgeld zahlt hat –

REGERL. Das is ja grad’ verdächtig.

PFANZER (etwas unruhig werdend). Glaubst –? Und „schöne Frau“ hat er zu dir g’sagt, das is noch verdächtiger.

REGERL. Wenn wir nur nit in G’schichten kommen. (Es wird an der Hausglocke geläutet.) Läut’t wer.

PFANZER. Ich mach kein Menschen mehr auf.

REGERL (das Licht nehmend, kopfschüttelnd). Hm, hm, mir kommt das Ganze verdächtig vor.

PFANZER (nachsinnend). „Schöne Frau“ das is schon das Verdächtigste von All’n.

(Beyde gehen kopfschüttelnd, REGERL nach Mitte, PFANZER nach Seitenthüre ab.)

 

 

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger