Heimliches Geld, heimliche Liebe, II/1–6

    

 

II. ACT

 

(Elegantes Zimmer im Hause des Herrn von Makler; Zwey Thüren im Prospect, rechts und lincks Seitenthüre. Lincks ein Secretair.)

 

1ste Scene

(HERR v. MAKLER, HORTENSIA)

(HORTENSIA sitzt im Vordergrunde rechte. HERR v. MAKLER kommt aus Seitenthüre links.)

HERR v. MAKLER (mit einem offenen Brief in der Hand). Endlich ist die Antwort unsers Sohnes da.

HORTENSIA. Nun, was schreibt er?

HERR v. MAKLER. Ein merckwürdiger Junge das! Nachdem er Drey Seiten von seinem Vergnügen und Geldangelegenheiten schreibt, erwähnt er ganz kurz unseres Heurathsprojec-tes. Höre! (Liest.) „Aus der Braut-Wahl, welche Sie für mich getroffen, erkenn’ [ich] Ihre väterliche Fürsorge, das Mädchen ist jung[,] hübsch, und was die Hauptsache ist, reich, – an meiner Einwilligung wie an meinem pünctiichen Eintreffen konnten Sie in vorhinein nicht zweifeln. Adolar.“

HORTENSIA. Das würdige Abbild seines Vaters.]

 

2te Scene

(LENI; DIE VORIGEN)

LENI (tritt weinend zur Mitte lincks ein). Ein Frau’nzimmer is draußt, und sie möcht’ allein mit’n (schluchzend) Herrn von Makler sprechen, sonst hat s’ nix g’sagt.

HERR v. MAKLER (verlegen). Liebste Hortensia, du begreiffst wohl, das kann nur in Geschäften seyn. (Zu LENI) Hat sie nicht gesagt, wer sie ist[?]

LENI (immer schluchzend). Nein, und i saget’s auch nit, wenn ich s’ kennet’ – und in Geheimniss’ misch’ i mi schon gar nit.

HERR v. MAKLER (immer verlegener). Geheimnisse –? (Zu HORTENSIA) Du begreiffst wohl, Hortensia, diese (auf LENI zeigend) alberne Person –

HORTENSIA (ärgerlich zu LENI). Was weint sie denn immer? Das werd’ ich mir verbiethen in meinem Hause.

LENI (weinend). Ihr Haus kann vielleicht recht g’spaßig seyn, aber ich muß weinen, –– und i werd’ schwerlich mehr aufhören, so lang i leb’.

HORTENSIA. Die Narrheit wird man ihr austreiben; Frau von Lärminger hat sie mir schon gehörig –recommendiert“. Nun lasse sie die Dame, oder was sie ist, herein.

LENI (schluchzend). Sie geht nit herein, wann der gnä Herr nit allein is.

HERR v. MAKLER (wie oben). Das ist doch sonderbar – (Zu HORTENSIA sich entschuldigend.) Du begreiffst wohl –

HORTENSIA. Ich gehe schon wenn ich auch nicht begreifet. (Geht Seitenthüre rechts ab.)

LENI. Jetzt werd’ ich ihr sagen, daß die Luft rein is. (Geht zur Mitte lincks ab.)

HERR v. MAKLER. Dummes Ding, so die Eifersucht meiner Hortensia zu reitzen –!

 

3te Scene

(HERR v. MAKLER, MARIE)

MARIE (zur Mitte lincks schüchtern eintretend). Herr von Makler –

HERR v. MAKLER (kaum seinen Augen trauend). Meine künftige Schwiegertochter –!? ich staune –

MARIE. Ich komm’ nicht zum Schwiegervater, sondern zum Geschäftsmann, Makler.

HERR v. MAKLER. Jetzt staune ich noch mehr! Das einzige mir denckbare Geschäft mit Ihnen, die Heurath mit meinem Sohne ist abgemacht; ich hoffe nicht, daß Sie es rückgängig machen wollen ––?

MARIE. Nein – g’wiß nicht – aber wenn man in einen ändern Stand tritt, so möcht’ man doch vorher – (Stockt.)

HERR v. MAKLER. Was möchten Sie?

MARIE (zögernd). Ich wünschte –– ich hätt’ nehmlich gern’ –ich trau’ mich so schwer heraus damit –

HERR v. MAKLER. Reden Sie ohne Rückhalt, was haben Sie?

MARIE (sich ängstlich umsehend). Schulden hab’ ich –!

HERR v. MAKLER. Schulden –? das ist wohl bey jungen Männern häufig der Fall, daß sie sich –rangieren- müssen, bevor sie zu Hymens Fahne schwören, aber wie könnte ein Mädchen ––?

MARIE. Es geht in die Tausend’.

HERR v. MAKLER (nicht wissend wie er daran ist). Es beliebt Ihnen einen Scherz zu machen –

MARIE. Hir sehen Sie, daß es Ernst is. (Giebt ihm ein Schmuck-Etui.)

HERR v. MAKLER (es öffnend). Perlen –! (ganz perplex) prächtige Zahlperlen –!?

MARIE. Perl’n hat meine seelige Frau Mutter g’sagt – von der sind s’ – Perl’n bedeuten Thränen; sie soll Recht haben, denn dasmahl bedeuten s’ Freudenthränen, wenn Sie mir Dreytausend Guld’n d’rauf leih’n.

HERR v. MAKLER (mit gesteigerter Verwunderung). Sie wollen sie mir als Pfand ––?

MARIE. Mein Vormund hat keine Zeit, und ich kenn’ sonst Niemanden – Auf Viertausend Gulden sind sie g’schätzt, – nicht wahr, Dreytausend Gulden werd’n Sie mir d’rauf leih’n, dann soll – mit einem Geschäftsmann kann man ja so reden –– das vierte Tausend Ihr Intresse seyn.

HERR v. MAKLER (mit mühsam verhehlter Begierde nach dem Gewinn). O, darum handelt sich’s nicht, – doch – nun ja – der Ordnung wegen – (Setzt sich eilig zum Secretair, und schreibt schnell ein Paar Zeilen, und spricht während dem zu MARIE.) Der wahre Geschäftsmann darf nie die Stellung vergessen, die er seinen Mitmenschen gegenüber einnimmt. (Aufstehend.) Wollen Sie gefälligst unterzeichnen? (Auf das Papier zeigend.) „Viertausend Gulden erhalten“ –

MARIE (die Feder nehmend, freudig). Sie geben mir also –?

HERR v. MAKLER. Was Sie verlangten. (Nimmt aus einem Schuhfache des Sekretaires mit Papierstreifen zusammengemachte Bancknotenpäckchen.) Hir, Eins, Zwey, Drey –– jedes Paketchen Zehn Stück a Hundert Gulden. (Übergiebt ihr das Benannte.)

MARIE. Das is schön von Ihnen; (nimmt das Geld in Empfang) ich werd’ Ihnen ewig danckbar seyn.

HERR v. MAKLER. Auf strengste Discretion dürfen Sie rechnen.

MARIE. Das hab’ ich bitten woll’n.

HERR v. MAKLER (sie an die Mittelthüre lincks begleitend). Der Geschäftsmann Makler macht sogar dem Schwiegervater Makler ein Geheimniß aus dem Geschäft.

(MARIE ist abgegangen.)

 

4te Scene

(HERR v. MAKLER, allein.)

HERR v. MAKLER (ihr verwunderungsvoll nachblickend). Bey meiner Ehre – ich gebrauche den Ausdruck selten, aber wenn es sich um Unglaubliches handelt, sage ich „bey meiner Ehre“ – das ist noch um einige Procente sonderbarer als sonderbar! – Meiner Frau muß ich es doch sagen. (Auf das in Händen habende Schmuckkästchen zeigend.) Hir der Beweis! Gott sey Danck, ich stehe gerechtfertigt vor meiner Hortensia da. (Geht Seitentbüre rechts ab.)

5te Scene

(PEMPERER, LENI)

PEMPERER (mit LENI zur Mitte lincks eintretend). Du meld’st mich einmahl bey Deiner Herrschaft, ich muß –

LENI (schluchzend). Die Frau von Lärminger hat mich ja so schon geschildert.

PEMPERER. Jetzt gib erst Acht, wie ich dich schildern werd’.

LENI. Aber zu was denn? (Weint.)

PEMPERER. Du mußt bewahrt werden für die Zukunft. Kein Liebhaber derf je zu dir, so lang du lebst; dafür muß mir Deine Herrschaft haften.

LENI. Wie könnt’ ich mehr an so was dencken? der Casimir war schlecht, für mich is Alles hin.

PEMPERER. Dem Filou hab’ ich’s unmöglich g’macht, selbst wenn er wieder wolltet, könnt’ er dich nicht finden; (feyerlich) auf dieser Welt siehst du ihn nimmermehr.

 

6te Scene

(CASIMIR; DIE VORIGEN.)

CASIMIR (rasch zur Mitte lincks eintretend). Leni –! (Bleibt ein Paar Schritte vor ihr steh ’n.)

LENI (fast starr vor Schreck). Der Casimir –!?

PEMPERER (wie vom Donner gerührt). Ja wie kommt denn der daher –?!

CASIMIR (ruhig zu PEMPERER). Sehr einfach, nachgangen bin ich Ihnen.

PEMPERER (für sich, aber laut). Dumm! wenn er vor mir gangen war’, hätt’ ich’s auf n ersten Blick bemerckt –

CASIMIR (im Tone des Vorwurfs zu LENL). Leni –! schreibunfähige Geliebte! wenn du lesen könntest, möcht’ ich dir s’ vorhalten, diese neueste Post, aber so –

LENI. Ich werd’ doch wissen, was ich dem Briefschreiber selber ang’sagt hab.

CASIMIR. So ––? dann bist du eine Schlange!

LENI. So? – ja freylich nach dem was du mir g’schrieben hast –

CASIMIR. Kein Wort anders, als wie’s wahr is, und wie ich’s im Herzen empfind’!.

LENI (böse werdend). Dann bist du ein – i hab mir das Wort nit g’merckt, der Vater hat’s g’rad’ vorher g’sagt.

PEMPERER. Filou.

LENI (zu PEMPERER). Das heißt doch so viel als, „Einer der d’Madln kränckt bis sterben“?

PEMPERER. Eigentlich nur, bis sie sich ein’n Ändern nehmen.

CASIMIR (zu LENL). Also das is die Erwiderung auf einen Brief beschwert mit aller erdencklichen Lieb’?

LENI (schmerzvoll). Lieb –? ja so schaut s’ aus die Lieb’ –(Zeigt ihm die zerrissenen Stücke seines Briefes.)

CASIMIR. Zerrissen –!? meine ganze Hingebung –!

PEMPERER (zu LENL). Zu was hebst du’s auf, wannst nit lesen kannst?

LENI. I könnt’s doch einmahl lernen.

CASIMIR. Herr Pemperer, Sie haben sich in der Litteratur bereits zu der Höhe aufgeschwungen, daß Ihnen die Cur-rentschrift kein Rebus mehr is. (Zu LENI) Her mit die Fragmente!

LENI. Was is das?

CASIMIR. Die Brieftrümmerln gib her! (Nimmt ihr selbe aus der Hand.) Jetzt setzen wir s’ z’samm, (zu PEMPERER) und unter Ihrer Leitung les’ ich s’ vor. (Legt auf dem Tisch die Fragmente des Briefes zusammen.) So – das is g’schwind g’scheh’n. (Liest) „Innigstgeliebte Leni –![“]

LENI (staunend). Im Ernst –?!

CASIMIR (lesend). „Lebe wohl, Dein –“

CASIMIR. Nein, das Stücki g’hört ja unten hin – (ordnet schnell die Stücke) jetzt wird’s recht seyn. (Liest.) „Denckst Du an mich? liebst Du mich? sehnst Du Dich um mich? –“ (Spricht.) Wie edel und keck die Drey Fragen hingeworffen sind!

PEMPERER (zu LENI) Merckst nicht daß er dich hianzt?

CASIMIR (mit einem bemitleidenden Blick zu PEMPERER). Hianzt? (Liest weiter.) „Deine Liebe, Deine Sehnsucht kann unmöglich den Grad der meinigen erreichen –“

LENI (kaum ihren Ohren trauend). I weiß gar nit, wie mir g’schicht –

CASIMIR (mit Selbstgefühl zu PEMPERER). Is das auch g’hianzt?

PEMPERER. Jetzt das is einigermaßen – je nachdem – lesen S’ weiter.

CASIMIR (lesend). „In Deinen Armen ist Seeligkeit –“ – „Trennung von Dir is Hölle –“ (Spricht.) Die Bielder werden immer kühner und grasser – (Liest.) „Wiederseh’n und Heurath is Ein’s.“ (Spricht.) Damit is doch Alles g’sagt. (Liest.) „Bis dahin lebe wohl, Dein Dich Millionenmahl abküssender Casimir.“

LENI (außer sich vor Freude). Mir zerspringt ’s Herz –!

PEMPERER (den zusammengesetzten Brief anglotzend). Da steht’s; man sieht’s auf n ersten Blick.

CASIMIR. Da is Gefühl, da is Wahrheit –!

PEMPERER (bewegt). Sie kommen mir jetzt schon um’s Kennen honetter vor.

LENI (sich kaum fassen könnend). Ja, aber wie is es denn möglich –?!

CASIMIR (im Tone des Vorwurfs). Das frag ich jetzt, wie is es möglich, daß Du mir ein’n solchen Brief schreiben laßt? (Zieht den Brief hervor, welchen er durch die Hausmeisterin erbalten, und liest.) „Mein bester Mussi Casimir!“

LENI (staunend). „Mussi –“? i hätt „Mussi“ ang’sagt –?!

CASIMIR. O, das war’ noch zart, jetzt kommt’s aber monströs und massenhaft. (Liest.) „Sie passen nicht für mich, und ich pass’ nicht für Ihnen, daraus werden Sie erseh’n, daß wir beyde nicht für einander passen. Ich hab nix, hingegen hab’n Sie auch nix, können Sie es läugnen, daß wir beyde miteinander nix hab’n?“

LENI (entrüstet über den geschehenen Betrug, den sie zu durchschauen anfängt), ’s is unglaublich.

CASIMIR (spricht). Aber nicht unwahr; von der mathematischen Seite gar nicht anzufechten.

PEMPERER. Tochter, ich fang’ an empört zu werden über dich.

CASIMIR (liest). „Jeder Mensch schaut sich um was Besser’s um, ich glaub’ es halb und halb schon gefunden zu haben. Leni.“

PEMPERER. Schändlich –!

CASIMIR. Styl und Inhalt wetteifern um die Palme der Niederträchtigkeit.

LENI. Casimir, um Gotteswillen, hör“ mich an! das kommt nit von mir; derjenige hat den Zweyten Brief falsch g’schrieben.

CASIMIR. Den Zweyten –?

LENI. Über’n ersten hat er die Tinten g’schütt.

CASIMIR (die Sache durchschauend). Schwarzer Betrug!

LENI. In mein’n Brief müßt steh’n „bist du kranck bist du untreu, oder todt?“ und „viel Tausend Küss’ –“ und „ich kann’s nit aushalten“ war auch dabey.

PEMPERER (zu CASIMIR). Aber hab’n Sie denn nicht gleich auf’n ersten Blick ––?

CASIMIR. Ja die Gab’ hat nit Jeder, wie Sie.

LENI (zu CASIMIR) Und weißt, was er mir aus dem Brief da (sie zeigt auf den am Tische liegenden zerstückelten Brief) heraus g’lesen hat? Du heuratest a Wittfrau, du müßtest auf Versorgung dencken –

CASIMIR. Ha, Lärmingerische Cabale!

LENI (fortfahrend). Und ich soll mein Glück auf a and’re Art machen, und –

CASIMIR (staunend). Wer war der?

LENI. Der Briefschreiber, er lest eim ’s auch vor, ’s Stuck um Fufzehn Kreutzer.

PEMPERER. Das is a starck’s Stuck! wißts was wir thu’n? ich seeg’n öng derweil.

CASIMIR. Nur nix über’s Knie brechen! z’erst, wo is der schwarz künstlerische Briefverschandler? (Macht die Pantomime wie er ihn packen will.)

LENI. Von da aus is’s schwer z’ erklär’n, von uns aus is’s leicht, da geht man die Gassen hinunter, dann rechts in das Gassei, da is a Durchhaus, da kummt man bey ein’n G’würzg’wölb heraus, und dann glei neben’n Schwibbogen kummt man z’erst zu ein Friseur, dann in a andre Gassen, wo an Eck, lincks, wenn man vom Platz hergeht, die Kräutlerin sitzt.

CASIMIR. Das is gar nicht, zum Fehl’n, aber Drey Wochen braucht man, bis man’s find’t.

LENI. Er kommt nur in der Früh hin zu der Kräutlerin, alsdann Morgen wann i einkauffen geh’ –

PEMPERER. Gut, aber derweil kann ich öng prächtig seegnen.

CASIMIR. Viel z’ früh! Schau’n wir uns z’erst um ein’n Platz um; die Lärmingerin jagt uns alle Zwey, Brodlosigkeit is a schlecht’s Heurathsgut, oder hab’n Sie vielleicht a haamlich’s Vermög’n?

PEMPERER. Elf Guld’n und ein’n Zwanz’ger.

CASIMIR. Und ich mein’n Wochenlohn.

PEMPERER. Das gleckt nit auf die Vermählungsfeyerlichkeiten.

CASIMIR. Wo nehmen wir hernach unser’ Civil-Liste her? Nur Budget machen, da kommt man auf die Schwierigkeiten.

PEMPERER. Aber seegnen kann ich öng deßtwegen doch.

CASIMIR. Das wohl, es kost’t nix.

PEMPERER. Reicht euch die Hände – (fügt BEYDER Hände zusammen.) (Es wird innerhalb der Seitenthüre rechts geläutet.)

LENI. Himmel, d’ gnä Frau –! i muß hinein! (Eilt Seite rechts ab.)

PEMPERER. Aber das is dumm.

CASIMIR. Ich hab’s ja gleich g’sagt, seegnen in ein’n fremden Haus –!

PEMPERER. Mitten in der Feyerlichkeit, – wer weiß wann ich wieder dazu aufg’legt bin. Kommen S’!

CASIMIR. I bleib da, vielleicht kann ich nochmahl mit der Leni reden.

PEMPERER. Auch gut, ich hab’ da drüben aufn ersten Blick a Wirthshaus bemerckt, da wart’ ich auf Ihnen. (Geht zur Mitte ab.)

CASIMIR (allein, Einleitung zum Couplet, nach dem Couplet ab.) Wenn mich aber der Leni ihre Herrnleut’ seh’n. – Es is eine Unart, eine Eigenmächtigkeit, daß ich mich da aufhalt’; das geht nicht in so ein’n –respectabln- Haus; na ja, der Herr is ein respectabler Herr, die Frau is eine respectable Frau. Ja aber woher weiß ich denn das Alles so g’wiß? Ich verfall’ ja in den Fehler meines Schwiegerpapa, – so ein Fehler is g’fehlt, und in dem Punct schon gar. Wie respectabi die Leut’ sind, das soll man nie aufn ersten Blick beurtheil’n, weil man sich beym zweyten nur zu oft vom Gegentheil überzeugt.

Couplet

abstand

1.
’s Packt mich mitleidsvoller Schauer,
’s Geht ein G’schöpf dort in der Trauer
Schwarz is der Schleyer
Zur Trauerfeyer,
Schwarz sind die Kleider,
Alles zeigt leider,
Daß ihr wer gestorb’n,
Wer es aller war,
Bruder, Schwester, Tant,
Ein’s vom Eltern-Paar,
Oder ein Gatte
Wenn s’ einen hatte,
Das nur is noch nit klar;
Doch theilnehmend dreh’n sich nach ihr alle Köptf,
Man kriegt a Art Hochachtung vor dem Geschöpf.
Doch kaum kommt s’ in d’ and’re Gassen,
Thut sie ’s Schnupftuch wachein lassen;
’s Flieget ein G’schwuf an ihre Seiten,
Nimmt s’ an Arm und thut s’ begleiten;
Kein Wort von Todten!,
Zu Marchandmoden
Lachend sie gehen
Putz anzusehen;
„Fahr’n wir jetzt spazier’n,
Komm’n wir dann zurück,
G’schwind noch vor’n Soupier’n
In das neue Stück,
Das fade Trauern
Thut so lang’ dauern
’s Is auf Ehre noch a Glück,
Daß die Trauer sich nicht bis in Fasching erstreckt“ –
Da verliert man auf Einmahl den ganzen Respect.

2.
Schauts den Herrn an, den soliden,
In sein’n Rock, nicht g’schwufisch g’sch[n]itten,
Vierz’g, etwas darüber
A Mann noch a lieber,
Fleißig nach Kräften
In seinen Geschäften
Mit ihm könnt’ sein’ Frau
Wohlzufrieden seyn,
Doch die Frau, schau, schau,
Foppt ihn, das is rein;
Ungeniert vor’n Leuten
Thut s’ nicht einmal meiden
Weg’n der bösen Welt den Schein;
Und der Gatte is geg’n d’ Gattin stets so rücksichtsvoll;
Diesem Unglücklich’n Mann gebührt Hochachtungszoll.
Doch man sieht, wann diese Ehe
Man sich anschaut in der Nähe,
Wie s’ dem Mann gar nicht fatal is,
Sondern Alles ihm egal is;
’s Nennt ’s Gold „Chimäre“
Roben der Teufel,
Eb’nso die Ehre,
Der ohne Zweifel;
Der Chermustikus,
Der das Alles kennt,
Weiß schon, was er muß,
Kommt mit volle Hand’;
Kauft ihr Braceletten,
Stecher und Ketten
Für’n Gemahl auch a Präsent;
Der nimmt’s an, auch wenn der Hausfreund ihm Banknoterln zusteckt;
Pfuy Teufel da empfiehlt sich der ganze Respect.

3.
Hört die Dame, im Salone
Wenn sie spricht, lauscht jedem Tone
Staatengeschichte,
Lyr’sche Gedichte,
Neu’ste Romane
Finanzielle Plane,
Malerey, Musick,
Plastick, Poesie,
Auch Chemie, Phisyck,
All’s beurtheilt sie,
Massenhaft hat sie
Anmuth und Grazi’
So a Dam’ gab’ es noch nie!
Von Neid werd’n die Frau’n, d’ Herrn von Sehnsucht verzehrt,
Und mit Hochachtung bückt sich All’s völlig auf d’ Erd’.
Doch ausg’wechselt, nicht zum Kennen
Is s’ zu Haus zum Davonrennen,
Viel von ihr zu leiden hatte
Stets der Dienstboth, Kind und Gatte;
„’s Kriegts Ein’s auf d’ Bratzen,
Garstige Fratzen!“ –
„Pack’ dich du Rammel“
Sagt s’ zu der Ammei;
Und zum Herrn Gemahl
Diesem guten Mann,
„Kerl“ sagt s’ brutal,
„Esel“ schreyt s’ ihn an.
„Mußt wieder lauffen,
’s Geld zu versauffen,
Lump du, ich kenn’ dich schon!“
So redet s’ wann s’ in Familienkreis sich bewegt,
Da is plötzlich beym Teufel der ganze Respect.

4.
Zitternd wancket, wie zum Grabe,
Schwach ein Silbergreis am Stabe;
Schneelocken hangen
Neb’n Faltenwangen,
Zahnloses Stottern,
die Kniee schlottern;
Aber sauber nett’
Fein sogar gekleid’t,
Wie es gut halt steht
Auch für alte Leut’
Ehrwürd’ge Züge
Zeig’n zu Genüge
Freundliche Heiterkeit;
Von ein’n edlen Bewußtseyn is das der Beweis;
Wer ’n anschaut, hat Hochachtung vor diesem Greis.
Aber thut man ihm nachspähen,
In’a Gassei sieht man’n gehen,
Bey ein’n Haus da winckt er hoch h’nauf
Auf a Mädl in vierten Stock h’nauf,
Drauf thut er kraxeln
Mit d’ morschen Haxeln
Auf d’ Schneckenstiegen
Zum Schwindel kriegen;
„Süßer Engel du.
Gib a Busserl mir,
’s Laßt mir keine Ruh’,
Bis ich bin bey dir;
Lass’ dich umfangen,
Du mein Verlangen,
Liebesglück fühl ich allhir.“
So redt ’r und umarmt s’, wie ein Jüngling –perfect-,
Da staunt man, und Pfutsch is der ganze Respect.

(Ab.)

 

 

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger