Heimliches Geld, heimliche Liebe, I/14–28

    

 

Verwandlung
 

(Hofraum im Hause der Frau v. Lärminger. Im Hintergrunde zieht sich eine ziemlich hohe Mauer, quer über die ganze Bühne, in dieser Mauer, etwas gegen lincks, ist der Eingang von der Straße ans. Längs dieser Mauer ist ein Acht bis Zehn Schuh hohes, auf Holzpfeilern gestütztes Dach, unter welchem die Kupferschmiedgesellen arbeiten; unter diesem Dache sieht man große kupferne Braukessel, Röhren, Retorten, und andere Maschinen-Bestandtheile. Die Facade lincks bildet ein zur Werckstätte gehöriges Magazinähnliches Gebäude mit practi-kablem Eingang; die Facade rechts ist das Wohngebäude ebenfalls mit practicablem Eingang.)

 

14te Scene

(PEMPERER, FRANZ, mehrere KUPFERSCHMIEDGESELLEN.)

(Die GESELLEN sind beschäftigt unter PEMPERER’S Leitung Röhren an einen großen Kessel anzusetzen.)

PEMPERER. Laßts es geh’n Leut’! Ös treffts es nit so, wie’s der Franz will; das hab’ i auf n ersten Blick g’seh’n.

EINIGE GESELLEN (etwas unwillig). Ja wir seyn keine Maschinisten.

PEMPERER. Nur Alles ohne Leidenschaft! – der Casimir is auch keiner aber –

FRANZ. Ich habe ihm Alles nach den Zeichnungen erklärt –

PEMPERER. Na, und heut’ kommt er ja noch z’ruck der Casimir – die Zwey werden’s schon richten.

FRANZ (zu den GESELLEN). Es ist unnöthig, daß ihr euch damit plagt, Cameraden! PEMPERER. Schauts lieber zum Vorzimmer hinein, da giebts z’thu’n g’nug.

FRANZ (zu den GESELLEN). Kommt! (Geht mit den GESELLEN in das Gebäude lincks ab.)

 

15te Scene

(PEMPERER, dazu HERR v. MAKLER und HERR v. FLAU.)

(MAKLER und FLAU treten zur Mitte, von der Straße aus, auf während die GESELLEN nach lincks abgehen.)

HERR v. MAKLER (äußerst freundlich auf PEMPERER zugehend). Nun da ist er ja der liebe Herr Pemperer –! (Reicht ihm die Hand.)

PEMPERER (sehr respectsvoll). Ganz ergebenster, Herr von Makler, Herr von Flau –

HERR v. MAKLER. Wir sind gekommen –

HERR v. FLAU. Wiewohl wir eigentlich keine Zeit haben – ich wenigstens –

HERR v. MAKLER (zu PEMPERER,). Es betrifft eine Angelegenheit mit Frau von Lärminger, in Betreff meines Sohnes, ein Project betreffend ––

PEMPERER (altklug, mit eingebildeter Pfiffigkeit). Hab’ es auf den ersten Blick gemerckt; sie is zwar eine Kupferschmiedin, die schon a Bissei in’s alte Eisen geht, aber Silber is bey Haus – nur Alles ohne Leidenschaft!

HERR v. MAKLER. Aber Liebster, Sie werden doch nicht glauben, daß ein brillianter junger Mann, wie mein Sohn, eine bejahrte Wittwe – ah, Sie scherzen wohl nur – er liebt ja die Stieftochter der Frau von Lärminger.

PEMPERER. Aha so – das hab’ ich auch auf’n ersten Blick g’merckt.

HERR v. FLAU. Ah macht nur schnell, ich habe keine Zeit –

HERR v. MAKLER (zu PEMPERER,). Sie sind der Mann, den der verstorbene Lärminger mit der eigentlichen Obhut über seine Tochter betraute, während mein werther Freund Flau nur das Vermögen zu verwalten hatte.

HERR v. FLAU. Es raubt mir das schon alle Zeit.

PEMPERER (selbstgefällig). Der Seelige hat gewußt, daß ich das schärfste Äug’ hab’ im Haus – ich hab’ deßtwegen auch meine Tochter vom Land hereinkommen lassen; ’s is immer gut, wenn man a Madi in G’sicht hat.

HERR v. MAKLER. D’rum möchte ich, bevor ich bey Frau von Larminger den Anwurf in Betreff der liebenswürdigen Marie mache, von Ihnen einige Auskunft –

PEMPERER. Vor Allem is unser’ Fräule Marie in Ihren Herrn Sohn verliebt?

HERR v. MAKLER. Sie kennt ihn ja kaum.

PEMPERER. Natürlich sonst müßt’ ich’s bemerckt haben auf n ersten Blick.

HERR v. MAKLER. Ich möchte aber wissen, ob sie nicht schon einen Ändern liebt.

PEMPERER. Keine Spur! is auch noch zu jung, um an so was zu dencken.

HERR v. FLAU (ungeduldig). Aber Ihr macht so lange –

HERR v. MAKLER (ohne FLAU’S Worte zu beachten zu PEMPERER). Das ist schön.

PEMPERER. Es ist überhaupt merckwürdig, daß hir im Haus kein Mensch liebt; – a Paar G’sell’n vielleicht, außer’n Haus – aber da, weder die Wittfrau, noch die Tochter, noch meine Tochter –

HERR v. FLAU. Und Sie täuschen sich nie?

PEMPERER. Nie, denn bey mir is Alles ohne Leidenschaft.

HERR v. FLAU. Freund Sie sind – (abbrechend) ich habe jetzt keine Zeit –

HERR v. MAKLER. Geh’n wir zur Frau von Larminger.

HERR v. FLAU. Endlich –! (Gebt rechts nach Wohngebäude ab.)

PEMPERER (HERRN v. MAKLER einen Augenblick zurückhaltend, auf den eben abgebenden FLAU zeigend). Sie, was hat denn der Herr von Flau zu thu’n, daß er so wenig Zeit hat?

HERR v. MAKLER. Gar nichts.

PEMPERER. Das hab’ ich aufn ersten Blick bemerckt. (Gebt mit MAKLER ebenfalls in das Haus ab.)

 

16teScene

(CASIMIR, allein.)

(Tritt in Reiseanzug, von der Straße aus, auf, während dem Ritomell des folgendes Liedes. Lied, nach dem Liede Mo[no]log)

abstand

Auftritts-Lied

 
Bin nur a Kupferschmiedg’sell, und hab a Kunstreis’ vollbracht,
Wo i g’wesen bin jetzt hab’ ich Kunststuck’ gemacht;
Wie dort d’ Rostbrateln war’n, wie der Wein g’wesen is,
Das z’ genießen, war’n Kunststuck’ für Gurg’l und Gebiß. –
Dann hab’n d’ Bauern erörtert Politik und Weltfrag’n,
I hab s’ ang’hört die Kerle, und hab’ kein’n niederg’schlag’n,
Hab’ mitdiskriert Stundlang in Qualen und in Dunst,
Und Acht Tag’ mi unterhalt’n, das war wirklich a Kunst.

 
I hab’ hir a Geliebte schon bald a halb’s Jahr,
Jetzt is’s erste Mal, daß ich getrennt von ihr war;
Und man thät dem Ort Unrecht, wo i jetzt g’wesen bin,
Wenn man saget, daß dorten nicht auch Mädln sin;
Und sie schmachten, und blinzeln, geh’n vor ein’m auf und ab,
Doch wie ich a Mensch bin an dem prallt Alles ab.
Wie’s d’ Mädln auch getrieb’n hab’n, ’s war Alles umsunst,
I bin treu blieb’n Acht Tag’, das is auch eine Kunst.

 
[nach dem Liede). Meine Geliebte is ein dummes Mädl – vielleicht is sie bloß aus diesem Grund meine Geliebte; wenn s’ g’scheit war’, schauet sie sich um was G’scheiters um, und drum find’ ich es sehr g’scheit von ihr, daß sie ein dummes Mädl is. Bei ihr is die Dummheit eine Gabe der Natur, es liegt nix Gezwungenes, nix Einstudiertes drin, drum is es eine liebe Dummheit, und aus demselben Grund hat auch ihre Dummheit kein Geld gekost’t, während auf andre Mädln Summen spendiert werd’n, damit man’s nur recht sieht, was s’ für dumme Mädln sind; sie spielen dumm Klavier, sie reden dumm Französisch, sie zeichnen, sie tanzen dumm, kurzum, alles Mögliche, was man von einem gebildeten Mädl nur Dummes verlangen kann. – Und in noch mancher ändern Hinsicht is der Mangel an Bildung recht gut, denn es gibt erstens nix Romantischeres als eine ungebildete Geliebte. Wenn der Urwald der Unwissenheit noch durch keine Axt der Kultur gelichtet, die Prärie der Geistesflachheit noch durch keine Ansiedlung von Wissenschaft unterbrochen ist, wenn auf den starren Felsen der Albernheit die Gedanken wie Steinböck’ herumhupfen und das Ganze von keiner augenblendenden Aufklärungssonne bestrahlt, sondern nur von dem Mondlicht der Liebe ein wenig bemagischt wird – das wird doch, hoff ich, unbändig romantisch sein! Es kann [zweitens] auch nichts Interessanteres als eine ungebildete Geliebte geben. Bei einer gebildeten weiß man in kurzer Zeit akkurat, wie viel sie gelernt hat, nacher wird s’ ei’m fad; bei einer ungebildeten hingegen kann man gar nie wissen, was sie vielleicht noch all’s lernen kann; da is der Phantasie ein marchfeldweiter Spielraum gegönnt! – Es gibt physisch Taubstumme, das sind auf jeden Fall Unglückliche; es gibt aber auch geistig Taubstumme, das sind nämlich diejenigen, die nicht lesen und nicht schreiben können – und das Malör is namentlich für Mädln nicht gar so groß. Eine, die nicht lesen kann, wird nie durch Bücher verdorben; sie kann deßtwegen noch immer verdorben werd’n genug, aber alle diese „Geheimnisse von Paris“, diese „Monte Christo“ und „Ewigen Juden“ und „-Maison rouge-“ sind Gebilde, die spurlos an ihr vorübergehn – ein bedeutender Profit! – Nicht minder sind die Vorteile des „Nichtschreibenkönnens.“ – A solche hat schon das voraus, daß sie sich nie durch orthographische Fehler blamiert, und die Männer machen schon einmal so ein Aufhebens, wenn eine ein’ falschen Buchstaben schreibt, schreiben aber selber oft vier Seiten lange Brief, wo jed’s Wort eine Falschheit is. – Und ein gewisses Lesen und Schreiben können ja doch alle. Die keine Buchstaben kennt, kann dennoch dem Mann prächtig die Leviten lesen, und die auch keinen Haarstrich machen kann, schreibt dennoch dem Mann Vorschriften vor, die er aufs Haar befolgen soll. – Wo bleibt sie denn aber? Daß ich da bin, weiß sie durch das Telegraphenbureau der Sympathie.

 

17te Scene

(CASIMIR, MARIE .)

MARIE (kommt aus dem Wohngebäude). Seyn Sie da –? das is g’scheidt! Sie haben ein Herz für Ihre Nebenmenschen –

CASIMIR (mit fingierter Empfindlichkeit). Nein, ich kenn’ keine Nebenmenschen; nur wer sich selber für den Hauptmenschen halt’t, schaut alle Ändern für Nebenmenschen an; und Sie haben kein Recht, Fräule Marie, mich für einen arroganten Kerl zu halten.

MARIE (begütigend). Aber Casimir –! Stellen Sie sich vor, es is schrecklich, ich soll heurathen.

CASIMIR. Das kann ich mir wieder gar nicht schrecklich vorstellen, wenn Sie heurathen.

MARIE. Seyn Sie mein Freund –!

CASIMIR. Nach der alten Art ja, nach der neuen aber nein; denn jetzt sagen die Mädln von dem, der ihnen ’s Monath Dreyßig Gulden giebt, den Zins und den Schneider zahlt, und den s’ dafür anschmier’n umundum, „das is mein Freund.“

 

18te Scene

(NAZL; DIE VORIGEN.)

NAZL (von dem Gebäude lincks kommend und nach rechts in ’s Wohngebäude über die Bühne gehend). Ah, der Herr Casimir –!

CASIMIR (leise zu NAZL,). Du, Nazi, sag’ der Leni, daß ich da bin.

NAZL. Schon recht. (Nach rechts ab.)

 

19te Scene

(DIE VORIGEN ohne NAZL)

CASIMIR. Ich seh’s schon Sie woll’n mir was anvertrau’n, und da muß ich Ihnen anvertrau’n, daß ich’s eh’ schon weiß; Sie haben eine heimliche Neigung zu meinem Vetter Franz.

MARIE (erschrocken). Das haben Sie bemerckt –!? am End hat’s der Franz schon bemerckt ––!?

CASIMIR. Der Franz is ein verschloss’ner Mensch, und hat auch a verschlossen’s Herz; Sie sind also entweder schon drinn, oder Sie kommen gar nicht hinein. Ich möcht’ es aber starck bezweifeln.

MARIE. Sie glauben also nicht daß er mich lieben könnt’?

CASIMIR. Nach dem Vorgefallenen war’ es wohl eine Preis-Aufgab, wenn er Ihnen lieben müßt’.

MARIE (erstaunt, und verletzt). Ja was is denn vorg’fall’n,? ich weiß ja nichts –

CASIMIR. Es is schwer, eine Tochter über so was aufzuklären, aber ich will nicht, daß Sie sich durch umasunstige Schwär-mereyhoffnungen eine praktisch solide Winschafts-Verehelichung vertrenzen. (Mit Wichtigkeit.) Sagen Sie mir, haben Sie, seit der Verewigung Ihres Papa, nie bey der Nacht Einmahl ächzen, Zweymahl stöhnen, und Dreymahl klopfen g’hört?

MARIE. Mir wird völlig angst – nein, keine Spur!

CASIMIR. Na, dann is das „Als Geistumwandeln“, dieser Zopf der ewigen Gerichtsordnung richtig abkommen, oder Sie haben so ein’n g’sunden Schlaf, daß [S’] nix hören, wenn’s umgeht bey Ihnen; denn sonst müßte[n] Sie dann und wann um Zwölfe Grabesworte vernommen haben: (Im Geistertone.) „Tochter, ungerechtes Gut lastet auf mir – suche einen Ritter – oder Kupferschmied – was’s halt nacher is –der mich erlöst –“!!

MARIE (ganz verwirrt). Ungerechtes Gut –!?

CASIMIR (in natürlichem Tone). Ja, dem Franz sein Gut. Dem Franz sein Vater, wie er hir Werkführer war, und Ihr Vater hab’n jeder ein Loos gekauft. Ihr Vater hat’s aufbewahrt, dem Franz sein Vater stirbt, da kommt die Ziehung, ein’s von die Zwey Loos’ macht den Haupttreffer – und Ihr Vater hat g’sagt, dieses Loos war das seinige; derweil war’s dem Franz sein’n Vätern sein’s, was g’wonnen hat.

MARIE. Entsetzlich –! weiß man das gewiß?!

CASIMIR. Dem Franz sein Vater hat meinem Stiervater ’s Fünftel versprochen, wenn er g’winnt, so sagt er wenigstens; und der hat sich ’s –Numero- g’merckt, aber leider nur im Kopf; der Franz hat sich’s auch g’merckt, aber auch nur im Kopf; der Kopf jedoch is kein Beweis, Kopf gilt nix. Übrigens der Franz, wenn er’s auch beweisen könnt’, er thät’s nicht; der is zu großartig und verschlossen.

MARIE. Himmel, was soll ich denn da thu’n?

CASIMIR. Gar nix, als still seyn.

MARIE. Freylich die Ehre meines Vaters muß mir heilig sein.

CASIMIR. Eine verstorbene Ehre um so mehr. Machen Sie sich selber weiß[,] der Franz, und mein Alter haben sich mit’n Numero geirrt.

MARIE (die Hände ringend). Gott,! das laßt mir Tag und Nacht keine Ruh’!

CASIMIR. Das können Sie erst Morgen Früh beurtheilen, ob’s Ihnen in der Nacht ka Ruh’ laßt.

MARIE. Wenn der Franz etwan glaubt, ich war einverstanden –!

CASIMIR. So was fallt ihm nit ein; er weiß, daß Sie nix wissen.

MARIE. Warum war’ er denn nacher so finster, so unfreundlich gegen mich?

CASIMIR. Ja wissen S’, er is zwar ein edler Kerl, aber wenn er Ihre Stiefmama, und Ihnen anschaut, so muß ihm doch der Gedancken kommen: „das Voick praßt von dem, was von Rechtswegen mein Eigenthum war’;“ – solche Gedancken drängen sich manchesmahl in das nobelste Gemüth, wie sich oft ein –Blousen-bekleideter juchtener Stiefelinhaber, der in die Schwemm’ g’hört in’s –Extra-Zimmer setzt. Im Übrigen aber –

MARIE (hat gegen das Wohngebäude gesehen, erschrocken). Die’Mutter kommt mit die Herrn –!

 

20ste Scene

(FRAU v. LÄRMINGER, HERR v. MAKLER, HERR v. FLAU; DIE VORIGEN.)

FRAU v. LÄRMINGER (zu den beyden HERRN mit welchen sie rechts aus dem Hause kommt). Daß Sie aber gar so g’schwind –

HERR v. FLAU. Mich treibt die Zeit –

HERR v. MAKLER (leise zu FRAU v. LÄRMINGER, mit Beziehung auf FLAU). Zum Essen. (Laut.) Unsere Sache ist also so viel, wie abgemacht. (Zu FRAU v. LÄRMINGER.) Wollen Sie mich gefälligst bey der Fräule Tochter – (MARIEN erblickend.) Ah, da ist sie ja selbst –

MARIE (die sich nur mühsam gefaßt hat). Empfehl’ mich gehorsamst.

 

21ste Scene

(NAZL; DIE VORIGEN.)

NAZL (aus dem Wohngebäude rechts kommend, zu CASIMIR). Sie is nit z’ Haus die Leni.

CASIMIR (ärgerlich). Dummer Bua, das weiß i so.

NAZL (läuft in das Gebäude lincks ab).

 

22ste Scene

(DIE VORIGEN ohne NAZL.)

CASIMIR (bedencklich werdend, für sich). Um die Zeit noch nit vom Einkaufen z’ Haus –?!

HERR v. MAKLER (zu MARIE). Sie haben zwar nicht Ja“ und nicht „Nein“ gesagt, – natürlich, fremdes Sichgegenübersteh’n, jungfräuliche Schüchternheit – wird sich Alles geben, wenn erst mein Sohn selbst –

HERR v. FLAU (indem er MAKLER zum Fortgehen nöthigt, zu FRAU v. LÄRMINGER). Wenn ich nur etwas mehr Zeit hätte, würde ich mit Vergnügen –

HERR v. MAKLER (im Abgehen). Frau von Lärminger, mein Compliment.

FRAU v. LÄRMINGER. Empfehl’ mich Ihnen, meine Herrn! (Begleitet beyde HERRN zu der auf die Straße führenden Thüre.)

(MAKLER und FLAU ab.)

 

23ste Scene

(FRAU v. LÄRMINGER, MARIE, CASIMIR.)

MARIE (ängstlich verlegen zu CASIMIR, während dem FRAU v. LÄRMINGER die Herrn an die Thüre begleitet). Was sag’ ich denn, was ich mit Ihnen g’redt hab’ –?

FRAU v. LÄRMINGER (nach vorne kommend zu MARIEN). Aber hörst du, Marie, das is wircklich starck, daß du davongehst, während dein Vormund und der Herr von –

CASIMIR (um MARIEN daraus zu helfen, scheinbar in etwas verweisendem Tone). Hab’ ich’s Ihnen nicht g’sagt? Statt bey ihr zu bleiben, lassen Sie Ihre Frau Mama oben allein das kupfrige Haus –representieren-, und schauen immer auf die Gassen hinaus. Her schauen können Sie s’ doch nit.

FRAU v. LÄRMINGER. Was? wem?

CASIMIR. Die Lenerl; d’ Fräule Marie hat glaubt, die Herrn werd’n vielleicht da speisen.

FRAU v. LÄRMINGER. Die Leni, die Leni! der muß ich auch –mir scheint, was ich schon a Paar Mahl g’sagt hab’ ––

MARIE. Sie thu’n ihr Unrecht; von einem Liebhaber hab ich nichts gemerckt bey ihr.

FRAU v. LÄRMINGER. Weil ich keinen leid’ im Haus.

CASIMIR (bey Seite; etwas argwöhnisch). Und äußern Haus leidet ich kein’n.

FRAU v. LÄRMINGER. Wenn Eine z’ lang ausbleibt beym Einkaufen –

CASIMIR (halb für sich). Ja, ja, das is schon verdächtig.

FRAU v. LÄRMINGER (um MARIE zu entfemen). Unter ändern, Marie, da hast den Schlüssel, ’s Geld is schon herg’richt’t, übergieb’s dem Pemperer, er soll die Leut auszahlen für die Wochen, heut können s’ schon Feyerabend machen.

MARIE. Gleich, Frau Mutter – (Nimmt die Schlüssel welche ihr FRAU v. LÄRM1NGER giebt, und geht nach rechts in ’s Haus ab.)

 

24ste Scene

(FRAU v. LÄRMINGER, CASIMIR)

CASIMIR (mit Verwunderung). Z’ Mittag schon Feyerabend –?

FRAU v. LÄRMINGER. Und da machen Sie so a verdrüßlich’s G’sicht drüber?

CASIMIR (mit affectierter Verdrüßlichkeit). Da is man noch mehr ausg’setzt, als wenn man den ganzen Tag in der Arbeit is.

FRAU v. LÄRMINGER. Was is Ihnen denn?

CASIMIR. A Alte war ’s Erste, was mir begegnet is heut Früh, und da hab’ ich den Aberglaub’n, daß mir ein Unglück passiert[.]

FRAU v. LÄRMINGER (pickiert). Wenn die Männer nur über die alten Frau’n –bonmotisieren- können, da is ihnen schon g’holfen.

CASIMIR. Ah, g’holfen is uns deßtwegen noch nit, wir werd’n auch alt, und um kein Haar angenehmer als Ihr Geschlecht; contrair unter den Frauen find’t man auch schon in den vorgerückteren, maliziös reiferen Jahren noch curio- Liebenswürdige.

FRAU v. LÄRMINGER (geschmeichelt). Findt der Herr Casimir das?

CASIMIR. Na ob! Mir hat Einer g’sagt, der Prozess des weiblichen Altwerdens hat eine, durch das Formelle der socialen Position bedingte, von dem factischen Jahresquantum abstrahierende Distinction.

FRAU v. LÄRMINGER. Das versteh’ ich nicht.

CASIMIR. Ich versteh’s auch nicht, denn es ist Sache des Gefühl’s. – Nehmen wir eine Bäurin von Zweymahl Zwanzig Erntezeiten, so seh’n wir eine haibete Guckahndl vor uns, – nehmen wir eine gleichzeitige Köchin, – wir werden ihre Braten kaum goutieren, und ihre Semmelknödln flößen uns Mißtrauen ein. Hingegen nehmen wir eine Dame, die schon a Bisserl etwas bedeutend starck nah’ an die Hochindievierzig is, und was für eine magische Wirckung entwickelt eine solche oft noch, nahmentlich auf jugendliche, (mit koketter Schüchternheit) noch unbefangene Herzen.

FRAU v. LÄRMINGER (sehr geschmeichelt). Bey so zarten Ansichten, glaub’ ich, wird Ihnen das, was Ihnen Ihr Stiefvater zu sagen hat, nicht unangenehm überraschen.

CASIMIR (plötzlich mit äffvotierter Indignation auffahrend). Etwan ein Heurathsproject –!? Ha, war’ mir nit lieb! Ich bin kein weißer Sciave, den man auf den Auctionstisch stellt! Früher haben die Stiefmütter die schönsten Kinder an die Zigeuner verkauft, und jetzt thäten die Stiefväter ihre heraufgeblühtesten Jünglinge an Wittwen verhandeln!?

FRAU v. LÄRMINGER (begütigend). Wenn’s aber eine Wittwe war’, wie Sie s’ früher beschrieben haben?

CASIMIR (würdevolle Bescheidenheit und Resignation affectierend). Wer kein Paradies hat, der soll nicht auf Engeln tipfein. Eine solche Frau kann der auf –Proletariat’s-Renten-Angewiesene nicht ernähren. Der in niederer Hütte Gebor’ne, und in hohem Bodenkammerl Auferzogene muß sich an das Billige halten. Nie werd’ ich von diesem erhabenen Grundsatz weichen, und wenn ich nicht recht was Gemeines finde, so is keine Idee, daß ich mich je in die unauflösliche Mannundweibiseinleibleidundfreudmiteinandertra-gungsanstalt einfangen lass’.

FRAU v. LÄRMINGER. Aber Casimir, wenn diese Frau reich war’, und vom Mann nix begehret’, als ein Herz ––?!

CASIMIR (mit edlem Stolz kokettierend). Liebe muß auf Zwey, sich gegenüberstehende Achtungen gegründet seyn. Könnte die Frau einen um Kost und Quartir, Leibskleidung und –Recreations-geld Liebe versprechenden Mann achten? könnte der Mann eine solche Frau achten, die einen solchen Mann achten könnte, der eine Frau achten würde, die ihn nicht achten kann, weil er sie nicht achten könnte, ohne in der Achtung seiner Frau zu verlieren? Ich und eine reiche Wittwe, das war’ g’rad’ so, als wie die poetische Gutsbesitzerin, von der s’ a Stuck aufführen, – Sapho hat s’ g’heißen – die sich aus dem damahligen –Circus gymnasti-cus- einen griechischen Tagdieb nach Haus bracht hat. Selbstmord war der weltbekannte Ausgang dieser Histori, –– sie hat sich in’s Wasser g’stürzt, und er hat sich in’s Stub’nmadi verbrennt.

FRAU v. LÄRMINGER. Zartgefühl is schon recht, aber man muß nix übertreiben. Es giebt Leut’, die man zu ihrem Glück zwingen muß.

CASIMIR. Mich zwingen –!? hahaha! Wenn das Eine wolltet, da würde die Welt das Allernochniedagewesenste erleben! Von der ägyptisch-josephisch-putipharischen Seite kenn man mich noch nicht; mit einem schnöden „Anpumpt Sirene!“ war’ ich draußt bey der Thür’, und nur mein bon-jourl bliebet ihr in Händen.

FRAU v. LÄRMINGER (ärgerlich bey Seite). Diese überspannten Grundsätz –! und verliebt is er in mich, das hat sich zu deutlich verrathen.

 

25ste Scene

(MARIE, PEMPERER, später die GESELLEN, darunter JACOB und FRANZ; DIE VORIGEN)

PEMPERER (mit MARIE aus dem Wohngebäude rechts kommend, zu FRAU v. LÄRMINGER,). Gleich wird Alles nach Wunsch und Befehl – ich hab’s ja auf’n ersten Blick bemerckt, daß –

CASIMIR (leise zu PEMPERER,). Lassen Sie’s, Herr Pemperer, sie is harb.

PEMPERER. Auf mich –?

CASIMIR (ruft in die offne Thüre lincks hinein). Kameraden, kommts heraus!

DIE GESELLEN (von Innen). Der Casimir is da! (Heraustretend und CASIMIR die Hand reichend.) Grüß Gott!

CASIMIR. Die Ändern kommen auch noch heunt’.

PEMPERER (ist zu einem im Hintergrund stehenden Tisch gegangen, und ruft die GESELLEN). Kommts her da, daß ich öng auszahl’ nacheinand!

EINIGE GESELLEN (zum Tisch tretend). Da sind wir schon.

(Drey bis Vier GESELLEN, darunter JACOB, bleiben im Vordergrunde lincks bey CASIMIR.)

JACOB (zu CASIMIR). Na wie is’s öng denn gangen die Acht Tag?

CASIMIR. Gut, viel Arbeit, aber auch Unterhaltung g’nug.

JACOB. In Schneeferding, in dem Nest?

CASIMIR. Vorgestern hab’n wir ein’n großen Ball g’habt; der Strauß hat an dem Tag sein Orchester persönlich dirigiert.

JACOB. In so einer Dorfkneipen?

CASIMIR. Nein beym Sperl hat er’s dirigiert, wir hab’n bey der Zithern tanzt[.]

JACOB. Ah so! (Zu den GESELLEN, indem er mit ihnen ebenfalls zum Tisch, an welchem PEMPERER auszahlt, geht.) Hat er uns g’foppt?

MEHRERE GESELLEN (welche schon ihr Geld in Empfang genommen). Frau von Lärminger, wir bedancken uns.

FRAU v. LÄRMINGER. Wegen dem heutigen Feyerabend? o, die wahren Festivitäten kommen erst nach; meine Stiertochter heurath’t, und man kann nicht wissen, was noch Alles g’schicht.

FRANZ (für sich). Was hör’ ich –!?

 

26ste Scene

(THERES; DIE VORIGEN.)

THERES (aus dem Hause rechts kommend). Ein Brief, Euer Gnad’n – (Übergiebt Frau v. LÄRMINGER einen Brief.)

DIE GESELLEN (sich zu MARIE wendend). Wir gratulier’n derweil! wir gratulieren!!

PEMPERER (zu den GESELLEN,). Aber nur Alles ohne Leidenschaft! ös machts mich in Zählen irr’.

DIE GESELLEN (verlieren sich während dem Folgenden nach und nach).

FRAU v. LÄRMINGER (hat den Brief erbrochen, und sieht nach der Unterschrift, für sich). Vom Dickkopf!? (Beginnt, mit fortwährend sich steigernder Spannung im Stillen zu lesen)

PEMPERER (noch immer am Zahlungstisch). Na, Franz! was is’s denn? braucht der Franz gar ka Geld?

FRANZ (nie ans finsterer Betäubung envachend, wirfft einen Blick auf MARIEN, und geht, als ob dieser Blick ihn reute, sich schnell wendend zum Zahlungstisch).

CASIMIR (leise zu MARIE)- Habn S’ g’seh’n das G’sicht –? (Auf FRANZ deutend.) Es thut ihm halt weh’, „die Paar Gulden“ – denckt er sich – „muß ich nehmen, während von Rechtswegen das ganze Grippelspiel –– [“]

MARIE. Nein, das is unmöglich, daß er jetzt aufs Geld gedacht haben kann!

FRAU v. LÄRMINGER (nachdem sie gelesen, in höchster Entrüstung, für sich). Unglaublich, so eine Landdirn’, die nicht auf Fünfe zählen kann – (Laut.) Pemperer!

PEMPERER. Was schaffen S’? – (Geht zu FRAU v. LÄRMINGER.)

 

27ste Scene

(LENI; DIE VORIGEN.)

LENI (tritt zur Thüre, von der Straße her, ein, heftig zusammenschreckend, als sie CASIMIR erblickt). Er is da der Casimir –

FRAU v. LÄRMINGER (LENI erblickend, sehr böse). Schon z’ Haus? wo hast denn Du die Art g’lernt –

LENI. Ich bitt’ – ich hab’ –

FRAU v. LÄRMINGER. Wir werd’n a Wort reden miteinand. (Geht, indem sie LENI befehlend winckt, ihr zu folgen, in’s Haus rechts ab.)

PEMPERER (zu LENI, welche zögert, und verstohlen nach CASIMIR hinübersiebt). Wirst hineingehn!

LENI (im Abgeben, schmerzvoll für sich). Mit kein’n Äug schaut er mich mehr an. (Ab.)

PEMPERER (ohne LENI’S Blicke auf CASIMIR bemerckt zu haben). Kenn’ mich schon aus; sie hat beym Einkaufen a Sechserl verior’n, das hat s’ g’sucht die ganze Zeit, deßtweg’n kommt s’ so spat. (Folgt ebenfalls in ’s Haus nach.)

CASIMIR (für sich). Zehn Pfund Salami von ächten Eselsfleisch setz’ ich als Preis auf eine dümmere Vermuthung –– und das hat dieser großartige Vater Alles auf n ersten Blick. (Geht zur Mitte nach der Straße ab.)

(MARIE und FRANZ sind allein zurückgeblieben.)

 

28steScene

(MARIE, FRANZ)

MARIE (will abgehen, zögert jedoch, sieht nach FRANZ, welcher finster vor sich hinstarrt, zögert noch einige Secun-den, und sagt dann für sich). Jetzt hätt’ er was sagen müssen, wenn er ein’n Funcken Lieb’ hätt’ für mich. (Geht in das Haus ab.)

FRANZ (sieht ihr nach, als sie geht, macht eine Bewegung, als ob er sprechen und sie zurückhalten wollte, faßt sich aber sogleich wieder, und sagt, indem sie in der Thüre verschwindet, für sich). Werd’ ich denn diese Schwäche nie bemeistern können –! (Geht zur Mitte nach der Straße ab.)

 

 

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger