Heimliches Geld, heimliche Liebe, I/1–13

    

 

I. ACT

 

(Ordinäres Zimmer zu ebener Erde bey der Kräutlerin; in der Mitte des Prospectes ist ein großes Fenster. Ausserhalb des Fensters sieht man einen Stand mit grüner Waare, auf der Fenster-Brüstung und in der Nähe derselben innerhalb des Zimmers sind ebenfalls Körbe mit grüner Waare aufschichtet. Am Fenster sitzt FRAU KÖRBL, und verkauft an die DIENSTBOTHEN, welche von der Straße aus an ’s Fenster treten. Im Zimmer lincks ist ein Tisch mit Scbreibgerätbe, mehrere Stühle. Lincks eine Seitenthüre. Im Prospecte rechts vom Fenster ist der Eingang von der Straße. Das Zimmer ist nur eine Coulisse tief gehalten.)

 

1ste Scene

(FRAU KÖRBL, im Zimmer; mehrere KÖCHINNEN, von Außen am Fenster.)

FRAU KÖRBL. Ich bin’ Ihnen hörn S’ auf –!

ERSTE KÖCHIN. Ah, was die Zuspeis für a Theu’rung hat –!

FRAU KÖRBL. Den ganzen Sommer ka Regen, wie soll denn da was wachsen? (Zu einer ändern KÖCHIN.) Weiße Rüben hätt i prächtige heut’ –

ZWEYTE KÖCHIN. Werd’n halt wieder a Narrengeld kosten.

FRAU KÖRBL. Z’viel Nässe, ’s fault All’s z’samm; es is schrecklich, wie ’s Wetter die Gartnerleut’ verfolgt. (Zu einer ändern.) Schön guten Morgen, (mit Wichtigkeit) kommen S’ eina zu mir Jungfr Nettl! (Vom Fenster weggebend für sich.) Die gnädige Frau, die der Herr Dickkopf b’stellt hat, kann zwar jede Minuten ––

 

2te Scene

(NETTL; DIE VORIGE.)

NETTL (zur Mitte eintretend). Na, was is denn, Frau Körbl?

FRAU KÖRBL. Was Prächtig’s hab’ ich für Ihnen!, einen Dienst –

NETTL. Derf der Liebhaber in’s Haus? das is’s Erste bey mir.

FRAU KÖRBL. Das just nit –

NETTL. Sie wissen, daß ich meiner Frau bloß deßtwegen aufg’sagt hab, weil s’ kein’n leid’t.

FRAU KÖRBL. In dem Dienst wird auch keiner geduld’t, der Herr is nehmlich a Wittiber. Da haben S’ die Adress’. (Giebt ihr einen Zettel.)

NETTL. Na, von ein’n Herrn laßt man sich eher was verbiethen, als von einer Frau.

FRAU KÖRBL. An die Sonntag’ können S’ doch ausgeh’n mit Ihr’n Andres.

NETTL. Unter der Wochen is es eh’ ka G’schick, das Umsteh’n in der Küchel. Na ich danck’ Ihnen derweil, der Andres wart’t auf mich an Eck. (Eilt ab.)

FRAU KÖRBL. Na da tummeln S’ Ihnen – (Allein.) Der Dickkopf noch nit da –! Zwey haben schon g’fragt um ihn, mir lauft All’s über’n Hals. Wenn er nit dann und wann seine splendiden Zeiten hätt’, ich packet aus mit ihm; als saubere Wittfrau mach’ i mich eh’ nur lächerlich mit dem alten Dickkopf.

 

3te Scene

(FRAU KÖRBL, FRAU v. LÄRMINGER)

FRAU v. LÄRMINGER (zur Mitte eintretend). Die Frau is die Frau Körbl?

FRAU KÖRBL. Zu dienen, die Kräutlerin –

FRAU v. LÄRMINGER. D’ Frau kann sich dencken, daß –

FRAU KÖRBL. Daß so eine Dam’ nit um was Grün’s kommt; Euer Gnaden suchen –

FRAU v. LÄRMINGER. Was Graues, den Dickkopf.

FRAU KÖRBL. Ich begreiff nicht, wo er so lang bleibt.

 

4te Scene

(ERSTE KÖCHIN; DIE VORIGEN)

ERSTE KÖCHIN (von Außen zum Fenster hereinrufend). Frau Sali –! auf d’ Kipfelerdäpfeln hab’ i vergessen!

FRAU KÖRBL. I komm’ schon! (Hat, sich nach der KÖCHIN wendend, zum Fenster geseh’n,] zu FRAU v. LÄRMINGER J Da kommt er grad’ um’s Eck –! Euer Gnaden erlauben schon – (Eilt zur Mitte ab.)

FRAU v. LÄRMINGER (allein). Jetzt is er da der wichtige Augenblick; – will halt seh’n, was mit dem Alten z’ machen is.

 

5te Scene

(FRAU v. LÄRMINGER, DICKKOPF)

DICKKOPF (zur Mitte eintretend). Sie haben ein tete a tete gewunschen, hir ist es.

FRAU v. LÄRMINGER. Sie haben sich auf diesen Ort capriziert, bey mir zu Haus wär’s mir angenehmer gewesen.

DICKKOPF (schroff). Ich finde nirgends das Angenehme heraus.

FRAU v. LÄRMINGER. Aber muß denn ewig diese Gehässigkeit –?! Haben Sie denn noch nicht eingeseh’n, daß Ihr Verdacht gegen meinen Seeligen ein Unsinn is?

DICKKOPF (höhnisch lachend). Hahahaha! Ich schmeichle mir mehr als je Ihr Todfeind zu seyn.

FRAU v. LÄRMINGER. Mein Seeliger hat –

DICKKOPF. Hat mich um Alles gebracht, dieser Seelige –! und (mit Ingrimm) wann s’ in der Höll’ nicht gänzlichen Mangel an Brennmaterial haben, so hoff ich zu Gott –

FRAU v. LÄRMINGER. Lästern S’ nicht so; is nicht das allein schon, daß Ihr Stiefsohn, und der Sohn Ihrer Schwester in unserm Haus in Arbeit geblieben sind, ein klaarer Beweis, daß –

DICKKOPF (verächtlich). O, die Zwey das sind schon –

FRAU v. LÄRMINGER. Seyn S’ froh, daß die braven jungen Leut’ so zu Ihnen halten.

DICKKOPF. Na freylich, als ob ich was hätt’ von so a Paar Kupferschmiedg’sell’n, die sich knapp verdienen, was selber brauchen. Aber Ihr Gemahl, dieser elende Seelige –

FRAU v. LÄRMINGER (drohend). Fangen S’ nicht wieder zum schimpfen an! der Testaments-Executor hat Ihnen schon einmahl als Verläumder einsperren lassen ––

DICKKOPF. Und glauben Sie, ich hab’ seitdem nicht Hundertmahl ärger g’schimpft? – 0, wie wenig kennen Sie die Wirckung des Arrestes! – Um aber wieder auf die Buben zu kommen – der Franz ––

FRAU v. LÄRMINGER. Is ein Mensch, der sich durch Fleiß und Talent hoch über die gewöhnlichen Kupferschmied-Gesellen erhoben hat.

DICKKOPF. Ein ungewöhnlicher Esel is er, der sich hier auf den Maschinen-Bau verlegt, statt daß er über eine maschinöse Rache brütet. Und mein Stiefsohn der Casimir –

FRAU v. LÄRMINGER. Der is eigentlich der Grund, warum ich da bin.

DICKKOPF (erstaunt). Wegen’n Casimir –?

FRAU v. LÄRMINGER. Er is, wie Sie wissen, im Schloß Schneeferding, seit Acht Tag schon, neue Dachrinnen ansetzen; zwischen heut und Morgen kommt er z’ruck – und diesen Moment hab ich erwählt –

DICKKOPF (gespannt). Zu was?

FRAU v. LÄRMINGER. Ich bin eine reiche Wittfrau, und seh’ nicht ein, warum ich wie die Katz’ um’n Brey erst lang herum –

DICKKOPF (boshaft). Freylich, das hat eine Katz’, wie Sie –(sich –corrigierend-) will ich sagen, – eine Frau, wie Sie gar nicht nöthig.

FRAU v. LÄRMINGER. Mein G’schäft is bedeutend, ohne Mann is es schwer; Ihr Casimir is ein braver Kupferschmied, ich gedenck’ ihn zu heurathen. Stierväterliche Einwilligung braucht er zwar als Dreyßiger keine, aber väterliches Zureden könnt’ vielleicht nicht schaden, und dafür bekommt der Herr Dickkopf am Hochzeitstag Fünftausend Gulden.

DICKKOPF (einen Moment überrascht). Frau von Lärminger, – ich bemerck’ jetzt erst, daß Sie immer steh’n. (Will ihr einen Stuhl offerieren.) Is es nicht gefällig?

FRAU v. LÄRMINGER. Ich danck’, – ich hab ka Zeit, wir sind also einverstanden –?

DICKKOPF. Na ob!? (Mit berechneter Heimtücke.) Die Manage werd’n Sie noch Tausendmahl bereu’n! Ein junger Mann, wie mein Stief-Sohn, der Ihnen ka Stund z’Haus bleiben, und ein alter Schwiegervater, wie ich, der Ihnen allweil im Sack liegen wird, das is schon des Lebens Süßigkeit.

FRAU v. LÄRMINGER. So reden Sie, dem ich eine solche Summe versprochen hab’ –?

DICKKOPF. Freylich, damit ich die Fünftausend Gulden ja g’wiß krieg’. Bey Leuten, wie Sie, wirckt es immer –conträr-wenn man ihnen Vernunft prädigen thut. Es giebt wenig junge Mädln, wo’s was nutzt, wenn man s’ vor’n Abgrund warnt, aller Wittib weiß ich noch gar keine, die zur Vernunft kommen is, wenn man ihr zuruft: „Alte, du rennst in dein Verderben!“

FRAU v. LÄRMINGER (ihren Zorn bekämpfend, bey Seite). Bissiger Mensch – (Laut.) Übrigens is mir das –egal-, ob Sie aus Bosheit, oder aus Freundschaft helfen –

DICKKOPF. Freylich, es handelt sich ja nur um die Wirckung.

FRAU v. LÄRMINGER. Drum nehmen Sie hier auf Abschlag –(Giebt ihm einige, in ein Papier gewickelte Bancknoten.)

DICKKOPF. Also – (die Bancknoten nehmend) da hab’n wir den Beweis, daß kein Reden was nutzt.

FRAU v. LÄRMINGER. Sie werden jetzt wissen, was Sie zu thu’n haben; adje! (Geht zur Mitte ah.)

DICKKOPF (sie an die Thüre begleitend). Ich verharre mit gebührender Todfeindschaft Ihr ergebenster Diener, Peter Dickkopf.

 

6te Scene

(DICKKOPF, dann BITTMANN.)

DICKKOPF (allein, das erhaltene Geld überzählend). So a G’schäft lass’ ich mir g’fall’n; Geld und Rache – was kann sich ein guter, armer Greis mehr wünschen!

BITTMANN (zur Mitte eintretend; er ist abgeschoben gekleidet, von liederlichem Aussehen, mit Kupfemase). Na, habn S’ mir’s aufg’setzt, die G’schicht?

DICKKOPF. Sie, das war a schwere Bittschrift!

BITTMANN. Warum?

DICKKOPF. Für Ihnen Mitleid erregen, das is a Aufgab! Jetzt is aber Alles drinn, Hilflosigkeit, Jammer, tiefgebeugter Familienvater, kleine Kinder, große Kranckheiten, vieljährige Verdienste – das is eigentlich das Einzige was wahr is, denn Sie hätten schon seit vielen Jahren was verdient.

BITTMANN. Sehr gut; was bin i denn schuldig? (Langt nach der Schrift.)

DICKKOPF (nimmt schnell die Schrift in die andere Hand, und hält sie weit weg). Ein Guld’n Dreyßig Kreutzer.

BITTMANN. Na, weil’s gar so rührend is – (Zahlt das Verlangte.)

DICKKOPF (ihm die Schrift gebend). Sie müßten rein auf Marmorherzen stoßen. – Und Sie, ’s nächste mahl setz’ ich Ihnen eine auf, um a Beysteuer zu Ihrer Leich’.

BITTMANN. Da kann i aber nit selber damit umgeh’n.

DICKKOPF. Da schickt man halt ein’n Bub’n.

BITTMANN. Und der muß sagen, er is mein Sohn.

DICKKOPF. Freylich. Leben S’ wohl! (Hat während dem letzten Reden BITTMANN bis zur Mittelthüre hegleitet.)

(BITTMANN ab.)

 

7te Scene

(DICKKOPF, dann DOROTHE.)

DICKKOPF (allein). Wieder a Geld! und wann’s noch so wenig is, Geld is halt Geld.

DOROTHE (mit Einkaufkorb zur Mitte eintretend). Seyn S’ einmahl da, Sie Liederliche, Droschku schreiben S’ me Brief!

DICKKOPF. An wem?

DOROTHE. An wem schreibte Köchin,!? an Liebhabe.

DICKKOPF. Wollen Sie mir beyläufig sagen, um was sich’s handelt?

DOROTHE. Proc pak ne! ich werd’ ich ansagen, und Sie Schreibens Wurt für Wurt in Sprach meinige.

DICKKOPF. Is mir auch recht –

DOROTHE (diktiert). „Mannsbield schlechte, abscheuliche –“

DICKKOPF (für sich, während er schreibt). Das is statt, „Euer Wohlgeboren.“

DOROTHE (diktierend). „Das gehte nit su, wie glaubste vielleicht –“

DICKKOPF. Was?

DOROTHE (spricht). Das wirde schon versteh. Liebhabe meinige, Ihne gehte nix an. (Dicktiert weiter.) „– is e Dorotka nit gefall’n auf Kupp –“

DICKKOPF (die letzten Worte im Schreiben wiederholend.) „– g’fall’n auf Kupp –“ (spricht) „ihrige“ machet sich gut dazu. DOROTHE (diktierend). „Ich merck’ ich Absicht schmutzige deinige [–]

DICKKOPF (im Schreiben wiederholend), „deinige –“

DOROTHE (dicktierend). „Wenn biste auch Gruße sechsschuchig zweyzöllige, –satraceni-, ich furcht’ ich mich nit, tr’s se jak ja te dostanu!

DICKKOPF. So das is schwer –

DOROTHE. Ma schreibte su, wie me spricht aus.

DICKKOPF. Nur langsam – (wiederholt schreibend die letzten Worte) „jak jäte dostanu –“

DOROTHE. Unterschrift „Dorotka“ – Adress’: „an Juhann Zcahliczek, Gränadier aufg’löste auf Budweis.“ – (Spricht.) Sie aber, das sag ich Ihne, wenn plauschen S’ was aus –

DICKKOPF. Ausser „*satraceni-“ hab ich von den delikateren Punckten nix verstanden. (Siegelt.)

DOROTHE (für sich). Fatal, wann kann me nit schreiben selbe. Mutte hat mich wull’n schicken in Schul deutsche, Vatte hatte wull’n, ich sull ich in Schul böhmische, und so bin ich kumme in Schul gar kane.

DICKKOPF (ihr den Brief übergebend). Für ein’n g’wöhnlichen Brief is ein Zwanz’ger aber den kann ich wirklich nit unter Sechsunddreyßig Kreutzer.

DOROTHE (giebt ihm Zwey Zwanziger). Da habn’s Sie Intressierte – (Geht zur Mitte ab.)

 

8te Scene

(DICKKOPF, dann LENI.)

DICKKOPF (allein). Die ganze Feder hab’ ich mir zerspragelt, so schwer hab ich das (wiederholt die letzten böhmischen Worte) g’schrieben.

LENI (mit Einkaufkorb zur Mitte eintretend). Ich bitt’, verzeihnS’ – (Sehr schüchtern.) Sie seyn ja der Briefschreiber –?

DICKKOPF. Seit Fünf Jahren hab ich hier bey der Kräutlerin mein Bureau.

LENI. Es is ein außerordentlicher Fall –

DICKKOPF. Ich besitze das allgemeine Dienstbothen-Vertrau’n, für mich giebt’s nichts Überraschendes mehr.

LENI. Ich hab – ich hab – einen Liebhaber.

DICKKOPF. Wenn Sie keinen hätten, hätt’ ich mich mit Hand’ und Füßen z’gleich verwundert, aber so –

LENI. Kein Mensch weiß was; ich hab’ einen Vätern, der weiß nix – Mutter hab’ ich keine, die weiß auch nix – und bey uns in Haus, dort wissen s’ gar nix. Jetzt möcht’ ich ihm ein’n heimlichen Brief schreiben.

DICKKOPF. Na, das wird gleich g’scheh’n seyn.

LENI (immer sehr verlegen). Wissen S’, – ich könnt’ schon selber schreiben – aber wissen S’ – ich hab’s nit g’lernt – nit lesen, und nit schreiben.

DICKKOPF. Wenn a Köchin nur rechnen kann, dann is nix verloren. (Setzt sich zum Schreibtisch.)

LENI. Wenn ich mich nur nit gar so viel genieren thät –! (Diktiert.) „Ewig und einzig Geliebter –“

DICKKOPF (indem er schreibt, halb für sich). Das is wohl a merckwürdiger Fall.

LENI (für sich). I glaub’, ’s G’sicht zerspringt mir vor Verlegenheit – (Weiter dicktierend.) „Acht Tag’ bist du fön, –und eben so lang hab’ ich dich nicht geseh’n. – Du hast mir einen Liebesbrief versprochen – kommen is aber keiner.“

DICKKOPF (schreibend für sich). Ein’n Styl haben die Weibsbielder, daß man verzweifeln könnt’.

LENI (ohne verstanden zu haben, was DICKKOPF gesprochen, befremdet, für sich). Is ihm was –? (Dictiert, noch mehr eingeschüchtert weiter.) „Bist du kranck – bist du untreu, oder todt –?“

DICKKOPF (schreibend für sich). Jetzt kommt’s schöner.

LENI (diktierend). „Schreibe mir die Wahrheit, – ich lass’ mir’s vorlesen, weil ich es nicht aushallen kann.“ –

DICKKOPF (schreibend für sich). Da hat die Böhmin noch a bessers Concept.

LENI (dicktierend). „Warum hab’n s’ –“ (spricht) hab’n S’ schon „hab’n s’“?

DICKKOPF. Nur zu!

LENI (diktierend). „Warum habn s’ g’rad dich schicken müssen nach Schneeferding –!?“

DICKKOPF (befremdet, etwas auffahrend). Schneeferding –?

LENI (spricht befremdet). Verdrüßt Ihnen der Ort –?

DICKKOPF (seine Verwunderung maskierend). Ah, ’s is ja gar a schöne Gegend dorten.

LENI (diktierend). „Als ob du der einzige Kupferschmied-Gesell wär’st.“

DICKKOPF (auffahrend). Kupferschmied –!?

LENI (spricht). Verdrüßt Ihnen das?

DICKKOPF (seine Überraschung bemeisternd). Warum denn? is ja sehr a schöne Profession.

LENI (dictierend). „Für mich bist du der Einzige, mein Alles – mein Casimir –“

DICKKOPF (heftig auffahrend). Casimir –!?

LENI (spricht etwas ärgerlich über DICKKOPFS Benehmen). Na ja, is denn das a Sund’, wenn der Mensch Casimir heißt?

DICKKOPF (sich mühsam mäßigend). Nein, ich wunder’ mich nur, weil das so a selt’ner Nahm’ is.

LENI. Mein Geliebter heißt deßtwegen Casimir, weil ihn ein Tuchhandler aus der Tauf g’hoben hat; hat er mir erzählt.

DICKKOPF (für sich). Tuchhandler – Casimir – Alles trifft zusamm’! (Laut.)’Was kommt noch? LENI (dictierend). „Viele Tausend küss’ von Deiner Lenie, – und extra noch viel’ Tausend Küss’ –“

DICKKOPF. Auch von der Leni?

LENI. Na ja, von wem denn sonst?

DICKKOPF. Keinen Zunahmen zu der Unterschrift?

LENI. Nein, mein Zunahm is zu wenig romantisch; mein Vater is der alte Pemperer –

DICKKOPF (auffahrend). Pemperer –!?

LENI. Sie wundern Ihnen aber doch über Alles.

DICKKOPF (gleichmütig). Gar nit, aber ich hab’ schon g’hört von ihm; is er nicht Altg’sell –?

LENI. Bey der Frau von Lärminger, wo ich dien’.

DICKKOPF. Das trifft sich ja prächtig z’samm; da werd’n wir doch bald a Hochzeit erleb’n?

LENI. Ah freylich; er meint’s ja enorm ehrlich, sonst hätt’ i mich nit einlassen.

DICKKOPF. Wenn er nur nit etwan Angehörige hat, die Maus’ machen.

LENI. Ka Spur! er hat nix als ein’n Stiefvätern.

DICKKOPF. Das is so viel als nix, der muß thu’n, was der Stiefsohn will.

LENI (fortfahrend). Das g’rad nit[,] natürlich dreinreden laßt er sich nix in sein’ Lieb’. Jetzt schreiben S’ g’schwind d’ Adress’. (Diktiert.) „An Herrn Casimir Dachl, – Kupfer-schmiedg’sell, und Geliebter – in Schnee[ferding].

DICKKOPF (nachdem er geschrieben). So – Punctum Streusand drauf! (Nimmt als wie aus Versehen, das Tintenfaß, und gießt es, statt des Streusandes über den Brief.) Ah –- Saprawalt –-!

LENI (erschrocken). Aber was treiben S’ denn? Jetzt bin i schön in der Tinten!

DICKKOPF. Warum? es macht im Grund nix – ich schreib den Brief halt nochmahl ab.

LENI (ängstlich). Aber i kann ja nit so lang ausbleiben, d’ Frau von Lärminger is gar grantig.

DICKKOPF. Thut nix, den Aufsatz hab’ ich, ich mach halt a frische Abschrift und trag ihn selber auf die Post.

LENI. Das is g’scheidt! ich kann mich also verlassen – und was bin ich denn schuldig?

DICKKOPF. A Brief is ein Zwanziger, den muß ich Zweymahl schreiben – is halt ’s Doppelte.

LENI. Für das muß i doppelt zahlen, wenn Sie a Ungeschicklichkeit begeh’n?

DICKKOPF. A Zwanz’ger auf oder ab, is ja nix für a Köchin.

LENI. Na, da haben’s – (Giebt ihm Zwey Zwanziger.) Der Brief (deutet auf den mit Tinte übergossenen, welchen DICKKOPF in der Hand hält) is g’wiß schmutzig, aber gegen Ihnen kommt er ein’m völlig sauber vor. Pfirt Gott! (Geht zur Mitte ab.)

 

9te Scene

(DICKKOPF, allein.)

[DICKKOPF] (indem er den [Brief noch in der Hand hält zusammenballt und wegwirfft). Jetzt wird der Todfeindin eine Liebeserklärung g’macht – nehmlich die Lieb’ von Casimir und ihrer Köchin muß ich ihr erklär’n. Vor allem aber, den neuen Brief. (Setzt sich zum Schreibtisch.) Ob der neue ganz so ausfallen wird, wie der alte, das weiß ich nicht g’wiß; (indem er schreibt heimtückisch schmunzelnd) ich kann mich ja irren – fehlen is menschlich – und bloß abschreiben, is eines denckenden Kopfes unwürdig. – Die Veränderung macht sich gut – da heißt’s halt „frey bearbeitet, nach Leni.“ – So – und die Adress’ weil er vielleicht heut’ schon z’ruckkommt, in unser Quartier. – Aber Teufel er kennt ja mein’ Schrift – (Nach der Seitentbür zeigend.) Der Kräutlerin ihr Bua macht seine französche Aufgab’ drinn, um a gut’s Wort, oder ein’n Schopfbeutler wird er sich schon herablassen, ein’n deutschen Brief zu copieren. (Geht in die Seitenthüre ab.)

 

10te Scene

(FRAU KÖRBL, später DICKKOPF.)

FRAU KÖRBL (zur Mitte hereinkommend). Von der gnä Frau muß er viel kriegt haben, jetzt könnt’ er schon wieder einmahl mit ein’n Präsent ausrucken, der alte Geizkragen. –Ich muß thu’n, als ob ich eifern thät’, das is ja die allgemeine Schwachheit von die Alten.

DICKKOPF (aus der Seitentbüre zurückkommend). Ihr Seeliger, war doch a Deutscher, und der Bua is ganz Französch ausg’fallen.

FRAU KÖRBL. Is nix verlor’n dabey; zu was braucht man Deutsche, treu sind s’ eh nit mehr. (Mit Beziehung auf DICKKOPF.)

DICKKOPF. Soll das ein Stich auf mich seyn –? (Entzückt bey Seite.) 0, Gott, sie eifert –, das is lieb!

FRAU KÖRBL. So schön is freylich nit a Jed’s als wie die gnä Frau.

DICKKOPF (sie besänftigend). Aber ich bitt’ Ihnen, das is ja schon a Frau in die Jahre. (Entzückt bey Seite.) Ah, wie das lieb is, wie sie sich kränckt! (Laut.) Glaub’n Sie mir könnt’ so a G’spreitzte g’fall’n? ich liebe nur das Ordinäre, das –

FRAU KÖRBL. O Gott, so Frau’n sind oft ordinärer, als man glaubet.

DICKKOPF (zärtlich). Nein Sali, Ihnen übertrifft Keine.

 

11te Scene

(EINE KÖCHIN; DIE VORIGEN.)

KÖCHIN (von Außen, ruft zum Fenster herein). Paradeisäpfeln, Frau Körbl hätt’ ich gern.

FRAU KÖRBL. Gleich, Jungfer Resi! (Wirfft dem DICKKOPF noch einen vorwurfsvollen Blick zu.) 0 Sie –! (Eilt zur Mitte hinaus.)

DICKKOPF (allein, ihr nachblickend). Unter die Kräutlerinnen kann’s schon nix Lieberes mehr geben.

 

12te Scene

(GOTTFRIEDL, DICKKOPF.)

GOTTFRIEDL (kommt aus der Seitenthür, mit dem abgeschriebenen Brief). Monsieur, voila votre lettre allemand.

DICKKOPF. Schon abg’schrieben? Merci mon – (für sich) jetzt weiß i nit, wie „Bua“ auf französch heißt. (Laut.) Die Adress’ auch schon drauf –?

GOTTFRIEDL. Oui.

DICKKOPF. Schön. (Indem er während dem Folgenden siegelt.) Jetzt nehmen Sie diesen la lettre, tragen ihn auf die a la poste, frankieren ihn mittelst diese trois Kreutzer, und werffen ihn dann hinein, dans le Kast’l.

GOTTFRIEDL. A votre Service.

DICKKOPF (hat durch’s Fenster LENI kommen gesehen). Da kommt ja – und wie s’ lauft –! (Zu GOTTFRIEDL) Gottfriedl, geh’ nit da sondern durch’n Hof hinaus –

GOTTFRIEDL. Comme il vous plait Monsieur. (Eilt in die Seitenthür ab.)

 

13te Scene

(DICKKOPF, dazu LENI.)

DICKKOPF (allein). Was muß s’ denn hab’n –?

LENI (kommt fast athemlos und voll Freude zur Mitte herein). Ich hab ein’n Brief kriegt ein’n prächtigen Brief!

DICKKOPF. Der von Ihnen is auch schon auf der Post.

LENI (ihm den Brief zeigend). Da schaun S’ nur her, das schöne rothe Pettschaft! ich hätt’ dem Briefträger um den Hals fallen mög’n.

DICKKOPF. So brechen Sie’n nur auf.

LENI. ’s Is völlig Schad d’rum – wie macht man’s denn? (Öffnet ungeschickt den Brief.)

DICKKOPF (für sich). O, du lebendigs Briefgeheimniß im Kuchelfürtuch!

LENI. Da – (auf den geöffneten Brief zeigend) da, steht Alles, was mein Herz begehrt –! o Gott – ich muß doch schau’n, ob i denn gar nit lesen kann – – so liebe Buchstaben, und i kenn s’ halt nit. (Zu DICKKOPF.) Lesen S’ mir’n vor!

DICKKOPF (indem er den Streusand vom Briefe abklopft). Na, so werd’n wir’s halt hör’n, alle die „süßesten Engeln“ – „und gar nicht leben ohne Dich“ – und wiederum „gänzlich sterben vor Sehnsucht“ ––

LENI (entzückt, und voll freudiger Ungeduld). Glauben S’, daß so was drinn steh’n wird? o Gott, fangen S’ nur an!

DICKKOPF (blickt in den Brief und thut, als ob er frappiert wäre). Was –!? (Liest brummend weiter und ruft aus.) Ah das is aber – (Liest wie früher unverstendlich, dann ruft er aus.) was z’ arg is, is z’ arg ––!

LENI (erschrocken) Was is’s denn –!? mir wird völlig –

DICKKOPF. Ah –!! (Zerreißt, wie von –Indignation- ergriffen,den Brief, und wirft die zusammengeballten Stücke mitIngrimm zu Boden.)

LENI (wie oben). Was treiben S’ denn? mein Brief –!!

DICKKOPF (mit affectierter Entrüstung). Der Brief verdient nichts ander’s.

LENI (außer sich). Was is’s denn? um’s Himmelswillen –!!

DICKKOPF (wie oben). Seyn Sie froh, daß Sie nicht lesen können, denn es werden Sachen geschrieben – Pfuy!!

LENI. Is er mir untreu word’n –?

DICKKOPF. Wenn es eine Sympathie auf Erden giebt, so müssen Ihnen alle Bandeln aufgangen seyn, die Tag’.

LENI. Er liebt eine Andere –!?

DICKKOPF. Das eben nicht, aber heurathen thut er a Andere.

LENI (aufschreyend). Himmel, steh’ mir bey –!!

DICKKOPF. Er rechnet auf Ihre Großmuth, daß Sie ihm nicht hinderlich seyn, in sein’n Glück.

LENI (mit Desperation). Der Mensch will auf a Glück hoffen, der a G’schöpf so unglücklich macht –! Hat denn so viel Schlechtigkeit Platz in ein einzigen Brief –!? (Hebt die zusammengeballten Stücke des zerrissenen Briefes rasch auf.) Lesen S’ mir’n vor, an der Stell –!

DICKKOPF (der mit Mißvergnügen angesehen, wie sie die Stücke des Briefes aufgehoben). Zu was[,] den Sinn wissen Sie, also is es ein Unsinn, wenn Sie extra verlangen ––

LENI (mit Energie). Legen S’ die Stückeln z’samm, ich will Alles hören, Wort für Wort –

DICKKOPF. Verschonen Sie einen gefühlvollen Greis –

LENI. Wenn ich’s aushalt’, wird’s Ihnen auch nit umbringen.

DICKKOPF (indem er die Stücke auf dem Tisch zusammen legt). Wenn Sie durchaus wollen, daß man Ihnen ’s Herz nochmahl z’reißt – da haben Sie das ganze Gewebe dieses Casimir. – (Auf den zusammengesetzten Brief zeigend.) Da steht nix „Süßester Engel“ – ganz schroff und kalt: „Jungfer Leni“ –! (Empört.) Unglaublich! (Vorlesend.) „Ich wünsche, daß Ihnen diese Zeilen bey guter Gesundheit treffen“ –

LENI. Ich glaub’s; a Schwach’s halt’ts gar nit aus, und Mord will er doch kein’n begeh’n.

DICKKOPF (vorlesend). „Ich muß dir berichten, wir müssen auf einand verzichten –“ (Spricht.) Da is ihm ein Vers auskommen.

LENI (in größter Aufregung). Weiter! nur weiter!

DICKKOPF (vorlesend). Ich mache eine reiche Parthie, eine glänzende Wittwe wird mein“ –

LENI (schmerzvoll). Also weil ich arm bin, liegt nix dran, wenn er mich noch ärmer macht –!

DICKKOPF, ’s Geht in ein’n Aufwaschen denckt er sich. (Weiter vorlesend.) „Ich habe einen guten, äußerst gebrechlichen Stiefvätern zu versorgen –“

LENI. Mir hat er g’sagt, der verdient sich selber was er braucht.

DICKKOPF. Jetzt das können Sie eigentlich nicht wissen. (Weiter vorlesend.) „D’rum lebe wohl; schau’ daß du dein Glück machst, ich mache das meinige; Casimir“ – (spricht) nix, getreuer, oder innigstliebender, sondern Casimir schlechtwegt.

LENI. Ja wohl, schlecht is er, und weg is er auch – (Nimmt die Stücke des zerrissenen Briefes zu sich.)

DICKKOPF (es bemerckend). Was machen S’ denn da? – Sie werden doch nit ––

LENI (mit mehr Fassung). Freylich; der Brief kommt nie mehr von mir.

DICKKOPF. Aber es is doch eine zu traurige Erinnerung –

LENI. Wenn ein’m wer stirbt hebt man sich ja auch was auf.

DICKKOPF (ärgerlich für sich). Das is dumm.

LENI. Leben S’ wohl – (Will gehen, kehrt aber sogleich um.) In mein’n Schmerz hätt’ ich bald aufs Zahlen vergessen.

DICKKOPF. Fufzehn Kreutzer is für’s Lesen.

LENI. Bey so ein’n schrecklichen Brief könnten S’ wircklich billiger seyn.

DICKKOPF. Die Plag’ is die nehmliche – und ’s Gemüth strappiziert man sich auch noch ab.

LENI. Da habn S’ – (Giebt ihm das Verlangte.)

DICKKOPF. Schaffen S’ a andersmahl!

LENI (sehr ergriffen, aber fast ruhig scheinend). I glaub’ schwerlich – von dem Brief werd’ ich g’nug haben für mein ganz’s Leben. (Geht zur Mitte ab.)

DICKKOPF (allein, ihr nachsehend). Schad’ um’s Mädl – aber den erhabenen Menschen darf das nicht –genieren-. Große Zwecke heischen große Opfer; dasmahl is es noch ziemlich billig mit der Liebe einer Köchin abgethan. (Geht in die Seitenthüre ab.)

 

 

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger

I/01–13: Gassenladen der Kräutlerin
I/14–28: Hofraum bei Frau v. Lärminger
I/29–33: Dachwohnung

II/01–06: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
II/07–14: Hausmeisterswohnung
II/15–21: Dachwohnung

III/01–15: Elegantes Zimmer bei Herrn von Makler
III/16–22: Gassenladen der Kräutlerin
III/23–28: Besuchszimmer bei Frau v. Lärminger