Freiheit in Krähwinkel, III/17–22

I/01–10: Wirtshaus in Krähwinkel
I/11–15: Krähwinkler Staatskanzlei
I/16–25: Wohnzimmer des Klaus

II/01–07: Saal beim Bürgermeister
II/08–16: Platz in Krähwinkel

III/01–04: Salon bei Frau von Frankrenfrey
III/05–12: Platz in Krähwinkel
III/13–16: Hotel zum Bock
III/17–22: Straße in Krähwinkel
III/23–25: Hauptplatz in Krähwinkel

    

 

Verwandlung

Kurze Straße, nur eine Kulisse tief. Im Prospekt links das Haus des Klaus mit praktikablem Eingang.

 
Siebzehnte Szene

Willibald. Nachtwächter.

(Willibald ist ganz légère gekleidet, mit aufgelöstem Halstuch, trägt ein Brecheisen in der Hand.)

Nachtwächter (mit Willibald von Seite rechts auftretend). Nein, Mussi Willibald, das hätt' ich mir in mein' Leben nicht denkt, daß ich Ihnen so seh'.

Willibald. Nicht wahr? Statt der Feder das Brecheisen in der Hand!

Nachtwächter. Statt Kanzleibögen herabzufetzen, reißen Sie 's Pflaster auf.

Willibald. Statt Aktenstöße zu türmen –

Nachtwächter. Helfen Sie beim Barrikadenbau.

Willibald. Werden Sie mir nun auch noch die Hand Ihrer Tochter so hartnäckig verweigern?

Nachtwächter. O Gott! Ich war ja mit Blindheit g'schlag'n, ich wollt', ich könnt' Ihnen großartig nach Verdienst – eine Tochter für so einen Patrioten, das is ja eigentlich so viel als nix!

Willibald. Für mich ist es alles! –

Nachtwächter. Na, mich g'freut's, wenn Sie so genügsam sein, und meine Tochter wird's auch g'freun. (Entzückt in die Kulisse sehend.) Aber da schaun S' nur her –!

Willibald. Was denn?

Nachtwächter. Wie sich das macht! (Mit Enthusiasmus.) Das kleine Krähwinkel schaut ordentlich großartig aus, seitdem's Barrikaden hat! Was gäbet ich drum, wenn ich Wien g'sehen hätt' an dem Tag! Hier hab'n s' schon diese himmlischen Pflastersteine nicht, die sind dort wie gemacht dazu.

Willibald. Das is wahr, übrigens ist es nicht der Granitwürfel allein – unerschütterlicher Wille und Todesverachtung ist's, was den Barrikaden die Festigkeit verleiht.

Nachtwächter. Ich g'freu' mich schon –!

Willibald. Nun, so weit wird's wohl nicht kommen. (Geht mit dem Nachtwächter Seite rechts ab.)

 

Achtzehnte Szene

Klaus, Cäcilie, Sigmund (kommen von links).

(Cäcilie hat einen Strohhut mit grünem Schleier auf und hält den Schleier, sorgfältig ihr Gesicht verbergend, fest.)

Klaus (Cäcilie am Arme führend). Nein, das Zittern und Herzklopfen, das is ja, als wie wenn a Uhrwerk in Ihnen wär'.

Sigmund. Die Arme fürchtet sich so.

Klaus (zu Cäcilie). Haben Ihnen vielleicht die Steinhaufen ängstlich g'macht, über die wir haben kraxeln müssen?

Sigmund. Ach nein! Sie fürchtet nichts als ihren Vater. –

Klaus. Na, jetzt, der soll uns nicht gar zu viel Mäus machen. Meine Begleitung macht die Sache so anständig, daß gar kein Mensch einen Anstand dran finden kann. (Für sich.) Die zwei Leut' g'fallen mir mit ihrem G'heimnis, als ob ich nicht trotz dem Schleier doch wüßt', daß es die Nachtwachterische Walperl is –

Sigmund (welcher leise ein paar Worte mit Cäcilie gewechselt). Sie frägt mich eben, warum wir diesen Umweg machen?

Klaus. Das hat einen wichtigen Grund. Ich hab' müssen bei mein' Haus vorbei. Wissen S', es gehen heut' allerhand Leut' herum in der Stadt, daß ei'm völlig angst und bang wird, wenn man s' sieht, und da hab' ich in einem Wiener Blatt etwas g'lesen von einem Zauberspruch, der weit mehr als Schloß und Riegel wirkt. Wir werd'n gleich fertig sein. (Zieht ein Stück Kreide aus der Tasche und schreibt an das Haustor.)

Cäcilie (leise zu Sigmund). Ich hab' Todesängsten –

Sigmund. Nicht doch, beruhige dich!

Klaus. So, das wär' in der Ordnung –! (Hat auf die Türe die Worte: »Heilig sei das Eigentum!« geschrieben.)

 
Neunzehnte Szene

Vorige. Ultra.

Ultra (als Arbeiter gekleidet, mit einer Spitzhacke in der Hand, von Seite rechts kommend). Ah, mir g'schieht ordentlich leicht, seit ich wieder einem rechtschaffenen Menschen gleichseh'.

Klaus (Ultra bemerkend). Aha –! (Zu Sigmund.) Da ist schon so ein verdächtiges Individuum. (Zu Ultra.) Da, Freund, lies Er's nur, was auf der Türe steht.

Ultra. »Heilig sei das Eigentum!« O, ihr Kapitalisten, wie albern seid ihr!

Klaus. Ah, mein Geld hab' ich nicht z' Haus liegen, so g'scheit bin ich schon. Aber man hat auch noch andere Sachen, in die man hohen Wert setzt.

Ultra. Sie sind ein – ich mag nicht sagen, was, denn es betreffet zu viele. »Heilig sei das Eigentum!« Wenn diese Worte den Arbeitern nicht ins Herz g'schrieben wären, was nutzet denn auf alle Türen das Geschmier'?

Klaus (zu Sigmund und Cäcilie). Der wird noch grob –! (Zu Cäcilie.) Ich bring' Ihnen an den Ort Ihrer Bestimmung, und wenn sich Ihr Vater gar nicht überreden lassen will so sag' ich ihm's franchement ins G'sicht, daß er ein dummer Kerl is. (Geht mit Cäcilien, welcher er den Arm gibt, und mit Sigmund Seite rechts ab.)

 
Zwanzigste Szene

Ultra (allein).

Ultra. Auf was gibt denn der gar so acht da drin, auf d' Letzt' –? Neugierig bin ich etwas – na, und warum – 's Anläuten verletzt ja das Eigentum noch nicht. – (Läutet am Hause des Klaus.)

 
Einundzwanzigste Szene

Emerenzia. Der Vorige.

Emerenzia (von innen). Was is's –? (Die Haustüre halb öffnend.) Was will der Herr?

Ultra. Is d' Frau allein zu Haus? Gar niemand sonst?

Emerenzia (ängstlich werdend). Allein bin i – mutterseelenallein – (mit steigender Angst) um alls in der Welt –

Ultra. Jetzt hat die Ängsten! Mach' d' Frau 's Türl zu!

Emerenzia. Gott steh' mir bei! (Verschließt sich wieder in ihr Haus.)

 
Zweiundzwanzigste Szene

Ultra (allein).

Ultra. Und da schreibt der Kerl: »Heilig sei das Eigentum!« Ah, diese Kreidenverschwendung, das ist zu stark! – Wer hätt' sich aber jemals dieses regsame, bewegte Leben in dem friedlichen Krähwinkel als möglich gedacht? Wir haben jetzt halt überall die zweite Auflag' von der vor vierzehn Jahrhunderten erschienenen Völkerwanderung. Nur mit dem Unterschied, daß jetzt die Völker nicht wandern, sich aber desto stärker in ihren stabilen Wohnsitzen bewegen. Natürlich, so was wirkt nach allen Seiten hin, gärt und muß sich abbeißen und kann folglich nicht so g'schwind vorübergehn.

Lied

1.
            In Sizilien beiden
            Wär'n d' Menschen z' beneiden,
            Herumspazier'n immer
            In ein' herrlichen Klima,
            In d' Politik nix pantschen,
            Schön fressen Pomerantschen,
            Singen Lieder der Minne
            Zur Mandldoline,
            Selbst vesuvischem Brande
            Ruhig zuschaun vom Strande;
So hätt's Leben in Neapel recht a friedliches G'sicht,
Aber d' Weltgeschicht' sagt: justament nicht!
            Nach Freiheit hab'n s' g'rungen,
            's is ihnen gelungen –
            Da denkt sich der Köni:
            »Da wär' i ja z' weni.
            's Volk schreit mordionisch:
            »Nur nix mehr bourbonisch!«
            Die G'schicht' ändern kann i,
            I zahl' d' Lazzaroni,
            Den Gusto soll'n s' büßen,
            Ich lass' s' halt zsamm'schießen –«
                Sie, das is kurios,
                Aber 's gibt noch ein' Stoß,
                Die Gärung is z' groß,
                Es geht überall los.

2.
            In England wär's herrli,
            So find't man's wohl schwerli,
            's Geld nach Pfund, nit nach Kreuzer,
            Chesterkäs statt an Schweizer,
            Diese Beefsteaks, das Porter,
            Die gelehrten Oxforder,
            Und trotz daß 's Volk herrscht allmächti,
            Geht's der Königin doch prächti;
            Der Prinz Albert, nix weiter
            Als »Viktoria!« schreit er;
So hätt's Leben in London recht a friedliches G'sicht,
Aber d' Weltgeschicht' sagt: justament nicht!
            Betracht'n wir's politisch,
            Steht's in England sehr kritisch,
            So viel Millionen Gulden
            Hat gar kein Staat Schulden.
            In dem Reich der drei Inseln
            Tut auch z'viel Armut winseln,
            Aufgeklärt O'Conellisch,
            Wird Irland rebellisch,
            Denn der Hung'r psychologisch
            Is rein demagogisch.
                O, ich bin drauf kurios,
                Na, da gibt's noch ein' Stoß,
                Denn die Gärung is z' groß,
                Es geht überall los.

3.
            Frankreich denkt sich: »Was tu' i,
            Es prellt uns der Louis
            Um d' Freiheit allmählich
            Durch d' Minister gar schmählich;
            's tut's nicht mehr Orleanisch,
            Wer'n wir republikanisch!« –
            's kommt zur Realisierung
            D' Proletarier-Regierung.
            In ein' Tag waren s' auf Rosen
            Gebettet, d' Franzosen;
So hätt's Leben in Frankreich recht a friedliches G'sicht,
Aber d' Weltgeschicht' sagt: justament nicht!
            Es woll'n d' Republiken
            In Europa nicht glücken,
            Selbst für die von die Schweizer
            Geb' ich keine fünf Kreuzer –
            Von d' Pariser nicht wenig'
            Woll'n schon wieder ein' König –
            Woher nehm'n und nicht stehlen!
            Viele krieg'rische Seelen
            Ein' Napoleon verlangen;
            Da wer'n sie's erst fangen.
                O, i bin drauf kurios,
                Na, da gibt's noch ein' Stoß,
                's is d' Gärung zu groß,
                Es geht überall los.

4.
            Anders tut sich Östreich machen,
            Da gehn um'kehrt die Sachen;
            Zwar is d' Aufgab' ka kleine,
            Da z' kommen ins reine,
            's soll ein Zirkel Völkerschaften
            An ein' Mittelpunkt haften;
            Unsere Stellung war schwierig,
            Und viele hab'n schon gierig
            G'wart't auf unsre Auflösung.
            (Niest.) Atzi! Zur Genesung!
Sie hab'n schon glaubt, daß alles feindlich in Teile zerbricht –
Aber d' Weltgeschicht' sagt: justament nicht!
            Eine Freiheit vereint uns,
            So wie a Sonn' nur bescheint uns;
            G'schehn auch Umtrieb' von Ischl
            Oder von Leitomischl,
            Wir kommen zur Klarheit,
            G'sunder Sinn find't schon d' Wahrheit;
            Und trotz die Diff'renzen
            Wird Östreich hoch glänzen
            Fortan durch Jahrhundert',
            Gepriesen, bewundert –
                Wir stehn da ganz famos
                Und wir fürchten kein' Stoß,
                Is die Gärung auch groß,
                Bei uns geht nix mehr los! –
                (Rechts ab.)

weiter

I/01–10: Wirtshaus in Krähwinkel
I/11–15: Krähwinkler Staatskanzlei
I/16–25: Wohnzimmer des Klaus

II/01–07: Saal beim Bürgermeister
II/08–16: Platz in Krähwinkel

III/01–04: Salon bei Frau von Frankrenfrey
III/05–12: Platz in Krähwinkel
III/13–16: Hotel zum Bock
III/17–22: Straße in Krähwinkel
III/23–25: Hauptplatz in Krähwinkel