Verwandlung
Wohnzimmer des Ratsdieners Klaus. Im Hintergrund steht ein altes Kanapee. Keine Mitteltüre, sondern nur rechts und links eine Seitentüre, von welchen beiden die rechts der allgemeine Eingang ist, die links in die Küche führt.
Sechzehnte Szene
Klaus. Emerenzia.
(Es ist Abend. Klaus kommt mit einem Pack Zeitungen aus der Seitentüre links mit Emerenzia, welche Licht bringt und auf den Tisch stellt.)
Klaus. Ich sag' dir's, Alte, es is a so und nicht anders; so wie vor siebzehn Jahr'n die Cholera, grad so geht jetzt die Freiheit herum.
Emerenzia. Mein Gott, wenn s' uns heimsuchet, könnt' s' dir was tun?
Klaus. Na, ob! Die Freiheit packt immer zuerst das alte Ministerium, dazu gehör' ich offenbar, und so dürfte ich als eins der ersten Opfer fallen.
Emerenzia. Na, sei so gut und mach' mich in meine alten Täg' zur Witib.
Klaus. Hier is nicht von dem ordinären Tod, sondern von dem Verlust des Einflusses, von meiner Stellung zum Staat die Rede. Die Verhältnisse könnten mich zwingen, zu abdizieren. Das is für uns Große keine Kleinigkeit.
Emerenzia. Was hast denn da für Zeitungen?
Klaus. Lauter östreichische. Ich trau' mir s' gar nicht z' lesen. Nein, wie wir uns in dem Östreich alle getäuscht haben, das is schauderhaft!
Emerenzia. Sollen tun, was s' wollen, bis nach Krähwinkel dringt d' Freiheit doch nit.
Klaus. Wenn uns etwas bewahren kann vor dieser Pest, so sind's die Ligorianer. Auf diese frommen Herren bau' ich noch meine einzige Hoffnung. (Es wird geklopft.)
Siebzehnte Szene
Ultra. Vorige.
Emerenzia. Klopft hat wer herein!
Ultra (als Ligorianer kostümiert, tritt zur Seitentüre rechts ein). Memento mori! Appropinquat pater fidelis animarum fidelium.
Klaus (mit freudigem Staunen). Ein fremder geistlicher Herr!
Emerenzia. Wir küssen 's Kleid.
Ultra. Der Herr Klaus kennt mich nicht?
Klaus. Hab' noch nicht die hohe Ehre gehabt. Der Pater Severin kommt manchesmal her
Emerenzia. Der Pater Ignatius
Ultra (mit frommem Entzücken). Von Loyola!
Klaus. Der Pater Thomas
Ultra. Ich bin der Pater Fidelius.
Klaus. Unendliche Auszeichnung Alte, einen Sessel
Ultra. Wenn der Herr Klaus die andern kennt, so kennt er mich auch, wir sind alle auf einen Schlag. Mich schickt der Pater Prior. Es handelt sich um das Seelenheil des Herrn Bürgermeisters.
Klaus. Das is freilich keine Kleinigkeit.
Ultra. Drum wünscht' ich unter vier Augen
Klaus. Alte! (Emerenzia entfernt sich auf seinen Wink.)
Ultra. Er verschweigt uns manches aus weltlichen Rücksichten, er macht Umtriebe
Klaus. Das tut er, ja, aber alles im Einverständnis mit 'n Pater Prior.
Ultra. Zur größten Ehre Gottes und zum Ruhm des heiligen Ignatius von Loyola. Der Pater Prior schickt mich nun mit dem Auftrag, der Herr Klaus soll mir alles sagen, was er weiß, damit wir kontrollieren können, ob uns der Bürgermeister wirklich alles vertraut.
Klaus. Es is ein einziges das is halt so was Wichtiges das hat er nicht einmal dem Pater Prior g'sagt! Müssen mich aber nicht verraten!
Ultra. Ein Jesuit und Verrat ?
Klaus. Freilich, da hat man gar kein Beispiel. Also sehen Sie, die Sache is die! Wir haben die vorige Wochen ein hohes Reskript kriegt, ein abscheulichs hohes Reskript. Mehrere europäische Großmächte waren unterzeichnet, als: Lippe-Detmold, Rudolstadt, Reiß-Greiz-Schleiz, nur Rußland is mir ab'gangen, das is mir gleich aufg'fallen.
Ultra. Und der Inhalt?
Klaus. War eine Konstitution für Krähwinkel, die der Herr Bürgermeister augenblicklich hätt' proklamieren sollen.
Ultra. Was er natürlich wohlweislich unterlassen hat.
Klaus. Na, ich glaub's! Freiheit is ja was Schreckliches. Seine Herrlichkeit sagt immer: Der Regent is der Vater, der Untertan is a kleins Kind, und die Freiheit is a scharfs Messer.
Ultra. Das is die wahre Ansicht, ich weiß genug. Von meinem Besuch muß der Herr Klaus weder dem Bürgermeister noch meinen geistlichen Brüdern was sagen.
Klaus. Schon recht, strengstes Geheimnis! Jetzt erlauben aber Euer Hochwürden, daß ich Ihnen meine Alte aufführ'. (Zur Seitentüre rufend.) Kannst schon wieder einigehn. (Stellt ihm Emerenzia vor.) Das ist die Gattin meiner Wahl, das heißt, gewesen, jetzt nehmet ich s' nicht mehr.
Ultra. Ah, freut mich!
Emerenzia. Ich küss's Kleid.
Klaus. Vorigs Jahr hätt' ich s' bald verloren.
Ultra. O, da wär' ewig schad' gewesen, also hat die Frau sterben wollen?
Klaus. Nein, sie hat wollen zu die Büßerinnen gehn, der Pater Prior aber hat g'sagt, es is nicht nötig, er wüßt' nit, für was?
Ultra. Da hat er recht gehabt. Still! (Horchend.) Habt ihr nichts gehört, gute Leute?
Klaus. Der Wind geht draußten so stark.
Ultra. Das wird's sein. Unter andern, ihr habt ja auch eine Tochter?
Klaus. Freilich! Cilli! Cilli! Wo steckst denn? (öffnet die nach der Küche führende Türe.)
Emerenzia. Sie is schon eine halbete Himmelsbraut.
Ultra. Ah, das schlägt ja in unser Fach!
Achtzehnte Szene
Cäcilie. Vorige.
Klaus. Da schau her, a geistlicher Herr ist da
Cäcilie (sehr schüchtern). Ich küss's Kleid.
Ultra. Warum denn? Lieber die Hand, so ! (Reicht ihr die Hand zum Kusse.)
Emerenzia. Diese Auszeichnung!
Klaus. 's Mädel kommt zum Handkuß, das is a Freud' für die Eltern.
Ultra (zu Cäcilie). Bis wann gedenken Sie den frommen Beruf ?
Cäcilie. Ach Gott, ich weiß nicht (Man vernimmt in weiter Ferne die Töne einer Katzenmusik.)
Ultra (horchend). Was is das ?
Klaus. Jetzt hör' ich selber was. (Man vernimmt die Töne etwas lauter als zuvor.)
Ultra (beiseite). Richtig, 's geht schon los.
Klaus. Das is ja grad' wie ein Rumor
Emerenzia. Ich krieg' die Krämpf'
Ultra. Ich muß eilen. Benedicat vos Dominus in aeternum! (Eilt zur Seitentüre rechts ab.)
Klaus. Kommen der geistliche Herr nur gut nach Haus!
Neunzehnte Szene
Die Vorigen ohne Ultra.
Emerenzia (händeringend). Mann, um alles in der Welt, was wird das werd'n? (Man hört fortwährend in Entfernung die Töne der Katzenmusik.)
Klaus. Revolution, reine Revolution!
Emerenzia. Gott steh' uns bei!
Cäcilie. Wenn nur den Beamten nichts g'schieht! (Neuerdings Katzenmusik.)
Klaus. Hört ihr s' singen, die höllischen Heerscharen der Freiheit ?! (Man hört in der Szene links stark an eine Fensterscheibe klopfen.)
Emerenzia (aufschreiend). Ach, sie brechen ein bei uns! Hilfe! Räuber! Mörder! (Sinkt in einen Stuhl. Das Klopfen wiederholt sich.)
Cäcilie. Nein, nein das Klopfen klingt ängstlich! Es is einer, der Hilf' sucht.
Klaus. Mir scheint selber, du hast recht!
Cäcilie. Am End' ist's gar ein Beamter ! (Läuft zur Seitentüre links ab.)
Klaus. Was sich denn das Madl so um die Beamten abängstigt! (Zu Emerenzia.) Alte, komm zu dir, es kommt wer zu uns!
Emerenzia. Au weh! Mann, du wirst es sehn, es is a Halunk'
Cäcilie (zurückkommend, in größter Eile). Der Herr Bürgermeister kommt!
Emerenzia. Ist's möglich ?!
Klaus (zugleich). Seine Herrlichkeit !?
Zwanzigste Szene
Der Bürgermeister. Die Vorigen.
Bürgermeister (ist im Schlafrock und hat nur einen Mantel darüber geworfen und eine graue Filzkappe auf, den Schirm über das Gesicht berabgezogen). He, Klaus wo ist Er denn?
Klaus. Euer Herrlichkeit
Bürgermeister. Das ist heillos.
Emerenzia. Der hohe Besuch! Und 's is nicht ausgerieben bei uns!
Bürgermeister. Klaus, ich bin außer mir!
Klaus. Was is's denn, Euer Herrlichkeit?
Bürgermeister. Das Entsetzlichste ist geschehen, der Krähwinkler Jüngste Tag bricht an, alle verstorbenen Bürgermeister drehen sich in die Gräber herum man hat mir eine Katzenmusik gemacht, man macht sie mir noch hört Er? (Man vernimmt die Töne eben wieder etwas lauter.)
Klaus. Gräßlich ! Mit was machen s' denn das?
Bürgermeister. Da ist das ganze Orchester der Hölle losgelassen; was Krähwinkel je an Konzerten gehört, verschwindet in ein Nichts dagegen, das kreischt und tobt und trommelt und schnarrt, pfeift, braust, rasselt und klirrt es macht den Kopf zur geladenen Bombe, die am Ende platzen muß.
Emerenzia. Gott steh' uns bei!
Bürgermeister. Ich habe mich durch ein Hinterpförtlein geflüchtet. Hier vermutet mich niemand, ich werde bei Ihm übernachten, Klaus!
Klaus. Diese Ehre !
Emerenzia (trostlos). Und nicht ausgerieb'n!
Klaus. Mein' Alte legt sich zu der Cilli ins Kammerl, und ich leg' mich in d' Kuchel hinaus.
Bürgermeister. Ich werde mich auf diesem Kanapee durch ein paar Schlummerstündlein erquicken.
Klaus. Ich werde Euer Herrlichkeit die Duchent und die Kopfpölster von meiner Alten bringen.
Bürgermeister. Nein, Klaus! Ich will gar nichts, durchaus nichts als Ruhe.
Klaus. Na, vielleicht (Leise zu Emerenzia.) Wenn nur nicht den ganzen Tag deine Pintscherln auf dem Kanapee liegeten! (Laut.) Gute Nacht, Euer Herrlichkeit!
Cäcilie und Emerenzia. Untertänigste ruhsame Nacht! (Klaus, Emerenzia, Cäcilie entfernen sich mit zeremoniösen Verbeugungen zur Seitentüre links.)
Einundzwanzigste Szene
Bürgermeister (allein).
Bürgermeister. Ich glaube, der aufrührerische Krawall läßt nach. Ohne Zweifel ist Rummelpuff mit der Gewalt der Waffen eingeschritten. Ich werde mein regierungsmüdes Haupt zur Ruhe legen (macht sich's auf dem Kanapee bequem) und damit ich nichts davon höre, wenn's allenfalls nochmals losgehen sollte, ziehe ich mir den Mantel hoch hoch über die Ohren. (Hat sich zur Ruhe gelegt und verhüllt sich ganz in den Mantel. Nach einer kleinen Pause beginnt im Orchester leise charakteristische Musik, welche, unruhige, beängstigende Träume schildernd, immer stärker wird. Nach einer Weile, während welcher man den Bürgermeister die Bewegungen eines unruhigen Schlafes machen sieht, hebt sich ein Teil der Rückwand, an welcher das Kanapee steht; man sieht einen Wolkenvorhang, welcher sich ebenfalls erhebt und den Traum des Bürgermeisters in einem Tableau darstellt. Man sieht nämlich den Moment, wo im Hofe des Wiener Landhauses ein auf dem Brunnen stehender Redner die versammelte Menge zur Erringung der Freiheit aufruft. Nach einer Weile endet die Vision. Die Wand schließt sich, die Musikbegleitung im Orchester hört auf. Der Bürgermeister erwacht.)
Bürgermeister (stöhnend). Ah, wo bin ich ? Oh! (Sich ermunternd.) Gott sei Dank, 's war nur ein Traum! Klaus Klaus! Aber schrecklich, schrecklich ist so ein Traum!
Zweiundzwanzigste Szene
Klaus. Der Vorige.
Klaus (zur Seitentüre links hereineilend, in seinem früheren Anzuge, nur mit einer Schlafhaube). Was is's denn, Euer Herrlichkeit, is was g'schehn?
Bürgermeister. Viel sehr viel oder eigentlich nichts ich schlafe sehr unruhig auf diesem Kanapee.
Klaus (beiseite). Kann mir's denken!
Bürgermeister. So abscheuliche Träume
Klaus. Von was denn?
Bürgermeister. Von Freiheit, nichts als Freiheit!
Klaus. Was uns die Freiheit martert ! Ich weiß, was ich tu', ich setz' sie in die Lotterie.
Bürgermeister. Narr!
Klaus. Warum? »Freiheit« hat drei schöne Nummern: dreizehn, fünfzehn und sechsundzwanzig. Übrigens ist das nur im ersten Schlaf; und der Ort macht viel
Bürgermeister. Freilich, kein Wunder, wenn man in der Nähe einer Katzenmusik von Freiheit träumt.
Klaus. Ich bin wieder in einer andern Lag'; ich schlaf' unter 'n Herd, mir haben lauter Schwabenstückeln traumt. (Geht zur Seitentüre links ab.)
Dreiundzwanzigste Szene
Bürgermeister (allein).
Bürgermeister. Vielleicht hab' ich jetzt einen bessern oder, was das beste wäre, gar keinen Traum. (Verhüllt sich wie früher, nachdem er sich auf das Kanapee gelegt, und schläft ein. Im Orchester hat leise Musikbegleitung begonnen, welche, wie oben, nach unruhigem Schlummer, den folgenden Traum charakteristisch vorbereitet. Nachdem sich, wie früher, die Wand und der Wolkenvorhang gehoben, sieht man im Tableau den Moment der Sturmpetition vom 15. Mai auf dem Hofplatz dargestellt. Nach einer Weile endet die Vision, die Wand schließt sich, die Musikbegleitung im Orchester hört auf, der Bürgermeister erwacht.) Klaus! Klaus!! Das ist nicht auszuhalten wenn so was je in Krähwinkel vorkommen sollte Klaus Klaus!!
Vierundzwanzigste Szene
Klaus. Bürgermeister.
Klaus (hereinstürzend). An wieviel Ecken brennt's?
Bürgermeister. Nirgends als in meinem Kopf aber ich halt' es nicht aus die Träume werden immer schrecklicher beängstigender
Klaus. Doch nicht wieder von Freiheit?
Bürgermeister. Von was sonst? Es wird immer ärger, ich schlafe von heut' an gar nicht mehr.
Klaus. Wär' nicht übel! Nein, nein, mir fallt ein Mittel ein. Um diese Freiheitsvisionen loszuwerden, legen sich Euer Herrlichkeit was Schwarzgelbes unter 'n Kopf, da kommen gleich andere Traumbilder.
Bürgermeister. Ja, wo nehm' ich jetzt was Schwarzgelbes her?
Klaus. Da haben Euer Herrlichkeit die »Wiener Zeitung«. (Zieht ein Blatt »Wiener Zeitung« aus der Tasche und breitet es auf der Kopfseite des Kanapees aus.) So, und setzen wir den Fall, es kommt in Krähwinkel zu was
Bürgermeister. Das wär' schauderhaft
Klaus. Nein; ich kenn' die Krähwinkler man muß sie austoben lassen; is der Raptus vorbei, dann werd'n s' dasig und wir fangen s' mit der Hand. Da woll'n wir's hernach erst recht zwicken, das Volk. (Geht Seitentüre links ab.)
Fünfundzwanzigste Szene
Bürgermeister (allein).
Bürgermeister. Er hat nicht so ganz unrecht und geht's nicht durch eigne Kraft, so gibt's ja auch noch fremde Hilfe hm, hm, der Gedanke ist nicht schlecht so muß es gehen. (Sich wieder zur Ruhe legend.) Wart' nur, du Volk, du sollst mir nicht über den Kopf wachsen, du Volk, du ! (Hüllt sich in seinen Mantel und schläft ein. Im Orchester beginnt leise Musik, welche nach und nach einen höchst behaglichen Traum charakterisiert, die Wand öffnet sich, wie früher, ebenso der Wolkenvorhang, die Musik geht plötzlich in einen russischen Triumphmarsch über, und man sieht des Bürgermeisters Traum im Tableau. Auf einer Seite knien die Krähwinkler Bürger, auf der andern steht eine dem Bürgermeister ganz ähnliche Gestalt mit einem russischen General Arm in Arm unter einem Triumphbogen. Im Hintergrunde sieht man Kosaken ansprengen und russische Grenadiere, welche die Knute schwingen. Nach einer Weile schwindet das Traumbild, der Bürgermeister drückt im Schlaf die größte Behaglichkeit aus.)
Der Vorhang fällt.
|