Verwandlung
Bureau in der Krähwinkler Staatskanzlei, rechts und links ein Kanzleitisch. Mitteltüre. Seitentüre rechts führt ins Kabinett des Bürgermeisters, Seitentüre links in das Kabinett des Geheimsekretärs, des Herrn von Reakzerl Edlen von Zopfen.
Elfte Szene
Sigmund. Dann Reakzerl.
Sigmund (in großer Hast zur Mitteltüre hereineilend). Das war Todesangst eine Minute später, und der Bureautyrann kommt früher als ich, und geschehen war's um meine Existenz. (Hat schnell den Hut aufgehangen und setzt sich zum Schreibtisch.)
Reakzerl (zur Mitte eintretend). Hat sich noch kein Herr Ultra gemeldet?
Sigmund. Untertänigst, nein.
Reakzerl. Wenn er kommt, wird er sogleich ins Kabinett zu Sr. Herrlichkeit, dem Herrn Bürgermeister, geführt. Nicht wahr, Sie staunen?
Sigmund. Untertänigst, ja.
Reakzerl. Dem Mann steht eine große Karriere offen. Er sollte als unruhiger Kopf auf dem Schub fortgeschickt werden; aber ich gab Sr. Herrlichkeit zu bedenken, wie er dann im Auslande über unsere Institutionen schmähen würde. Wir werden ihn daher durch Anstellung an uns ketten und mit einem ansehnlichen Gehalt ihm das lose Maul stopfen. Auf diese Weise hat die Staatsklugheit schon manchen Demagogen unschädlich gemacht. Was schon über drei Monate hier liegt, können Sie mir gelegentlich zur Unterschrift unterbreiten. (Geht in die Seitentüre links ab.)
Sigmund (sich tief verbeugend). Untertänigst, sehr wohl.
Zwölfte Szene
Willibald. Ultra. Sigmund.
Ultra (mit Willibald zur Mitte eintretend). Drum sag' ich, nur reden, offen reden
Willibald. Da, schau her, Sigmund! (Auf Ultra zeigend.) Der, den ich als vermeintlichen Nebenbuhler angefeindet hab', der ist mein Freund geworden.
Ultra. Mich in Verdacht einer Heiratsidee zu haben! Eh'stand is Sklaverei, und ich bin Freiheit durch und durch. Mein Blut is rote Freiheit, mein Gehirn is weiße Freiheit, mein Blick is schwarze Freiheit, mein Atem is glühende Freiheit
Sigmund. Ich bitte, sprechen Sie nicht so laut!
Ultra. Ich genier' mich nicht, zu reden.
Sigmund. Aber wir müssen uns genieren, Sie zu hören,
Willibald. Da rechts das Kabinett Sr. Herrlichkeit, da links das Bureau des Geheimen Herrn Stadtsekretärs, des Herrn Reakzerl Edlen von Zopfen.
Ultra. Schöne Umgebung, die Sie da haben! Und außer Ihnen sind noch viele Beamte hier?
Willibald. Im Expedite sehr viele
Sigmund. In der Registratur noch mehr!
Willibald. Jetzt erst in der Buchhaltung!
Sigmund. Und beim Magistrat!
Ultra. Wirklich, ich seh', es is auch in Krähwinkel alles getan, um durch übertriebenes Beamtenheer die Finanzen zu schwächen.
Sigmund. Wir Subalterne haben sehr kleine Gehalte.
Willibald. Und sehr viele, wenn auch unnötige Arbeit.
Ultra. Aber die, die nix tun, die ziehn die enormen B'soldungen das is wo anders auch so, und damit das Enorme ins Himmelschreiende geht, kriegen s' noch Tafelgelder auch dazu.
Sigmund (ängstlich). Wir werden noch brotlos, bloß weil wir mit Ihnen gesprochen haben. Ich bitte, hineinzuspazieren. (Öffnet die Seitentüre rechts und meldet mit einer tiefen Verbeugung.) Herr von Ultra! (Ultra tritt in das Kabinett des Bürgermeisters ein, Sigmund macht hinter ihm die Türe zu.)
Dreizehnte Szene
Vorige ohne Ultra. Später Frau von Frankenfrey.
Willibald. Wenn den der Bürgermeister umstimmt
Sigmund. O, gar kein Zweifel!
Willibald. Dann sag' ich zum Frohsinn: »Fahre hin, du Flattersinn!« und zum Servilismus: (es wird geklopft) Herein!
Frau von Frankenfrey (zur Mitteltüre eintretend). Ah, meine Herren
Sigmund. Meine Gnädige
Willibald. Wie lange wurde uns das Glück nicht zuteil, die interessanteste, eigentlich die einzige interessante Frau von Krähwinkel zu sehen, die Frau, der man es auf den ersten Blick gleich ansieht, daß sie eine Fremde, nur durch Zufall in unser Nest Hereingeschleuderte ist.
Frau von Frankenfrey. Und durch welch traurigen Zufall!? Durch den Tod meines Gemahls
Sigmund. Auf der Reise sterben ist gar etwas Unangenehmes.
Willibald. Dafür ist er in Krähwinkel gestorben, und an einem solchen Orte, wo das Leben nichts bietet, kann der Tod nicht besonders schwer sein.
Frau von Frankenfrey. Ich muß also gleich mit dem Bürgermeister sprechen.
Sigmund. In der Testamentssache?
Willibald. Das ist eine üble Geschichte; hätte wirklich was Besseres tun können in seinen letzten Stunden, der Herr Gemahl, als sich den Ligorianern in die Arme zu werfen und dem Prior das Testament in die Hände zu geben.
Frau von Frankenfrey. Ich habe aber den Inhalt genau gelesen, das Kloster erhält nur ein Legat, und nur für den Fall, als ich mich nicht mehr verehelichte, fällt nach meinem Tode das andere, höchst bedeutende Vermögen den frommen Herren zu. Und nun verweigert der Prior, das Testament meinem Advokaten einzusenden
Willibald. Die Gründe sind begreiflich.
Sigmund. Ein Glück, daß der Herr Bürgermeister als Zeuge unterschrieben ist.
Willibald. Das Glück ist nicht so groß; denn wenn es auch jeden von den beiden Herren einzeln verhindert, die gnädige Frau um das ganze Vermögen zu prellen, so werden sie ihr um so sicherer in brüderlicher Halbpartschaft jeder die Hälfte stehlen. Und daß der Herr Bürgermeister noch auf eine Hälfte, nämlich auf die reizende Witwe selbst, als Eh'hälfte spekuliert, das ist ja eine bekannte Sache.
Frau von Frankenfrey. Eher den Tod als diesen gemeinen, vandalistischen Finsterling!
Willibald. Und ihr stürzt nicht zusammen, ihr Mauern dieser Staatskanzlei, ob solchen Frevelworten?!
Sigmund (horchend). Täusch' ich mich nicht ? Ein Wortwechsel im Kabinette Sr. Herrlichkeit
Vierzehnte Szene
Bürgermeister. Ultra. Vorige.
Ultra (erzürnt aus der Seitentüre rechts kommend). Kein Wort weiter, ich will nix mehr hören!
Bürgermeister (ihm folgend). Aber, mein Herr
Ultra. Für was halten Sie mich? Mir den Antrag zu machen, ich soll Zensor werden! Das is zu stark!
Bürgermeister. Sind Sie denn wahnsinnig? Ich glaub', Sie wissen gar nicht, was ein Zensor ist!
Ultra. Das weiß ich nur zu gut! Ein Zensor is ein menschgewordener Bleistift oder ein bleistiftgewordener Mensch, ein fleischgewordener Strich über die Erzeugnisse des Geistes, ein Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lagert und den darin schwimmenden Literaten die Köpf' abbeißt.
Bürgermeister. Welche Sprache?! Das ist unerhört in Krähwinkel!
Ultra. Ich glaub's, weil's um hundert Jahr z'ruck seids, und diese Sprache ist noch keine vier Monat' alt. In dieser neuen Sprach' sag' ich Ihnen jetzt auch, was die Zensur is. Die Zensur is die jüngere von zwei schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition. Die Zensur is das lebendige Geständnis der Großen, daß sie nur verdummte Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können. Die Zensur is etwas, was tief unter dem Henker steht, denn derselbe Aufklärungsstrahl, der vor sechzig Jahren dem Henker zur Ehrlichkeit verholfen, hat der Zensur in neuester Zeit das Brandmal der Verachtung aufgedrückt.
Bürgermeister (wütend). Herr! Wenn's nicht zu hoch käm', für Sie ließ' ich extra eine Festung bauen, gegen die der Spielberg nur ein chinesisches Lusthaus wär'.
Frau von Frankenfrey (mit Entrüstung zum Bürgermeister, indem sie vortritt). So möchten Sie das freie Wort belohnen?
Bürgermeister (frappiert). Meine Verehrteste Charmanteste (Zu Sigmund und Willibald.) Warum hat man mir nicht gemeldet ?
Frau von Frankenfrey (zu Ultra). Sie haben mir aus der Seele gesprochen, Sie sind mein Mann!
Ultra. Ich bin Ihr Mann?
Frau von Frankenfrey. Das heißt nämlich ich meinte
Ultra. Das Mißverständnis is so schön, daß ich auf gar keine Entschuldigung dringe.
Bürgermeister (zu Frau von Frankenfrey). Ist es gefällig, in mein Kabinett zu spazieren?
Ultra (zu Frau von Frankenfrey). Da drin werd'n Anstellungen aus'teilt wer weiß die verstorbene Frau Bürgermeisterin is tot
Bürgermeister (wütend). Mensch !
Ultra. Hätten Sie mir einen anderen Namen gegeben, so hätt' ich g'sagt: »Selber einer!«, aber so
Frau von Frankenfrey (zu Ultra). Hielten Sie mich für fähig ?
Bürgermeister. Ich bitte (Will sie nach der Seitentüre rechts führen.)
Frau von Frankenfrey. Ich bin, gekommen, Ihnen zum letzten Male zu sagen, daß Ihre Umtriebe in betreff meines Vermögens
Bürgermeister. Hier ist nicht der Ort (Führt sie nach seinem Kabinett ab.)
Ultra. Die Bureau-Jünglinge sollen nicht erfahren, was sie für einen Chef haben
Bürgermeister (sich an der Türe umwendend, zu Sigmund). Fertigen Sie diesem propagandistischen Ausländer einen Laufpaß aus, in zwei Stunden muß er das Weichbild von Krähwinkel im Rücken haben. (Geht in die Seitentüre rechts ab.)
Fünfzehnte Szene
Ultra. Sigmund. Willibald.
Ultra. Das Weichbild im Rücken? Das ist ein hartes Urteil.
Willibald. Was liegt Ihnen denn soviel an Krähwinkel?
Ultra. An Krähwinkel gar nix, aber alles an dieser unbekannten Dame, die mich ganz damisch macht. Wie sie g'sagt hat: »Sie sind mein Mann!« merkwürdig, wie mich da alle Wonnen des Eh'stands durchschauert haben. O, er hat Recht, jener populäre Philosoph, wenn er so klar sagt, daß das Sein nur ein Begriffsaggregat mit markierten elektromagnetisch-psychologisch-galvanoplastischen Momenten ist.
Willibald. Ihr Zustand scheint bedenklich! Was wollen Sie tun?
Ultra. Den Bürgermeister stürzen und auf den Trümmern der Tyrannei den Krähwinklern ein' Freiheitsdom und mir einen Hymentempel bauen! Das is gewiß eine schöne Unternehmung.
Sigmund. Ich muß Ihnen aber laut Befehl Sr. Herrlichkeit und bei uns steht immer die Existenz auf 'n Spiel einen
Ultra. Einen Laufpaß geben. Sagen Sie, Sie haben's getan
Sigmund. Aber zu meiner Legitimation
Ultra. Tragen Sie nur das Nötige g'schwind ein in Ihr Buch.
Sigmund (sich zum Schreibtisch setzend). Name
Ultra. Eberhard Ultra.
Sigmund. Geburtsort
Ultra. Deutscher Bund.
Sigmund. Alt
Ultra. Vierthalb Monat'.
Sigmund. Was ?
Ultra. Keine Stund' älter; so alt is die Freiheit, und das Frühere rechn' ich für nix.
Sigmund. Augen
Ultra. Dunkel, aber hellsehend.
Sigmund. Nase
Ultra. Freiheitsschnuppernd.
Sigmund. Mund
Ultra. Wie ein Schwert.
Sigmund. Statur
Ultra. Mittlere Barrikadenhöhe.
Sigmund. Besondere Kennzeichen
Ultra. Unruhiger Kopf.
Sigmund. Charakter
Ultra. Polizeiwidrig! Jetzt haben Sie alles. (Zu Willibald.) Und jetzt sagen Sie mir, Freund, wie kann ich dem Bürgermeister hinter seine Regierungsschliche kommen, denn ich möcht' vorläufig mit List gegen ihn operieren, bis es Zeit is zum Gewaltstreich. Wem schenkt er sein Zutrauen?
Sigmund. Niemandem als dem Geheimen Ratsdiener Klaus.
Ultra. Und zu wem hat der sein Zutrauen?
Willibald. Zu niemandem als zu den Ligorianern.
Ultra. Das is mir schon genug.
Willibald. Wie aber wollen Sie unerkannt hier verweilen?
Ultra. Wie anders als verkleidet? Und dazu müssen Sie mir behilflich sein. Sie sehn, wie ich auf Ihre Freundschaft baue.
Willibald. Glücklicherweise kann ich Ihnen hierin das trifft sich herrlich voriges Jahr konnte hier ein armer Theaterprinzipal den Pacht nicht bezahlen. Seine Herrlichkeit ließen ihm die Garderobe pfänden.
Ultra. Damit sich der arme Teufel auch weiter nichts verdienen kann.
Willibald (zu Ultra). Zu dieser Garderobe kann ich Ihnen behilflich sein.
Ultra. Sehen Sie, wie der Weltlauf immer nemesiserln tut. Seine eigene Schandtat liefert mir die Waffen gegen ihn. Sie begleiten mich jetzt, nicht wahr?
Sigmund (zu Willibald). Ich werde dich beim Herrn von Reakzerl als unpäßlich entschuldigen.
Willibald (zu Sigmund). Tu das! (Zu Ultra.) Kommen Sie!
Ultra. Noch eins. (Zu Sigmund.) Wenn Sie die reizende Witwe sehn, so sag'n Sie ihr, wie Krähwinkel frei is, so werd' auch ich so frei sein und sie an gewisse Worte erinnern. Sie hat gesagt: »Sie sind mein Mann«, sagen Sie ihr, daß ich in diesem Punkt keinen Spaß versteh'. Sie hat es vor Zeugen zu mir gesagt, so was is sehr delikat, ich glaub', sie is es meinem Ruf als Jüngling schuldig, daß sie mir am Altar gelegentlich ihre Rechte reicht. (Geht mit Willibald zur Mitte, Sigmund in die Seitentüre links ab.)
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