Freiheit in Krähwinkel, I/1–10

I/01–10: Wirtshaus in Krähwinkel
I/11–15: Krähwinkler Staatskanzlei
I/16–25: Wohnzimmer des Klaus

II/01–07: Saal beim Bürgermeister
II/08–16: Platz in Krähwinkel

III/01–04: Salon bei Frau von Frankrenfrey
III/05–12: Platz in Krähwinkel
III/13–16: Hotel zum Bock
III/17–22: Straße in Krähwinkel
III/23–25: Hauptplatz in Krähwinkel

    

 

Erste Abteilung:
Die Revolution

Erster Akt

Wirtshaus in Krähwinkel

  
Erste Szene

Krähwinkler Bürger, darunter Nachtwächter, Pemperl und Schabenfellner (sitzen an einem großen Tisch und trinken).

Chor.
Was recht is, is recht, doch was z'viel is, is z'viel,
Der Chef unserer Stadt tut mit uns, was er will!
D' ganze Welt tut an Freiheit sich lab'n,
Nur wir Krähwinkler soll'n keine hab'n.
Die Krähwinkler, Mordsapprament,
Sind eb'nfalls ein deutsch's Element,
Drum lass'n wir jetzt nimmer nach, Freiheit muß sein!
Wir erringen s', und sperren s' uns auch leb'nslänglich ein.

Nachtwächter. Anders muß's werd'n und anders wird's werd'n, die Zeiten der Finsternis sind einmal vorbei.

Pemperl. Wenn die Finsternis abkommt, können d' Nachtwachter alle verhungern.

Nachtwächter. Hör' auf, Klampferer, mit deine blechernen G'spaß! Wir sitzen hier versammelt als Kern der Krähwinkler Bürgerschaft, und da kann nur von Geistesfinsternis die Red' sein.

Schabenfellner. Mir wär' die Freiheit schon recht, wenn ich nur wußt', ob dann die hiesige Nationalgard' Grenadiermützen kriegt.

Nachtwächter. Sie sind viel mehr Kürschner als Mensch.

Pemperl. Durch die Freiheit kommt auch 's Fuchsschwanzen ab, is wieder ein Schaden für die Kürschner.

Nachtwächter. Von einem Menschen, der seine War' aus Rußland bezieht, kann man nichts Liberales erwarten.

Pemperl. Still, ich glaub' – richtig, 's kommt einer vom Amt.

 
Zweite Szene

Klaus. Vorige,

Klaus (durch die Mitte). Schön' guten Abend, meine Herrn Mitbürger.

Nachtwächter (beiseite zu Pemperl). Is schon wieder der Spitzl da!

Pemperl (zum Nachtwächter). Ach, das wär' z' rund, wenn der a Spitzl wär'.

Klaus. Ich werd' a bisserl mittrinken, im übrigen trinken S' ganz ungeniert fort.

Nachtwächter. Wir werd'n so frei sein.

Klaus. So frei sein? So ruchlose Ausdruck' sollten Sie nicht gebrauchen. Ich bin vom Amt, und wir lieben das nicht, daß der Mensch frei is.

Pemperl (zur Gesellschaft), Setzen wir uns in Garten hinaus; 's is angenehmer in der freien Luft.

Klaus. Wenn s' nur nicht gar so frei wär', die Luft – ich bleib' herin.

Pemperl. Das is g'scheit, so brauch'n wir Ihnen nicht auf 'n G'nack' z' haben. (Zum Nachtwächter.) Komm' der Herr!

Nachtwächter. Nein, ich bleib' noch a Weil' da, ich muß ihm a Gall' machen.

Die Bürger (die Gläser nehmend, mit einem scheelen Blick des Hasses auf Klaus). Schaun wir, daß wir weiter kommen. (Alle ab, Seitentüre rechts.)

 
Dritte Szene

Nachtwächter. Klaus.

Klaus. Sonderbar, daß wir vom Amt so wenig Sympathie haben unter 'n Volk.

Nachtwächter. Is Ihnen leid, daß S' jetzt nichts rapportieren können bei Seiner Herrlichkeit?

Klaus. Herr Nachtwachter, frotzeln Sie mich nicht, Sie sind selbst Beamter.

Nachtwächter. Ich tu' meine Schuldigkeit, deßtwegen bin ich aber doch ein freisinniger Mensch.

Klaus. Als solcher sind Sie uns bereits denunziert. Wir wissen, daß Sie auswärtige Blätter lesen, sogar österreichische!

Nachtwächter. Na, und was is's weiter?

Klaus. Diese Blätter waren einst so unschuldig wie g'wasserte Milich, und jetzt unterstehn sie sich, den Absolutismus zu verhianzen.

Nachtwächter. Unser Bürgermeister kriegt g'wiß über jeden Artikel die Krämpf'.

Klaus. Sie haben noch einen Fehler, den wir recht gut wissen.

Nachtwächter. Und der wär'?

Klaus. Sie denken bei der Nacht über das nach, was Sie beim Tag gelesen haben; das liebt die Krähwinkler Regierung nicht.

Nachtwächter. Natürlich, das Denken ist viel größeren Regierungen verhaßt.

Klaus. Mit einem Wort, ich kann Ihnen sagen, Sie sind sehr schwarz angeschrieben bei uns.

Nachtwächter. Mein G'schäft is die Nacht, die Nacht is schwarz, also verschlagt mir das nix.

Klaus. Sie reden sich –

Nachtwächter. Doch nicht um den Kopf?

Klaus. Das will ich nicht direkte behaupten, aber um den Magen, wenigstens um das, was den Magen füllt – ums Brot.

Nachtwächter. Larifari, in freisinnigen Ländern wachst auch Getreid'.

Klaus. Sie reden in den Tag hinein, und das is bei einem Nachtwächter unverzeihlich.

Nachtwächter (böse werdend). Herr Klaus –

Klaus. Kurz und gut, ich sag' Ihnen, beachten Sie meine bureaukratischen Winke, wenn Sie anders die Fortdauer Ihrer Existenz nicht in Frage gestellt wissen wollen.

Nachtwächter. Kümmer' sich der Herr Ratsdiener um die seinige. Die Freiheit hat noch keinen einzigen Nachtwachter, wohl aber schon a paar tausend Spitzeln brotlos g'macht.

Klaus (stolz). Verhungert is deßtwegen doch noch keiner, ein Zeichen, daß s' noch alleweil heimlich g'futtert werd'n. Und jetzt schweigen Sie, Sie sind ein Aufrührer, ein Wühler, ein Demagog.

Nachtwächter. Ich bin ein Nachtwächter, der in einer Minuten schreien wird: »Zwölfe hat's g'schlag'n!« Und die Zwölfe wird der Herr Klaus auf sein' Buckel haben.

Klaus. Hilfe! Meuterei! Blutbad! Verrat!

 
Vierte Szene

Cäcilie. Walpurga. Die Vorigen.

Cäcilie (mit Walpurga eintretend). Himmel, der Vater

Walpurga. Was is denn g'schehn?

Nachtwächter. 's is nix als ein Streit.

Klaus. Ein Meinungskrieg.

Cäcilie. Aber der Herr Nachtwächter hat die Faust geballt.

Klaus. Er spielt eine mir feindliche politische Farbe.

Nachtwächter. Der Herr Klaus wird gleich braun und blau spielen.

Walpurga. Wär' nicht übel, die Töchter flattern als sanfte Tauben herein –

Nachtwächter. Und die Väter stehn da im Hahnenkampf.

Cäcilie (zu Klaus). Ich hab' Ihnen den Hausschlüssel gebracht.

Walpurga (zum Nachtwächter). Und ich dem Vater die Schlafhauben.

Klaus (zu Cäcilie). Du bist eine gute Tochter, die andere auch, aber – es is mir leid –

Nachtwächter (zu Cäcilie). Wenn Sie nicht die Ratsdienerische wären, hätt' ich gar nix gegen den Umgang mit meiner Tochter.

Klaus (zu beiden). Meine Beziehungen zum Staat machen eure fernere Freundschaft unstatthaft.

Cäcilie. Was –!?

Walpurga. Ich soll die Cilli nicht mehr gern haben?

Nachtwächter (zu Cäcilie). Sie haben einen absoluten Vater –

Klaus (zu Walpurga). Und Sie haben einen radikalen Erzeuger –

Nachtwächter. Geb'n S' acht, daß S' von Radikalen kein' Radi krieg'n. Komm, Tochter, ehe mich diese bureaukratische Zuwag' zum zweitenmal aus der Fassung bringt. (Geht mit Walpurga zur Mitte ab.)

 
Fünfte Szene

Klaus. Cäcilie. Dann Sigmund und Willibald.

Klaus. Maßlose Kühnheit! Aber jedes Wort soll zu den höchsten Staatsohren gelangen, nämlich zum Bürgermeister seine. – Schad', daß ich nicht g'sagt hab': »Sie Esel, Sie –!« Aber die guten Gedanken kommen immer zu spät.

Cäcilie. Die Tochter aber kann doch gewiß nichts davor.

Klaus. Still, unwürdiges Staatskind. (Sigmund Siegl und Willibald Wachs treten zur Mitte ein.)

Sigmund. Was bedeutet die Aufregung, in der ich dem Nachtwächter begegnete?

Willibald. Walpurga warf mir einen traurigen Blick zu.

Klaus (lächelnd). Ihnen? Glauben S', man weiß es nicht? –

Willibald. Was?

Klaus. Na, mir g'fallt das, wenn sich zwei Nebenbuhler so gut miteinander vertragen.

Sigmund. Nebenbuhler?

Klaus. Bei der Nachtwachtrischen Tochter. –

Willibald. Die hat der Alte dem Schwadroneur Ultra zugedacht.

Sigmund (leise zu Cäcilie). Meine Cäcilie –!

Cäcilie (leise). Gott, wenn's der Vater merkt –

Willibald. Ich habe keine Hoffnung. –

Klaus. Die hätten Sie auf keinen Fall, denn das is ja der Beglückte. (Auf Sigmund deutend.)

Willibald. Bei Walpurga –? (Beiseite.) Der Irrtum kann meinem Freunde von Nutzen sein.

Klaus. Sehn S', jetzt gibt er grad meiner Cilli a Post auf an sie.

Sigmund (ohne zu bemerken, daß er beobachtet wird, gegen Cäcilien gewendet). Ach –!

Klaus (zu Willibald). Hör'n Sie 'n, wie er seufzt? (Laut.) Mussi Sigmund!

Sigmund (erschrocken sich umwendend). Herr Klaus –

Klaus. 's is nichts, meine Cilli derf nicht mehr hin zu der Walperl. (Zu Cilli.) Geh nach Haus und sag's der Mutter, daß sie mir ja den Nachtwachter nicht mehr grüßt, wenn sie 'n begegn't.

Cäcilie. Gleich, Vater! Adieu! (Mit einem schüchternen Knix Sigmund und Willibald grüßend, zur Mitte ab.)

 
Sechste Szene

Die Vorigen ohne Cäcilie.

Klaus (zu Sigmund). Nicht wahr, der Nachtwachter haßt nicht den Menschen, sondern den Beamten in Ihnen?

Willibald. Rein nur um meiner ämtlichen Stellung willen feindet er mich an.

Klaus. Ich frag' ja den! – (Auf Sigmund zeigend.)

Willibald. Ja so! – Unter anderm, Herr Klaus, nicht wahr, Sie würden doch, wenn's Ernst würde, einem wirklichen Amtsaktuarius Ihre Tochter nicht verweigern?

Klaus. O ja! Unbedingt!

Sigmund. Wenn aber –

Klaus. 's Mädl is gar nicht zum Heiraten.

Willibald (lachend). Das wär' der Teufel!

Klaus. Konträr, sie is Himmelsbraut, sie geht ins Kloster.

Sigmund. Wenn sie aber keine Neigung –

Klaus. Das kommt schon, wenn s' nur einmal drin is! Sie is von Kindheit auf dazu bestimmt; sie war damals acht Jahr', und da hat meine Alte so an die Krämpf' g'litten; da haben wir 's kleine Madl ins Kloster verlobt, und von der Stund' an waren meiner Alten ihre Krämpf' wie weg'blasen.

Willibald. Na, wenn man nur weiß, was hilft.

Sigmund. Und deswegen soll sie ein Opfer –

Klaus. Ich bin gewiß Bureaukrat mit Leib und Seel', aber (zu Willibald) das werden Sie doch einsehen, Himmelsbraut is halt doch was Höheres, als wann eine den schönsten Beamten kriegt. Ich richt' mich in allem nach dem, was mir die Ligorianer sagen, das sind meine Leut'.

Sigmund. Willibald – mir wird so – es schnürt mir die Brust zusammen –

Willibald (ihn unterstützend). Aber, Freund –

Klaus (zu Willibald). Das is alles wegen der Nachtwachterischen. Führen Sie 'n nur in die Luft, ich kann nicht mitgehn – ich bin dahier einem freisinnigen Bandl auf der Spur. (Willibald führt Sigmund zur Mitteltüre fort.)

Klaus (allein). He, Kellner! – So viel is g'wiß, das is das mißvergnügte Wirtshaus, hier versammeln sie sich, hier ist der Herd der Revolution –! (Zum Kellner, welcher a tempo unter der Türe erscheint.) Bringen S' mir drei Paar Würsteln in Garten hinaus und a Schnitzel mit Erdäpfel, nachher saure Nierndln und ein Krenfleisch. (Der Kellner entfernt sich.) O, ich komm' noch auf alles, was hier aus'kocht wird! (Geht in die Seitentüre rechts ab.)

 

Siebente Szene

Ultra (tritt während dem Ritornell des folgenden Liedes ein).

Ultra.

Lied

1.
Unumschränkt hab'n s' regiert,
Kein Mensch hat sich g'rührt,
Denn hätt's einer g'wagt
Und a freies Wort g'sagt,
Den hätt' d' Festung belohnt,
Das war man schon g'wohnt.
Ausspioniert hab'n s' alls glei,
Für das war d' Polizei.
Der G'scheite is verstummt;
Kurz, 's war alles verdummt;
    Diese Zeit war bequem
    Für das Zopfensystem.

2.
Auf einmal geht's los
In Paris ganz kurios,
Dort sind s' fuchtig wor'n,
Und hab'n in ihr'n Zorn,
Weil s' d' Knechtschaft nicht lieb'n,
Den Louis Philipp vertrieb'n.
Das Beispiel war bös,
So was macht a Getös',
Und völlig über Nacht
Ist Deutschland erwacht;
    Das war sehr unangenehm
    Für das Zopfensystem.

3.
Da fing z' denken an
Der gedrückte Untertan:
»Zum Teuxel hinein,
Muß i denn a Sklav' sein?
Der Herrsch'r is zwar Herr,
Ab'r i bin Mensch wie er;
Und kostet's den Hals –
Rechenschaft soll für alls
Gefordert jetzt wer'n
Von die großmächtigen Herrn.« –
    Da war'n s' sehr in der Klemm'
    Mit 'n Zopfensystem.

4.
Das wär' wieder verflog'n,
's Wetter hätt' sich verzog'n,
Wenn nicht etwas g'schehn wär',
Was Großartigs, auf Ehr'.
Auf einen Wink, wie von oben,
Hat sich Östreich erhob'n.
Dieser merkwürd'ge Schlag
Hat g'steckt in ein' Tag
Den Tyrannen ihr Ziel,
Verraten ihr Spiel –
    Jetzt war'n s' gänzlich Groß-Schlemm
    Mit 'n Zopfensystem.

Aus dem glorreichen, freiheitsstrahlenden Österreich führt mich mein finsteres Schicksal nach Krähwinkel her. Nach Krähwinkel, wo s' noch mit die physischen Zöpf' paradieren, folglich von der Abschneidungsnotwendigkeit der moralischen keine Ahnung haben. Nach Krähwinkel, wo man von Recht und Freiheit als wie von chimärisch-blitzblaue Spatzen red't. Is uns aber auch nit viel besser gegangen, und zwar aus dem nämlichen Grund; Recht und Freiheit sind ein paar bedeutungsvolle Worte, aber nur in der einfachen Zahl unendlich groß, drum hat man sie uns auch immer nur in der wertlosen vielfachen Zahl gegeben. Das klingt wie ein mathematischer Unsinn und is doch die evidenteste Wahrheit. Es is grad wie manche Frau, die sehr viele Tugenden hat. Sie hat einen freundlichen Humor und brummt nicht, wenn der Mann ausgeht – das is eine Tugend; sie hat ein gutes Herz, das ist eine Tugend; sie bringt die fünfte Schale Kaffee schon schwer hinunter, das is auch eine Tugend; und trotz so vieler ihr innewohnenden Tugenden is doch Tugend bei ihr nicht zu Haus! Grad so is's uns mit Freiheit und Recht ergangen. Was für eine Menge Rechte haben wir g'habt, diese Rechte der Geburt, die Rechte und Vorrechte des Standes, dann das höchste unter allen Rechten, das Bergrecht, dann das niedrigste unter allen Rechten, das Recht, daß man selbst bei erwiesener Zahlungsunfähigkeit und Armut einen einsperren lassen kann. Wir haben ferner das Recht g'habt, nach erlangter Bewilligung Diplome von gelehrten Gesellschaften anzunehmen. Sogar mit hoher Genehmigung das Recht, ausländische Courtoisie-Orden zu tragen. Und trotz all diesen unschätzbaren Rechten haben wir doch kein Recht g'habt, weil wir Sklaven waren. Was haben wir ferner alles für Freiheiten g'habt! Überall auf 'n Land und in den Städten zu gewissen Zeiten Marktfreiheit. Auch in der Residenz war Freiheit, in die Redoutensäle nämlich die Maskenfreiheit. Noch mehr Freiheit in die Kaffeehäuser; wenn sich ein Nichtsverzehrender ang'lehnt und die Pyramidler geniert hat, hat der Markör laut und öffentlich g'schrien: Billardfreiheit! Wir haben sogar Gedankenfreiheit g'habt, insofern wir die Gedanken bei uns behalten haben. Es war nämlich für die Gedanken eine Art Hundsverordnung. Man hat s' haben dürfen, aber am Schnürl führen! – Wie man s' loslassen hat, haben s' einem s' erschlagen. Mit einem Wort, wir haben eine Menge Freiheiten gehabt, aber von Freiheit keine Spur. Na, das is anders geworden und wird auch in Krähwinkel anders werden. Wahrscheinlich werden dann von die Krähwinkler viele so engherzig sein und nach Zersprengung ihrer Ketten, ohne gerade Reaktionär' zu sein, dennoch kleinmütig zu raunzen anfangen: »O mein Gott, früher is es halt doch besser gewesen – und schon das ganze Leben jetzt – und diese Sachen alle –, aber das macht nichts, man hat ja selbst in Wien ähnliche Räsonnements gehört. Und sonderbar, gerade die, die es am schwersten betrifft, verhalten sich am ruhigsten dabei. Das sind die Hebammen und die Dichter; für die Hebammen kann das gewiß nicht angenehm sein, daß jetzt die Geburt nix mehr gilt, und die Dichter haben ihre beliebteste Ausred' eingebüßt. Es war halt eine schöne Sach', wenn einem nichts eing'fallen is und man hat zu die Leut' sagen können: »Ach Gott! Es is schrecklich, sie verbieten einem ja alles.« Das fallt jetzt weg, und aus dem Grund und aus vielen andern Gründen – ah, mein Prinzipal! –

 
Achte Szene

Pfiffspitz. Der Vorige.

Pfiffspitz (zur Mitte eintretend). Da haben wir's, im Wirtshaus muß ich meinen Herrn Mitarbeiter suchen, da ist's freilich angenehmer als im Redaktionsbureau.

Ultra. Ich bin überall gerne, wo man mir Vertrauen schenkt, und jedes Seitel, was man mir hier einschenkt, is verkörpertes Vertraun.

Pfiffspitz. Ich bin nicht so glücklich. Hier im »Bock« borgt man mir nicht für fünf Groschen.

Ultra. Ja, warum haben Sie die »Sechs Krügeln« gelobt; g'schieht Ihnen schon recht!

Pfiffspitz. Was will ich denn tun, wenn mir der Wirt einen Eimer Wein aufdringt?

Ultra. Das allein war nicht die Ursach'; machen Sie sich nicht schmutziger, als Sie sind. Die scheußliche Zensur, die Ihnen jeden vernünftigen Aufsatz streicht, hat Ihnen – da Sie einmal die Verpflichtung haben, Ihren Abonnenten kein weißes Papier zu verkaufen – keine andere Ressource gelassen als heut' dieses und morgen jenes Beisel auf Kosten der übrigen herauszustreichen. Wien is gewiß viel größer als Krähwinkel und hat gewiß viel g'scheitere Journalisten, als Sie sind –

Pfiffspitz (gekränkt). Herr Mitarbeiter –!

Ultra. Auch g'scheitere, als ich bin, brauch' ich nur noch hinzuzusetzen. Wiens Journalisten haben in den ersten acht Tagen der Freiheit die fabelhafte Auszeichnung errungen, daß die österreichischen Blätter im Auslande verboten worden sind, und blättern Sie vier Monat' zurück in diese österreichischen Blätter, so werden Sie außer ein bisserl Theaterpolemik nichts anders finden als: »Neueröffnete Gasthauslokalität« – »abermaliger Zierdezuwachs der Residenz« – »prachtvolle Dekorierung« – »gediegener Geschmack des Herrn Pritschelberger« – »prompte Bedienung durch höfliche Kellner« – zum Schluß ein serviler Appendix über »das gemütliche Glück in Wien«. – Ja, so tief hat eine niederträchtige hohe Zensur die öffentlichen Organe erniedrigt, also brauchen Sie sich als Ausfüller der Krähwinkler Spalten keine Extraskrupeln zu machen.

Pfiffspitz. Ja, wenn sie nur ausgefüllt wären, aber da sehen Sie her! (Zeigt ihm einen Pack weißes Druckpapier.)

Ultra. Das verdammte weiße Papier! Dieser Druck in Rücksicht des Drucks is etwas Drückendes für einen Menschen, der da lebt vom Druck.

Pfiffspitz. Alle Ihre Aufsätze hat man mir gestrichen.

Ultra (mit Selbstgefühl). Also hat mich meine Hoffnung nicht getäuscht, ich hab' etwas Gutes geliefert.

Pfiffspitz (trostlos). Aber das weiße Papier, liebster Mitarbeiter?

Ultra., Lassen Sie das drucken, was Sie selbst aufgesetzt haben, das wird gewiß im Geiste der Behörde sein, (beiseite) das heißt, es wird gar kein' haben.

Pfiffspitz. Wenn ich selbst schreiben wollte, für was bezahlte ich einen Mitarbeiter?

Ultra. Wo steht denn das g'schrieben, daß der Mitarbeiter der Alleinarbeiter sein soll? Aber trösten Sie sich, es muß anders werden.

Pfiffspitz. Woher vermuten Sie das?

Ultra. In dem klaren Gefühl, so kann's nicht bleiben, liegt eine Ahnungsgarantie, da steht immer schon die Zukunft als verschleierte Schönheit vor uns. Konstitution, Freiheit, junges Krähwinkel, das alles schwebt über unsern Häuptern, wir dürfen nur greifen darnach.

Pfiffspitz. Revolution in unserm Krähwinkel? Dahin kommt es wohl nie!

Ultra. Wer sagt Ihnen das? Alle Revolutionselemente, alles Menschheitempörende, was sie wo anders in großem haben, das haben wir Krähwinkler in kleinem. Wir haben ein absolutes Tyrannerl, wir haben ein unverantwortliches Ministeriumerl, ein Bureaukratieerl, ein Zensurerl, Staatsschulderln, weit über unsere Kräfterln, also müssen wir auch ein Revolutionerl und durchs Revolutionerl ein Konstitutionerl und endlich a Freiheiterl krieg'n.

Pfiffspitz. Was tu' ich aber bis dahin mit meinen sechsunddreißig Abonnenten?

Ultra. Die Zeit is näher, als Sie glauben. Dumpf und gewitterschwanger rollt's am politischen Horizont – (horchend) still, ich hör' wirklich was – (man hört rechts in Entfernung verworrene Stimmen) da geht was vor. –

Pfiffspitz. Was denn?

 
Neunte Szene

Klaus. Vorige.

Klaus (in großer Erregung aus der Seitentüre rechts kommend). Aufruhr! Aufruhr! Krawall! –

Pfiffspitz, Ultra (zugleich). Was is denn g'schehn?

Klaus. Sie haben mir den Haslinger zerbrochen und »Fort, Spitzl!« hab'n s' g'sagt – »Fort, Spitzl«, das waren die frevelhaften Worte.

Pfiffspitz. Ist es möglich –?

Klaus. Am Haslinger haben sie sich vergriffen –!

Ultra. Haslingerverachtung, erster Morgenstrahl der Freiheitssonne! (Man hört Lärm von innen rechts.)

Klaus. Sie kommen – fort aufs Amt! – Aufruhr – Krawall! (Rennt zur Mitteltüre fort.)

 
Zehnte Szene

Die Krähwinkler Bürger. Pemperl. Schabenfellner. Die Vorigen.
(Die Krähwinkler tumultuarisch zur Seitentüre hereineilend.)

Die Krähwinkler. Wo is er? Her mit ihm!

Pfiffspitz. Woher diese großartige Demonstration?

Die Krähwinkler. Schläg' muß er auch noch kriegen!

Pfiffspitz. Gehn Sie nicht zu weit, meine Herren!

Die Krähwinkler. Schläg' ohne Gnad'! –

Ultra. Sie haben ihm den Haslinger zerbrochen –

Die Krähwinkler. Ja!

Ultra. Genügt Ihnen diese Errungenschaft oder genügt sie Ihnen nicht?

Die Krähwinkler. Nein! Just nicht! Uns genügt gar nix mehr!

Ultra. Das ist der Moment zu einer begeisternden Rede. (Steigt auf einen Stuhl.) Meine Herren –

Die Krähwinkler. Vivat!

Ultra. Erlauben Sie – (seine Rede beginnen wollend) meine Herren! –

Die Krähwinkler. Vivat hoch! –

Ultra. Ich bitte – (wie oben) meine Herren! –

Die Krähwinkler. Vivat hoch! Dreimal hoch!!

Ultra (vom Sessel steigend). Der Enthusiasmus is zu groß, von Red'halten is da keine Idee. Also gleich zur Tat! (Zu den Krähwinklern, laut schreiend.) Auf also! Freiheit, Umsturz! Sieg oder Tod!

Die Krähwinkler. Freiheit! Freiheit!

Ultra (entzückt zu Pfiffspitz). Das is unerhört für Krähwinkel! (Zu den Krähwinklern.) Also ans Werk! Her über die Gewissen, zittern sollen sie –! Wohin wenden wir uns? Wohin zuerst?

Die Krähwinkler. Ins Kaffeehaus!

Ultra (etwas verblüfft). Wa – was denn dort –?

Pemperl. Dort wird die Verabredung zu einer großartigen Katzenmusik getroffen.

Ultra. Bravissimo!

Die Krähwinkler (jubelnd). Heut' abends is grandiose Katzenmusik. Vivat!! (Alle stürzen zur Mitteltüre ab).

Ultra (triumphierend zu Pfiffspitz). Hab'n Sie gehört? Katzenmusik! Diese erste Frühlingslerche der Freiheit wirbelt in die Luft, bald wird die Saat in vollster Blüte stehn. (Geht in großartiger Begeisterung zur Mitte ab. Pfiffspitz folgt ihm kopfschüttelnd nach.)

weiter

I/01–10: Wirtshaus in Krähwinkel
I/11–15: Krähwinkler Staatskanzlei
I/16–25: Wohnzimmer des Klaus

II/01–07: Saal beim Bürgermeister
II/08–16: Platz in Krähwinkel

III/01–04: Salon bei Frau von Frankrenfrey
III/05–12: Platz in Krähwinkel
III/13–16: Hotel zum Bock
III/17–22: Straße in Krähwinkel
III/23–25: Hauptplatz in Krähwinkel