Nur Ruhe, I / 1–9 

 
I/01-09: Zimmer in Schafgeists Haus
I/10–12: Freie Gegend
I/13–16: Zimmer in Schafgeists Haus
 
II/01–09: Garten in Schafgeists Haus
II/10–13: Freie Gegend mit Weidengebüsch
II/14–17: Garten in Schafgeists Haus
 
III/01–02: Park-Anlage
III/03–07: Magazinboden in der Lederfabrik
III/08–13: Zimmer in Schafgeists Haus
III/14–18: Amtsstube

I. Act
 

(Zimmer in Schafgeists Hause, mit Mittelthüre, rechts u[nd] lincks Seithenthür.)

abstand

1. Scene

(Syndicus Werthner, Franz.)

SYNDICUS (sitzt am Tische).

FRANZ (tritt aus der Seitenthüre rechts.) Der Herr laßt bitten nur nicht ungehalten zu seyn; er war noch ganz in ·Negligée·[,] wird aber den Augenblick –

SYNDICUS. Warum macht er aber wegen mir Toilette? ich weiß er liebt die Bequemlichkeit.

FRANZ. Seit einiger Zeit mehr als jemahls

SYNDICUS. Hm, er ist doch nicht so alt.

FRANZ. Heut is sein 55ster Geburtstag.

SYNDICUS. Da hätte er wohl können das Geschäft der Übergabe bis Morgen verschieben.

FRANZ. O, er sagt, er kann's nicht erwarten, bis er endlich einmahl in die Ruh' kommt.

SYNDICUS. So kann ein Mann sprechen, den die Stürme des Lebens heimgesucht, aber Herrn Schafgeist hat, so viel ich weiß, nie ein Unfall betroffen.

FRANZ. Seit so vielen Jahren nicht der geringste.

SYNDICUS. Also doch in früherer Zeit?

FRANZ. Das muß jetzt schon bald 20 Jahr’ seyn, in die Kriegszeiten noch; da hat er eine große Reis’ g’macht, wegen einer wichtigen Speculation, und is da, Gott weiß durch was für eine Unvorsichtigkeit in Feindesland in den Verdacht der Spionerie gekommen, festg'setzt wor'n, seine Frau hört das, kriegt einen Todesschrecken, reist hin zu ihm, in einem Zustand, wo sie nicht hätt' reisen sollen, unterwegs ein kleines Kind – Todesfall von Mutter und Kind –

SYNDICUS. Das war allerdings ein harter Schlag.

FRANZ. Damit war’s aber auch aus, von der Stund' an, war dem Schicksal ’s Maul g’stopft, und ’s Glück hat ihn völlig verfolgt. Selbst seinen Schmerz hat er leichter verschmerzt, als man hätt’ glauben sollen, nur geheurath hat er nicht mehr. Er is reich worden, er weiß nicht wie, hat immer vergnügt g’Iebt, ’s ganze G’schäft hat mein Vater gführt, so wie ich jetzt seitdem der Vater todt is, er hat sich nie um was gekümmert, nie geplagt, jetzt bild’t er sich aber ein, er muß nach einem thatenreichen, Müh- und Sorgenvollen Leben, endlich einmahl in den Hafen der Ruhe einlaufen, und deßtwegen übergiebt er Alles an seinen ·Neveu· an jungen Herrn v[on] Splittinger.

SYNDICUS. Ich fürchte, diese Maßregel wird ihn eher von dem gewünschten Ziele entfernen als zu dem selben führen.

FRANZ. Na, der Herr v[on] Splittinger is im Grund ein guter Mensch –

SYNDICUS. Das will nicht viel sagen, es giebt sehr wenig böse Menschen, und doch geschieht so viel Unheil in der Welt; der größte Theil dieses Unheils kommt auf Rechnung der vielen, vielen guten Menschen, die weiter nichts als gute Menschen sind.

FRANZ. Etwas leicht is er,das is wohl wahr – der Herr kommt –

 

2. Scene

(Schafgeist, die Vorigen.)

SCHAFGEIST (aus Seitenthüre rechts auftretend). Nehmen Sie's nicht ungütig lieber Herr Syndicus –

SYNDICUS. Wünsche wohl geruht zu haben.

SCHAFGEIST. Geruht zu haben? ich werd’ jetzt erst anfangen zu ruhen.

SYNDICUS. Mache zugleich meine Gratulation zum Geburtstag.

SCHAFGEIST. Numero Fünfundfünfzig, das is eine .curiose. Anweisung auf Ruhe.

SYNDICUS. Was fällt Ihnen ein? Sie sind ein rüstiger Mann.

SCHAFGEIST. Ich mag aber nicht mehr rüstig seyn. Unsere Angelegenheit thun wier noch g'schwind ab, und dann will ich mich mit unermüdlichem Eifer rastlos auf die Rühe verlegen.

SYNDICUS. Sie wollen also Ihr Geschäft ganz aufgeben?

SCHAFGEIST. Ganz auf- und meinem Neffen ganz übergeben. Ich will kein Verdruß mehr, ich will keine Plag – ich will gar nix, als meine Ruh!

SYNDICUS. Und die glauben Sie auf diese Weise unbedingt zu begründen?

SCHAFGEIST. Das is klar, was soll denn mich dann mehr draus bringen? Ich hab keine Liebschaft, ausser mit meiner Schlafhauben, ich hab keinen Ehrgeitz, ausser dem, den Rang eines rechtschaffenen Mannes zu behaupten, und in der ·Branche· sind so viele Stellen ·vacant·, daß einem das Bisserl ·Concurrenz· gar nicht ·geniert·; im Übrigen kann g’red’t wer’n über mich, was will, also ·genieren· mich d’alten Weiber nicht, ich hab’ keine Frau, also ·genieren· mich d’ jungen Herrn nicht, ich hab keine Proceß, also ·geniert· mich ’s ·Civil· nicht, ich hab’ keine Töchter, also ·geniert· mich ’s Militär nicht, mit einem Wort mich ·geniert· gar nix.

SYNDICUS. Das ist wahr, Sie sind ein unabhängiger Mann.

SCHAFGEIST. So unabhängig, daß ich mich nur aufhängen müßt, um in eine abhängige Lage zu kommen. Mich bringt nix mehr aus’n Gleichgewicht.

SYNDICUS. Das kann man nie behaupten, das Leben ist keine unbewohnte Insel, es giebt schlechte Menschen, die es einem bitter, unerträgliche Menschen, die es einem sauer, langweilige Menschen, die es einem abgeschmackt machen. Die absolute Ruhe, von der Sie träumen ·existiert· nicht; überhaupt gehört dies unter die Dinge, die von selbst kommen müssen, die man am wenigsten erzweckt, je mehr man darauf hinarbeitet. Aber sagen »von heut' an kann nichts mehr meine Ruhe stören«, das heißt gewissermaßen das Schicksal herausfordem, und das ist ein Kampf, wo an keinen Sieg zu dencken, mit einem blauen Auge davonkommen, ist da schon der höchste Gewinn.

SCHAFGEIST. ·Lirum larum·, ich werd’ schon den Beweis liefern. Jetzt schaun wier aber daß wier – (zu Franz) Mussi Franz, mein ·Neveu· soll kommen.

FRANZ. Der Herr v[onl Splittinger ist ausgeritten.

SCHAFGEIST. Ausg’ritten? hm – fatal, grad jetzt wo ich ihm ’s G’schäft übergeben will. Ich kann das dalkete Reiten ohnedem nicht leiden, ein G’schäftsmann kann sich so vergalloppieren, er braucht gar kein Roß.

SYNDICUS. Versteht denn überhaupt Ihr Neffe das Geschäft?

SCHAFGEIST. Nein, aber der Werckführer versteht's.

SYNDICUS. Und ist er sonst der Mann dazu?

SCHAFGEIST. Nein, aber die Seinige is das Weib dazu. Er wird nehmlich heurathen, die Frau von Groning die reiche Forstmeisterswittwe.

SYNDICUS. Die ist ja zu alt für so einen jungen Menschen, wie Ihr Neffe ist.

SCHAFGEIST. Warum? er is Dreyund Zwanzig, sie Sechsund Dreißig, das is das schönste Verhältnis.

SYNDICUS. Wo dencken Sie hin? Der Mann soll um zehn Jahre älter seyn.

SCHAFGEIST. Das war ehmahls die Tax’, jetzt kann die Frau Zwölf, Fünfzehn Jahr’ voraus haben und ’s macht nix, weil unser .Decennium. ebenso von .decrepieten. Dreyßigern, wie von riegelsamen Vierzigerinnen wimmelt. Ein Dreyßiger, wenn er geht, braucht er ein Stock, eine Vierz’gerin hupft daher und braucht nicht einmahl ihren Mann, gar viele Dreyß’ger hab’n d’ Wassersucht, und die Vierz’gerinnen kennen sich vor Feuer nicht aus. Ah, das macht eine Änderung im Heurathstarif.

SYNDICUS. Sie haben eigene Ansichten –

SCHAFGEIST. Bringen wier jetzt nur g’schwind das Nöthige zu Papier, wenn auch mein .Neveu. nicht da ist. Der Werckführer besorgt dann die Übergabe, daß ich nur zur Ruh’ komm’.

FRANZ. Ich muß noch Einiges fragen, Herr Schafgeist –

SCHAFGEIST. Ruhe, lieber Werckführer, wozu –

SYNDICUS. Bey so einer Sache kann der Mann nicht ohne Instruktion –

SCHAFGEIST. Ruhe, lieber Syndikus, wozu –

SYNDICUS. Es können Sachen von Wichtigkeit seyn.

SCHAFGEIST. Eben deßtwegen will ich’s nicht wissen, nur Ruhe!

FRANZ. Es ist doch nothwendig, wenn ich Alles in Ordnung –

SCHAFGEIST (etwas ärgerlich). Ich brauch keine Ordnung, ich brauch’ Ruhe, drum machen Sie mich nicht giftig, mein lieber Werckführer, an meinem Geburtstag; ich bin ein Mann, der seine Jahre mit einem doppelten Fünfer schreibt, drum Ruhe, nur Ruhe. (Geht mit dem Syndicus Seitenthüre rechts ab, Franz folgt.)

 

3. Scene

(Rochus allein.)

(Tritt während dem Ritornell des folgenden Liedes zur Mitte ein.)

Lied

1.
Allweil Leder erzeug’n, das is völlig a Schand’,
Denn was schlecht is, und matt, das wird ledern genannt;
Steht ein G’schwufen der heitre Nahm Aff’ auf der Stirn,
Thut er dumm reden, großsprechen, und kokettier’n,
»Ah das is ein lederner Kerl«, heißt’s glei;
Ein Einzig’s nur macht mich stolz auf d’ Led’rerey.
Ohne Led’rer hätt’ d’ Weltg’schicht kein Helden gekriegt,
Denn nur der is ein Held, der vom Leder brav ziegt.

2.
’s giebt ein unsichtbar’s Leder, weit überall verbreit’t,
An dem Leder da gerb’n Millionen von Leut,
Drum giebt’s lederne Freundschaft und Lieb’ das weiß Jeder,
Auch lederne Geister, und Herzen von Leder,
Drum hat’s auch schon grundg’scheidte Leute gegeb’n,
Die behaupten, ’s wär’s Ganze ein ledernes Leb’n;
’s giebt auch lederne Lieder, o Gott mehr als g’nur,
Und ’s kommt nicht a Silb’n von ein Leder drinn vur.

3.
Schad’ nur daß seit Jahrhunderten d’ Mod’ sich vererbt,
Daß man ’s menschliche Fell nur lebendiger gerbt;
Aus Siemandlhäut’ könntet Schafleder wer’n,
A Kalbleder lieferten viel Modeherrn,
Alte Schippeln,, die stets d’ jungen Madln umschweb’n,
Die thäten a Massa von Bockleder geb’n.
Mancher weiß Alles besser, schimpft impertinent,
Und sein’ Haut gäbet ’s prächtigste Stuck Pergament.

punkt

(Nach dem Liede).
No, jetzt was is denn das für a Art, daß man einen Menschen herfoppt, und nacher da stehn laßt – sagt er, er wird bitten für mich, daß ich wieder aufg’nommen werd – das seyn schon die wahren Gefälligkeiten, wann einem der Gefällige warten laßt, so lang’s ihm gefällig is. Und wär’s denn nicht eigentlich sein’Schuldigkeit? – Freylich G’fälligkeit und Schuldigkeit, das wird jetzt so oft untereinander g’worffen, daß man sich nicht mehr recht auskennt. Einem Kellner a Trinckgeld geb’n, das nimmt er als Schuldigkeit, daß er eim ’s Glas ordentlich hinstellt auf n Tisch, das is eine Gefälligkeit; daß eim ein Bekannter a Geld leiht, das is Schuldigkeit, wenn man ihm’s z’ruckzahlt das is eine seltene Gefälligkeit; daß sich ein Madl Sechs jahr’herumziehen laßt von ein Liebhaber, das is Schuldigkeit; wenn er s’ nacher heurath, das is eine ungeheuere Gefälligkeit. Auf d’ Letzt glaubt der Sanfthuber –. Na endlich kralt er daher.

 

4. Scene

(Sanfthuber, der Vorige.)

SANFTHUBER (zur Mitte eintretend). Na, mein lieber Rochus –

ROCHUS. Du laßt dir schön Zeit, wennst was versprichst, glaubst weil du ein Altg’sell bist, so bist schon ein gnädiger Herr? Ein jeder Lehrbub kann mit der Zeit ein Altg’sell wer’n, und die Zeit vergeht man weiß nicht wie, folglich kann man auch ein Altg’sell wer’n, und man weiß nicht wie.

SANFTHUBER. Sey nur nicht gleich harb, ich kann ja nicht so leicht weg von der Arbeit.

ROCHUS. Was Arbeit, wenn man was au?n G’wissen hat, das is das Erste.

SANFTHUBER. Was hab’denn ich aufn G’wissen?

ROCHUS. Meine Entlassung, meine dreymonathliche Brodlosigkeit; aber ’s giebt halt Leut’, die kein Herz haben für’n Nebenmenschen.

SANFTHUBER. Ich war doch g’wig nicht Schuld –

ROCHUS. Wer denn?

SANFTHUBER. Du weißt, daß bey uns jeder G’sell fortmuß, der gegen einen Mitg’sellen bis zu Thätlichkeiten ausarten thut.

ROCHUS. Gut, und gegen wem bin ich ausgeartet? Gegen dich; also bist doch du der eigentliche Grund – denn daß ich ein gäch’s Gemüth hab’, deßtwegen bin ich doch ein redlicher Kerl – aber, wie gesagt, ös Leut’ habts kein Herz.

SANFTHUBER. Ich hätt’ nicht einmahl was g’sagt, aber der Werckführer hat’s g’sehn –

ROCHUS. Das is gar ein braver Mann.

SANFTHUBER. Hat’s dem Herrn angezeigt –

ROCHUS. Is auch ein braver Mann, lauter brave Leut’, die vom Schweiß der Armuth leben.

SANFTHUBER (nach Seitenthüre rechts sehend). Da kommt der Herr Werckführer.

ROCHUS. Also red’, mach’ deinen Fehler gut.

 

5. Scene

(Franz, die Vorigen.)

FRANZ (aus Seitenthüre rechts, Rochus erblickend). Was? Er ist da?

ROCHUS. Ja Mussi Franz – will ich sagen, Herr Werckführer, der verstoß’ne Rochus Dickfell is da.

SANFTHUBER. Ich möcht’ bey Ihnen, und beym Herrn ein gut’s Wort für ihn einlegen, und bitten, daß er wieder hier in Arbeit g’nommen wurd’.

FRANZ. Was, mein lieber Sanfthuber, Ihr bittet für ihn? Und Ihr seyds ja der, dem er einige Zähn’ eing’schlagen hat.

ROCHUS (zu Franz). Sehn S’ wie Sie alles vergrößern, es waren nur ein Paar, und Sie sagen gleich einige.

SANFTHUBER. Ich hab’ihm’s schon längst verzieh’n, und darum möcht ich halt bitten –

ROCHUS. Der Sanfthuber is ein Mann dem seine Angehörigen viel brauchen, der folglich selber nicht viel z’beissen hat, dem liegt nix an ein Paar Zähnd; aber gewöhnlich machen die den meisten Lärm über eine Sach’, die’s nix angeht.

FRANZ. Erlaub’ Er mir, mich geht’s am meisten an, denn ich muß die Ordnung des Ganzen erhalten.

SANFTHUBER. Haben Sie halt dasmahl noch Nachsicht.

FRANZ (zu ROCHUS). Er hat zwey arge Fehler; Er liebt den Streit und den Trunck.

ROCHUS. Das is nur Ein Fehler, denn ich streit nur wenn ich getruncken hab; sehn S’ Sie thun Alles vergrößern, und wann ich auch ein gacher Mensch bin, die gachen Leut’ hab’n ’s beste Herz, das muß man berücksichtigen, und dann bin ich ein redlicher Kerl, Mussi Franz, ich sag’ es selbst, redlicher Kerl, aber das wahre Verdienst wird nicht anerkannt.

FRANZ. Redlichkeit is Pflicht, und nicht Verdienst.

ROCHUS. Is schon recht, das kann jeder sag’n, das zeigt noch kein Herz.

SANFTHUBER. Er hat mir für g’wiß versprochen, daß er sich bessern wird.

FRANZ (zu Rochus). Wo war Er denn die drey Monath über, seit Er hier hat aus’n Haus müssen?

ROCHUS. Ich war bey meiner Ziehtochter in der Stadt.

FRANZ. So? Und wär’s nicht besser g’wesen, Er wär’ gleich nach die ersten 14 Tag bitten gekommen, statt daß er seiner Ziehtochter so lang zur Last g’fallen is?

ROCHUS. Das war auch ihre Idee, ich hab’ ihr aber absichtlich recht Gelegenheit gegeben, mir für die Wohlthaten, die ich ihr erwiesen hab’ danckbar zu seyn; das kann einem kindlichen Herzen nur angenehm seyn. Wie ich dann gar nicht gegangen bin, und weil’s ihrer Herrschaft unangenehm war, so hat s’ mich selber herausbegleit’t, und bleibt a Paar Tag hier, bis sie g’wiß weiß, daß ich da in Arbeit komm’; ’s is eine rührende Anhänglichkeit.

FRANZ. Ich weiß aber nichts, daß Er eine Ziehtochter –

ROCHUS. Weil’s schon sehr lang’ her is. Mein Weib hat sie ang’nommen als ein Madl von Vier Jahr, mit Fünf Jahr hat s’ nacher wer anderer ang’nommen, a Kasstecherin, glaub’ ich, die hat ihr alles lernen lassen, jetzt is sie Kammerjungfer in ein Herrschaftshaus, lebt selber wie eine Dam’, ja die Kinder können eim’s nie vergelten, was man an ihnen thut.

SANFTHUBER. Na hörst, sie hat dir jeden Winter a Paar Mahl Geld g’schickt, vergangenen Winter – extra – einen Parchet auf Nachtleibeln.

ROCHUS. Den hab’ ich aber gleich verkaufen müssen.

FRANZ. Warum das?

ROCHUS. Weil der Wein is theurer wor’n.

FRANZ. Das sieht Ihm wieder gleich; seine Ziehtochter schickt ihm was, daß er sich warm kleiden soll, und er vertrinckt’s.

ROCHUS. Der Zweck war ebensogut erreicht, Eine Maß Wein macht wärmer als Drey Ellen Parchet. Jetzt sagen S’ aber dem alten Herrn, daß wier da seyn, bitten.

FRANZ. Der alte Herr mischt sich in nichts mehr, der H[err] v[onl Splittinger –

ROCHUS. Gut, so sagen Sie’s dem jungen Herrn, er soll kommen.

FRANZ. Der is nicht zu Haus, wenn er aber kommt, so werd’ ich ihm Sein Anliegen –

ROCHUS. Ah nix’ ich muß selber dabey seyn, ich lass’ mich nicht gern hinter mein Rucken verschwärzen.

FRANZ (beleidigt auffahrend). Impertinenter Mensch – was sagt Er?

ROCHUS. Hat wer was g’sagt –?

FRANZ (sich mäßigend). Ich ihn verschwärzen – geh’ Er jetzt, Er is und bleibt ein Grobian –

ROCHUS. Ich bin redlicher Kerl, ich hab’s Herz auf der Zung’, und wenn ich eine Grobheit sag’, so muß man mir’s verzeihn, denn es geht mir von Herzen, ich bin kein Häuchler, und der gache Mensch is der beste Mensch.

FRANZ. Er wird jetzt ruhig nach Hause gehn, Nachmittag wieder kommen, und die Verfügung des Herrn vernehmen.

ROCHUS (boshaft). Daß aber das keine Ordnung is, wenn keiner von die Herrn –

FRANZ. Raisonier’ Er nicht.

ROCHUS. Ich rede als redlicher Kerl –

SANFTHUBER. Sey still Rochus, du verdirbst ja Alles.

ROCHUS (aufbrausend zu Sanfthuber). Du – mach mich nicht schiech –!

FRANZ. Zum letzten Mahl, dort is die Thür.

 

6. Scene

(Schafgeist, die Vorigen.)

SCHAFGEIST (aus Seitenthüre rechts kommend). Aber was giebt’s denn da für a G’säus’ und für ein Spectakl?

ROCHUS (schnell seinen Ton ändernd). Kein Spur von ein Spectakl, bester Herr von Schafgeist, bloß bitten, demüthig bitten möchten wier.

SCHAFGEIST. Der Rochus wieder da.

SANFTHUBER. Wegen mir hat er fort müssen, das kränckt mich, und darum thät’ ich bitten für ihn –

SCHAFGEIST (ärgerlich). Aber komm ich denn gar nicht heraus aus die G’schäft!

SANFTHUBER. Daß er wieder aufg’nommen wurd’.

FRANZ. Er verspricht ordentlich verträglich und fleißig zu seyn.

ROCHUS. Der junge Herr is nicht zu Haus, folglich –

SCHAFGEIST. Na ja, ja, Er kann wieder dableiben, daß ich nur ein Ruh hab’.

ROCHUS. Ich danck, Herr v[on] Schafgeist, als redlicher Mann, als rührender Familienvater.

FRANZ. Er tritt also neuerdings hier in Arbeit.

ROCHUS (mit Pikanterie gegen Franz). Das versteht sich, (auf Schafgeist zeigend) der Herr hat’s g’sagt, folglich kann sich kein Mensch dagegen aufhalten, ich rede als offener Mann, und der Herr is doch eigentlich der Herr, wenn auch andre oft ein Herrn spielen woll’n; ich hab ’s Herz auf der Zungen, denn ich bin redlicher Familienvater.

FRANZ. Red’ Er nicht viel sondern führ Er sich gut auf, Er weiß unsern gesetzlichen Brauch, der Gesell der zum zweyten Mahl entlassen wird, der wird unter keiner Bedingung jemahls wieder aufgenommen. Darauf sey Er wohl bedacht.

ROCHUS. ich weiß, und es wird Manchem leid seyn, daß es nicht jetzt schon zum zweyten Mahl war, der reele Mensch hat immer Feinde, aufsäßig seyn is keine Kunst, aber ’s g’freut ein, wenn man triumphiert, denn man is Familienvater.

SCHAFGEIST. Was redt Er denn immer von Famili? wie viel hat Er denn.

ROCHUS. Ein verstorb’nes Weib, und eine versorgte Ziehtochter; für mich is das genug, denn wer seine Pflichten gewissenhaft –

SCHAFGEIST. Sein Weib erinner’ ich mich; die hat sich oft bey mir beklagt über Ihn.

ROCHUS. Beklagt? Sie hat mich zu wenig gekannt.

SANFTHUBER. Das glaub ich nicht, sie hat das Glück fünfzehn Jahr’ lang genossen.

ROCHUS. Ich war beym Tag immer in der Werckstatt oder sonst wo, bey der Nacht nie zu Haus, nur an die Sonntäg, da bin ich mit die Kameraden wohin gangen, wie kann da das Weib einen Mann kennen?

SCHAFGEIST. Und da hätt’ ’s Weib sollen z’frieden seyn?

ROCHUS. Ich hab ihr immer neu bleiben wollen, wenn man sich zu sehr gewohnt wird, en[t]steht leicht Gleichgiltigkeit, und das is nicht gut in der Eh’, aber die reele Absicht wird mißdeut’t, die Ang’hörigen richten eim am Skandalösesten aus, und dem Redlichen bleibt nichts als das Bewußtseyn.

SCHAFGEIST. Mach’ Er jetzt, daß Er weiter kommt mit seinem Bewußtseyn, und wend’ Er sich künftig an meinen ·Neveu·, der is jetzt der Herr, ich will Ruh’ hab’n.

 

7. Scene

(Steffl, die Vorigen.)

STEFFL (zur Mitte hereineilend). Herr Meister, Herr Meister, das is a Spectakl!

SCHAFGEIST. Was giebt’s? (Zugleich.)

FRANZ. Was is denn g’schehn? (Zugleich.)

STEFFL. Ein Wagen hat umg’worffen aus der Stadt[!]

SCHAFGEIST. Soll ich’n etwan aufheb’n.

STEFFL. Bey unserm Teich, keine 300 Schritt von unserm Garten.

SCHAFGEIST. So nah’ bey mein Haus?

FRANZ. Red’ Steffl, is wer verunglückt?

STEFFL. Die Räder stehn in der Luft, ’s Dach is beym Erdboden, in Wagen wurlt alles voll Leut’, und Schachteln und Kartandln schwimmen auf’n Teich wie die Anten herum.

SANFTHUBER. Da muß ich gleich hinausschicken –

STEFFL. Freylich ’s Unglück is auf unserm Grund und Boden g’schehn, also müssen wier als E’genthümer –

FRANZ. Ich werd’ gleich Anstalt treffen –

SCHAFGEIST. Nehmen S’ a Paar G’sell’n mit, Franz.

STEFFL. Wier müssen die Reisenden aufnehmen in unserm Haus, da nutzt nix.

FRANZ (zu Schafgeist). Werd’ alles besorgen. (Eilt mit Steffl und Sanfthuber zur Mitte ab.)

SCHAFGEIST. Nein, was wird das wieder für ein G’stanz werden, muß das auch noch über mich kommen an mein Geburtstag.

ROCHUS. Ihr Geburtstag is Herr von Schafgeist –? oh, ich hab nicht gewußt, daß dieser glorreiche Tag –

SCHAFGEIST (ärgerlich). Laß’ Er’s gut seyn, laß’ Er’s gut seyn.

ROCHUS. ich hab’s Herz auf der Zung, drum sag’ ich gar nix –

SCHAFGEIST. Is auch’s G’scheidteste.

ROCHUS. Sondern lege nur als redlicher Diener den aufrichtigsten Glückwunsch –

SCHAFGEIST (ungeduldig). ’s is schon recht.

ROCHUS. Wünsche daß Sie noch viele Jahre in Gesundheit, Glück, und Heiterkeit –

SCHAFGEIST. Ich möcht’ desTeufels wer’n –!

 

8. Scene

(Frau Schiegl, die Vorigen.)

FRAU SCHIEGL (zu Mitte eintretend). Ja, was soll denn das wer’n, gnädiger Herr, wier krieg’n auf einmahl ’s ganze Haus voll Leut’.

SCHAFGEIST. Kann ich davor?

ROCHUS (in seiner Gratulation fortfahrend). In ungetrübtem Wohlergehn und stetter Herzensfreud’ –

FRAU SCHIEGL (zu Schafgeist). Wenn man aber gar mit nix vorbereit is.

SCHAFGEIST. Die Leut’ haben’s halt auch gestern noch nicht g’wußt, daß s’ heut umwerffen wer’n.

ROCHUS (wie oben). Und nochlange im Kreise Ihrer Angehörigen –

SCHAFGEIST. Ich bitt Ihn, laß’ Er mich ungeschoren.

FRAU SCHIEGL. Keine Vorhäng’ aufg’macht, die Gastbetten nicht überzogen –

SCHAFGEIST. Die Leut’ können sich a Menge Füß’ und Schlüsselbeiner brochen haben.

ROCHUS (wie oben). Und alles Erdenckliche was Sies ich selbst wünschen, daß Sie noch oft diesen Tag so vergnügt wie heut –

SCHAFGEIST. So vergnügt wie heut, – ich bedanck’ mich.

ROCHUS (bey Seite). Mit’n Bedancken is es nicht abgethan, wenn er glaubt ich geh, eh’ er was zahlt, da irrt er sich groß.

FRAU SCHIEGL (hat zum Fenster gesehen). Sie kommen schon! Da hab’n wier’s!

SCHAFGEIST. Seyn’s viel’, Frau Schiegl -? wie viel seyn s’?

FRAU SCHIEGL. Frauen sind auch dabey, da muß ich entgegen! (Eilt zur Mitte ab.)

ROCHUS (wie oben). Wie auch als Vater lhrer Untergebenen, ein Vorbild uns –

SCHAFGEIST (sehr aufgebracht). Rochus, wenn Er nicht aufhört –

ROCHUS (wie oben). Ferner in der Gnad’zu erhalten, Huld und Gewogenheit –

SCHAFGEIST. Da hat Er ein Thaler, geh’ Er aber zum Teufel und trinck’ Er meine G’sundheit. (Giebt ihm Geld.)

ROCHUS. Gehorsam ist mir die heiligste Pflicht. (Geht schnell zur Mitte ab.)

SCHAFGEIST. Nein, auf das war ich nicht g’faßt. Wann ich lauter solche Geburtstäg g’habt hätt’, ich wär mein Lebtag nicht Fünfundfünzig Jahr alt wor’n!

 

9. Scene

(H[err] v. Hornissl, Fr[au] v. Hornissl, Peppi, Laffberger, Frau Schiegl, der Vorige, dann Franz und mehrere Lederergesellen.)

HERR v. HORNISSL (mit den Übrigen zur Mitte eintretend). Verdammte G’schicht! Höllischer Weg!

FRAU v. HORNISSL. Meine Nerven, meine Nerven! (Sinckt in einen Lehnstuhl.)

HERR v. HORNISSL. Hör’ mir mit deine Nerven auf. Seyn wier froh daß wier noch Knochen hab’n. Wo is der Herr vom Haus?

SCHAFGEIST. Aufzuwarten, da is er. Belieben sich nur allerseits zu erhohlen.

HERR v. HORNISSL. Wie können Sie denn gar so miserable Weg hab’n?

LAFFBERGER. ’s is lächerlich so nah bey der Stadt. (Steckt sich eine Cigarre an.)

SCHAFGEIST. Bin ich denn Straßencomissarius?

HERR v. HORNISSL. So machen sie’s die Herrn Grundeigenthümer: Profitieren wollen s’ immer und nichts spendieren auf die Realitäten.

SCHAFGEIST. Erlauben Sie –

FRANZ (mit einem Gesellen welcher einen großen Karton trägt zur Mitte eintretend). Alles hab’n wier glücklich bekommen.

FRAU v. HORNISSL. Gott meine Kleider – wenn ’s Wasser eingedrungen is – geschwind Peppi, hänge sie über die Sesseln.

(Der Geselle geht, nachdem er den Karton hingestellt, ab.)

PEPPI. Wenn die Frau Mama befehlen.

FRAU SCHIEGL. Da könnten wier aber in meinem Zimmer –

PEPPI. Wie Sie befehlen!

FRAU v. HORNISSL. Nein hier, gleich hier – Ich bin in Todesängsten wegen dem lilafarben Kleid.

PEPPI. Wie die Frau Mama befehlen. (Öffnet den Karton und hängt wabrend dem Folgenden Drey bis Vier Kleider über die Lehnen der im Zimmer befindlichen Stühle.)

HERR v. HORNISSL. Unbegreifflich, daß Ihnen der Nahmen Hornissel nicht bekannt –

SCHAFGEIST. Nein, aber jetzt merck’ ich mir’n g’wiß.

HERR v. HORNISSL. Das is meine Frau.

SCHAFGEIST. G’horsamster Diener[.]

HERR v. HORNISSL. Und das is mein .Neveu. Laffberger; seine Bekanntschaft wird Ihnen viel Vergnügen machen, er ist noch sehr jung aber trotzdem ganz Weltmann, ein unbegreifflicher Weltmann, der Hansi.

LAFFBERGER. Servus alter Herr. (Ein Geselle tritt zur Mitte ein und bringt mehrere Tabakspfeifen und Rauchrequisiten.) Ah meine Pfeiffen, nur her da. (Er richtet die Pfeiffen zurecht, schabt Köpfe aus und legt alles ungeniert auf das Kanapee und die Stühle herum.)

HERR v. HORNISSL (zu Schafgeist nachdem er Peppi, welche mit den Kleidern beschäftigt war, einen Winck gegeben vorzutreten). Meine Tochter, die Peppi.

SCHAFGEIST. Peppi? meiner Seel! eine liebe Peppi. Sind Sie also auch umgeworffen worden?

LAFFBERGER. Wenn der ganze Wagen fallt, so wird sie doch auch g’fallen seyn, so gut als die andern, ’s is lächerlich.

SCHAFGEIST. Seyn S’ recht erschrocken?

PEPPI. Ich bitt’, das wird die Mama sagen.

SCHAFGEIST. Haben S’ Ihnen vielleicht wo weh gethan?

PFPPI. Ich bitt’, das wird die Mama sagen. (Geht wieder an ihr Geschäft.)

SCHAFGEIST. Das is ein gutes Kind.

HERR v. HORNISSL. Und Ihr werther Nahmen.

SCHAFGEIST. Schafgeist.

HERR v. HORNISSL (sehr betroffen). Schafgeist –!?

SCHAFGEIST. Lederfabrikant Schafgeist. Ist Ihnen der Nahm bekannt?

HERR v. HORNISSL. Ich hab einmahl einen, der so g’heißen hat – das heißt, ich hab von einem g’hört, der so g’heißen hat.

SCHAFGEIST. Es giebt mehrere Schafgeister, die nicht mit mir verwandt sind.

FRAU v. HORNISSL (zu FRAU SCHIEGL). O, Madam, nur geschwind ein’n Thee für meine Nerven.

FRAU SCHIEGL. Gleich Euer Gnaden (eilt zur Mitte ab).

SCHAFGEIST (im Gespräch mit Hornissl). Mein ·Neveu· heißt Splittinger, wenn er nur zu Haus wär’!

LAFFBERGER. Und wie steht’s denn mit’n Essen alter Herr? Wier kommen wegen Ihrem schlechten Weg um ein gutes ·Dinér·, Sie sind uns Ersatz schuldig, wissen Sie das?

HERR v. HORNISSL. Hat nicht ganz Unrecht der Hansi, is ein Teuxelsweltmann der Hansi.

SCHAFGEIST (f[ür] s[ich]). Das is a gute G’schicht. (Laut) Wenn Sie mir die Ehre geb’n wollen –

LAFFBERGER. Daß aber fein gekocht wird, bitt’ ich mir aus. Man kennt schon die Landpantscherey, diese Knödeln, so lächerlich groß, und doch ohne .hot gout., diese einbrennten Zuspeisen, und die Golatschen und der Schmarrn, das schwimmt alles in einer so lächerlichen Fetten.

FRAU v. HORNISSL (zurechtweisend). Aber Hansi –

HERR v. HORNISSL (unfreundlich zu ihr). Laß ihn gehn, er is Weltmann.

SCHAFGEIST. Mein bester junger Herr, Sie sehn mich vielleicht für ein Waldbauern an –

LAFFBERGER. Ich mach Ihnen nur aufmercksam, denn ’kocht muß doch wer’n, also is es gleich so gut, Sie lassen lieber ordentlich kochen.

EIN GESELL (tritt zur Mitte ein und bringt zwei Schachteln).

FRANZ. Die Schachteln werden der gnädigen Frau gehören.

FRAU v. HORNISSL. Nur zwey, ich hab’ drey gehabt.

HERR v. HORNISSL (unfreundlich zu ihr). Warum giebst nicht Acht auf deine Sachen.

FRAU v. HORNISSL (zum Gesellen). Sehn Sie doch nach gefälligst.

HERR v. HORNISSL. Still sey.

FRAU v. HORNISSL (eingeschüchtert). Ich muß’ aber doch sagen, ich hab’ eine Schachtel verloren.

HERR v. HORNISSL (mit pickanter Beziehung auf seine Frau). Ich wollt’, ich könnt’ das auch sagen.

FRAU v. HORNISSL (öffnet die Schachtel und legt die dann befindlichen Hüte auf den Tisch, der Gesell geht ab.)

SCHAFGEIST (zu H[errnI v. Hornissl). Um Vergebung, Sie reisen doch in Geschäften, in dringenden Geschäften?

HERR v. HORNISSL. Es sind Familienangelegenheiten mit meiner Anverwandten, mit der Forstmeisterswittwe Groning.

SCHAFGEIST. Mit der sind Sie verwandt?

HERR v. HORNISSL. Kennen Sie s’?

SCHAFGEIST. Sie is die Braut von meinem ·Neveu·.

HERR v. HORNISSL. Was? Auf diese Art werden wier ja auch miteinander verwandt; na jetzt brauchen wier uns ja nicht gar so zu .genieren. in Ihrem Haus.

SCHAFGEIST (f[ür] s[ich]). Brav, die wollen sich noch weniger genieren.

LAFFBERGER. Die Cigarren sind schlecht – (wirfft die halbgerauchte .Cigarre. auf das Kanapee, und sagt zu SCHAFGEIST) Haben Sie keine Cigarren, alter Herr?

SCHAFGEIST. Aber was treiben S’ denn, mein Kanapee (wirfft den Cigarrenstummel auf den Boden und tritt ihn aus).

LAFFBERGER. ’s kann nicht g’schehn; Zugluft is keine in dem Zimmer, folglich kann ’s Kanapee nicht in Flammen aufgehn.

SCHAFGEIST. ’s is aber genug wenn Er mir ein Loch hinein brennt.

LAFFBERGER. Ja soll so ein Möbelstoff ewig halten?

HERR v. HORNISSL. Sie müssen ihm das nicht übel nehmen er ist Weltmann.

SCHAFGEIST. Er thut wenigstens als ob die ganze Welt sein g’höret.

LAFFBERGER (hat ein Buch aus der Tasche gezogen). Lesen wird man doch derffen (wirfft sich aufs Kanapee und legt einen Fuß hinauf).

SCHAFGEIST (sich umsehend). Wie die Gnädige umraumt, ich weiß nicht mehr bin ich z’ Haus, oder auf’n Tandelmark[t]. (Laffbergers Stellung bemerckend.) Ich bitt’, da wär ein Fußschemel (rückt ihm selben hin).

LAFFBERGER. Alter Herr, Sie haben keinen Begriff von einer horizontalen Lage des Körpers.

HERR v. HORNISSL. Geh’ Hansi, wennst schon siehst, daß Jemand eine Schwachheit für seine Möbeln hat.

SCHAFGEIST. Das is eben keine Schwachheit –

LAFFBERGER (unwillig aufstehend). ’s is lächerlich.

FRANZ (im Gespräch mit PEPPI). Sie erinnern sich doch, daß wier uns einmahl in der Stadt gesehn haben?

LAFFBERGER (probiert an einer langen Pfeife ob sie Luft hat, und stößt bei dieser Manipulation ein Tasse von einem ·Servant· herab).

SCHAFGEIST. Meine Schalen, meine schöne Schalen!

LAFFBERGER. Jetzt is sie nicht mehr schön, sie war schön.

HERR v. HORNISSL. Wie er zu antworten weiß der Hansi.

SCHAFGEIST. Das is aber doch gar –

LAFFBERGER. In der Stadt sind diese Schalen sehr billig.

SCHAFGEIST. Die war aber ein Andencken.

EIN GESELLE (tritt mit einer Schachtel zur Mitte ein). Da is die Schachtel auch (setzt sie hin und geht ab).

FRANZ (im Gespräch mit Peppi). Nur auf eine kurze Unterredung, wollen Sie?

PEPPI. Ich hab gar keinen Willen, wenn Sie wünschen –

LAFFBERGER (auf seine Taschenuhr sehend). Was werden wier denn machen bis zum Essen? (Eine auf einem Schranck stehende Stockuhr mit der seinigen vergleichend.) Die Uhr geht zu spät. (Öffnet das Glas und giebt dem Zeiger einen derben Ruck vorwärts.)

SCHAFGEIST. Aber was treiben S’ denn, meine Stockuhr –

LAFFBERGER. Ich hab sie zu weit vorwärts – so (dreht den Zeiger zurück).

SCHAFGEIST. So grob dreht man an ein Brater herum (nimmt die Uhr herab und hält sie ans Ohr) da hab’n wier’s jetzt steht s’.

LAFFBERGER (nimmt ihm die Uhr aus der Hand). Nur beuteln dann geht s’ wieder (schüttelt die Uhr heftig).

SCHAFGEIST. Sie ruinieren mir ja ’s ganze Werck. (Nimmt ihm die Uhr.) Die Uhr is hin.

LAFFBERGER. Aufn Land braucht man keine, da kann man sich nach der Sonn richten.

HERR v. HORNISSL. Sehn S’ wie er Alles weiß der Hansi.

SCHAFGEIST (ärgerlich). Ah jetzt wollt’ ich schon –

FRAU SCHIEGL (zur Mitte eintretend). Gnädige Frau, der Thee is fertig in dem für Euer Gnaden bestimmten Zimmer.

FRAU v. HORNISSL. Führ’ mich Peppi, denn meine Nerven – (geht mit Peppi u[nd] Fr[au] Schiegl zur Mitte ab).

LAFFBERGER. Ich hab draußen ein Billard g’sehn, spiel’n wier ein Paar Parthien alter Herr.

SCHAFGEIST. Ich danck’ das wär mir zu strapazierlich.

LAFFBERGER. So geh’ ich halt herum und schau’ mir alles an in Ihrem Haus.

SCHAFGEIST. Nein um alles in der Welt, da spiel ich lieber Billard. (B[ei] S[eite].) Ich derf ihn nicht aus’n Augen lassen, sonst is mein ganzer .fundus instructus. hin noch vor’m Essen.

HERR v. HORNISSL. Ich werd eine kleine Promenad machen, während Sie sich mit’n Hansi unterhalten.

SCHAFGEIST (seufzend). Also gehn wier. (F[ür] s[ich].) So was kann eim auf einer wüsten Insel nicht passieren, warum bin ich kein Robinson worden, ich unglückliches Opfer der .Civilisation..

(Alle zur Mitte ab.)

 
 
1. Act: Scene 01–09: Zimmer in Schafgeists Haus
1. Act: Scene 10–12: Freie Gegend
1. Act: Scene 13–16: Zimmer in Schafgeists Haus
 
2. Act: Scene 01–09: Garten in Schafgeists Haus
2. Act: Scene 10–13: Freie Gegend mit Weidengebüsch
2. Act: Scene 14–17: Garten in Schafgeists Haus
 
3. Act: Scene 01–02: Park-Anlage
3. Act: Scene 03–07: Magazinboden in der Lederfabrik
3. Act: Scene 08–13: Zimmer in Schafgeists Haus
3. Act: Scene 14–18: Amtsstube