Johann Nestroy: Der gefühlvolle Kerkermeister, I/1–6

    

 

I/01–06: Saal in Berengarios Schloß
I/07–15: Kerker
II/01–18: Ländliche Gegend
III/01–10: Höhle des weißen Greises

Erster Akt

 Saal in Berengarios Schloß. An dem Mittelpfeiler hängt in Lebensgröße das Bild des verstorbenen Zauberers Pfundar, im Hintergrunde und an den Kulissen sind die Porträte anderer Zauberer zu sehen.

 
Erste Szene

 ADELHEID sitzt rechts im Vordergrunde auf einem erhöhten Sitz, BUBlNO an den Stufen; im Halbkreise vor ihr sind die FRAUEN DER BENACHBARTEN ZAUBERER versammelt.

CHOR DER FRAUEN: Wir wünschen zur neuen Vermählung viel Glück,
‘s geht nichts über’n zärtlichen Bräutigamsblick,
Drum wünscht sich an Eure Stell’ manche gewiß,
Weil mancher ihr Mann schon zuwider wor’n is.

ADELHEID: Hört’s auf, ich möcht’ zerbersten,
Daß ich kein Wort mehr hör’,
Ein’ Mann, als wie mein’ ersten,
Den krieg’ ich nimmermehr.

CHOR: Der erste war so viel nicht wert,
Man hat verschiedne G’schichten g’hört.

ADELHEID: Schön war er, nit zum Sagen,
Nur Sanftmut war sein Blut;
Und hat er mich auch g’schlagen,
Er war gleich wieder gut.
Sein’ einz’ge schwache Seiten
War alle Tag der Wein,
Doch dann und wann vor’n Läuten
Konnt’ er auch nüchtern sein.
Wie oft in diesem Zimmer
Hab’ ich ihn sanft gelabt,
O, ich vergess’ es nimmer,
Wenn er ein’ Rausch hat g’habt.

CHOR: Sie können wieder glücklich sein,
Der Bräutigam liebt auch den Wein.

ADELHEID: O, ich werd’ nimmer glücklich sein,
Nein, nein, nein, nein, nein, nein!

(Allegro.)

 Vor Gram möcht’ ich bersten, Tralalalala!
O, hätt’ ich mein’ ersten nur wiederum da!
Wer trocknet die Tränen? Dumdeididldumdei!
Vergebliches Sehnen! Das is a Kei’rei.

(Sie jodelt, der Chor akkompagniert mit Tralalala!)

 ADELHEID (nach dem Gesang): Gehn Sie, meine Lieben, es greift nichts an bei mir, Sie trösten mich umsonst.

EINE FRAU: Sollten Sie wirklich eine untröstliche Witib sein?

ADELHEID: Allemal, ich bin trostlos.

DIE FRAU: Das könnt’ mir kein Mensch nachsagen, wenn der Meinige sterbet.

ADELHEID: Ihr Mann, der ist auch zum Vergessen hergericht’t. Selten treffen sich so gleichgestimmte Gemüter, wie ich und der Meinige waren.

DIE FRAU: Waren Sie wirklich so gleichgestimmt?

ADELHEID: Wie wir gestimmt waren, das hat die ganze Nachbarschaft g’hört.

DIE FRAU (zu den andern): Ich glaub’s, das war oft ein G’schrei. (Zu Adelheid.) Jetzt leben Sie wohl, meine Beste, Sie werden schon auf andere Gedanken kommen.

ADELHEID: Wird nicht sein können. Führen S’ meinen Bubino in den Garten hinunter.

DIE FRAU: Komm, Bubino! Komm!

(Adelheid küßt ihren Sohn.)

ALLE FRAUEN (zu Adelheid): Auf Wiedersehn, meine Beste! (Alle ab mit Bubino.)

ADELHEID (allein): Jetzt bin ich allein, allein mit meinem Schmerz! O, könnt’ ich’s immer bleiben! Aber er laßt nicht nach, der Tyrann; der Schändliche, der meinen Gemahl mit Kronäugeln und Spenadeltinktur vergiftet hat, zwingt mich, die Seinige zu werden. Ha, und ich wollte dem Verblichenen treu bleiben, ewig, oder wenigstens doch so lang, bis ich einen nach mein’ Gusto g’funden hätt’! – Ha, ich wittre Tyrannei, (in die Szene blickend) richtig, er ist’s!

 
Zweite Szene

BERENGARIO (tritt rasch auf), ADELHEID

BERENGARIO (mit wilder Gebärde zu Adelheid): Grüß’ Ihnen Gott! (Beiseite) Sie antwortet nicht? (Zu Adelheid.) Ich hab’ Ihnen ‘grüßt – (Beiseite.) Sie antwortet noch nicht. (Zu Adelheid.) Grüßen ist Höflichkeit, Danken ist Schuldigkeit. – (Beiseite.) Wenn sie jetzt nicht bald antwortet, so wart’ ich noch länger auf eine Antwort. (Zu Adelheid.) Wir heiraten heut’?

ADELHEID: Wenn Du mich zwingst, tückischer Böswicht –

BERENGARIO: Ja, ich zwing’ Ihnen!

ADELHEID: O, ich wollt’ nur, daß ich Zeit hätt’ zum Widerstand, dann wollten wir’s schon sehen; aber so eine Heirat gibt so viel Konfusion in einem Haus –

BERENGARIO: Alles muß aufs glänzendste –

ADELHEID: Sie haben meinen Gemahl umgebracht.

BERENGARIO: So sagt man. Indessen die Leut’ reden gar viel zusamm’, wann der Tag lang ist.

ADELHEID: Und nach dieser schändlichen Tat –

BERENGARIO: Da hab’ ich Ihnen ‘s Muster vom Brautkleid gebracht. (Gibt ihr ein Stückchen Seidenzeug.)

ADELHEID (besieht es): Mit die fassionierten Sachen lassen S’ mich aus – (in den vorigen Ton zurückfallend) nach dieser schändlichen Tat –

BERENGARIO: Wissen S’, was die Ellen davon kost’t?

ADELHEID: Höchstens vier Gulden.

BERENGARIO: Sechs Gulden dreißig Kreuzer hab’ ich zahlt.

ADELHEID: Männer werden immer ang’schmiert in die G’wölber. (Im vorigen Ton.) Wagst du es, die Witwe des Gemordeten –

BERENGARIO (auf das Muster zeigend): Soll ich’s austauschen?

ADELHEID: Na, ich glaub’s. Einen glatten schweren Zeug um sieben Gulden die Ellen –

BERENGARIO: Ganz recht.

ADELHEID: Anders heirat’ ich nicht.

BERENGARIO (ruft): Sputzifurino!

(Ein dienstbarer Geist kommt, Berengario erklärt dem Geist im Stillen, was für einen Zeug er kaufen soll.)

ADELHEID (währenddem zum Bildnis ihres Gemahls gewendet): Du siehst, unvergeßlicher Gatte, was ich tue. Jeder Widerstand ist fruchtlos.

(Der Geist läuft ab.)

BERENGARIO (zu Adelheid): Alles wird nach Ihrem Wunsche besorgt.

 
Dritte Szene

 FLEGELINO (im Portieranzug mit Zaubercharakteren); DIE VORIGEN

FLEGELINO (meldet): Es ist einer da.

BERENGARIO: Wer denn?

FLEGELINO: Wer? Das geht mich nix an. Frag’n S’ ihn, wenn Sie ‘s wissen wollen.

BERENGARIO: Was? Er untersteht sich –?

FLEGELINO: Was unterstehn? Es ist einer da, hab’ ich g’sagt, und damit Punktum.Wann Sie so dumm frag’n, für das kann ich nix davor.

BERENGARIO: Kerl, sei Er nicht grob! Weiß er, wer ich bin?

FLEGELINO: Was? Sie wollen mir’s Grobsein verbieten? Wissen Sie, wer ich bin?

BERENGARIO: Ich bin Sein Herr.

FLEGELINO: Und ich bin Portier.

BERENGARIO: Ich leid’ kein’ Flegel in mein’ Haus.

FLEGELINO: Da hätten S’ Ihnen kein’ Portier
nehmen sollen.

ADELHEID: Ruhig, Freund, ruhig! Er red’t wirklich dann und wann zu grob.

FLEGELINO (freundlich zu Adelheid): Da müssen Euer Gnaden schon Nachsicht haben. Meine Mutter war Portierswitib, und da red’ ich halt meine
Muttersprach’.

ADELHEID: Was hat Er denn da?

FLEGELINO: Ein’ Brief.

ADELHEID: Wer hat ihn gebracht?

FLEGELINO: Der draußt is. Er wird gleich
einakommen.

ADELHEID: Ist der Brief –?

FLEGELINO: Nicht an Ihnen, an Herrn.

BERENGARIO (reißt ihm schnell den Brief weg): Warum gibt Er mir’n nicht gleich?

FLEGELINO: Jetzt lesen S’ und reden S’ nicht lang!

BERENGARIO: Ich sag’s Ihm heut’ zum letztenmal –

FLEGELINO (wendet sich zum Abgehen): Hören S’ auf mit die Dummheiten!

BERENGARIO: Wenn Er sich unterfangt –

FLEGELINO (im Gehen): Versteht sich! Fürchten wird man sich!

BERENGARIO: Und ist nochmal so grob mit mir –

FLEGELINO (ohne sich umzuwenden): Mit mir kommt kein Mensch auf. (Ab.)

 
Vierte Szene

DIE VORIGEN, ohne FLEGELINO

BERENGARIO: Infamer Kerl, das!

ADELHEID: Wie der Herr, so der Knecht, ist ein altes Sprichwort.

BERENGARIO: Keine Stichelei, das leid’ ich nicht. – Wer kann mir geschrieben haben?

ADELHEID: Ich weiß nicht, wer so eine fade Korrespondenz führt.

BERENGARIO (hat den Brief erbrochen): Was? Der Sternenkönig?

ADELHEID (freudig): Krotto der Kleine, der Sternenkönig? Das ist ein lieber Mann.

BERENGARIO (liest): „Ich habe gehört, daß Sie die schöne Adelheid –“

ADELHEID: O, scharmanter König!

BERENGARIO (weiterlesend): „Zu einer Heirat zwingen wollen und sich bereits ihres Zauberschlosses bemächtigt haben. Ich glaube dieses nicht von Ihnen und hoffe daher, Sie werden ungesäumt Adelheid und das Zauberschloß freigeben.“

ADELHEID: Haben Sie’s g’hört jetzt?

BERENGARIO: Da hat’s Zeit. Sputzifurino! (Der dienstbare Geist kommt.) Der den Brief gebracht hat, soll augenblicklich hereinkommen. (Der Geist ab.)

ADELHEID (zu Berengario): Sie werden sich doch nicht dem mächtigen Sternenkönig widersetzen?

 
Fünfte Szene

G’SCHICKTUS; DIE VORIGEN

G’SCHICKTUS (tritt ein, er hat einen großen Brief an der Brust angeheftet, verneigt sich): Mein Gebieter, Krotto der Kleine –

BERENGARIO: Will einen Großen spielen und mir was befehlen.

G’SCHICKTUS (fortfahrend): Krotto der Kleine mit dem großen Bart –

BERENGARIO: Er soll nur kommen, hier wird er balbiert.

G’SCHICKTUS: Der mächtige Sternenkönig –

BERENGARIO: Er soll sich heimleuchten lassen von seine Stern’. (Er erblickt den Brief an der Brust des G’schicktus.) Halt! Was ist das für ein Brief?

G’SCHICKTUS: Ein geheimes Schreiben, das Euch nichts angeht.

BERENGARIO: Mich geht’s nichts an? Her damit! (Reißt es ihm weg.)

G’SCHICKTUS (für sich): Meine Vorsicht, mit der ich den Brief verwahrte, war umsonst. (Zu Adelheid, während Berengario den Brief erbricht.) Der Brief ist an Ihnen.

ADELHEID (erschrocken): An mich?

G’SCHICKTUS: Er enthält geheime Sachen von der größten Wichtigkeit.

ADELHEID: O, Sie dummer Mensch, warum haben Sie ‘n denn nacher da vorne getrag’n? Jetzt hat ‘n der Tyrann!

BERENGARIO: Also so kommt man hinter die Schlich’! (Zu Adelheid, welche angelegentlich in der Stille mit G’schicktus spricht.) Hör’n Sie zu, schöne Braut. (Bemerkt die leise Unterredung. Zornig.) Was ist das für ein G’wischpel? (Er nimmt Adelheid am Arm.) Sie stellen sich daher und rühren sich nicht! (Er führt sie rechts in den Vordergrund.) Jede Bewegung kost’t Ihnen den Kopf. (Zu G’schicktus.) Und Er, ung’schickter Abg’schickter, Er stellt sich daher! (Führt ihn links in den Vordergrund.) Jeder Muckser kost’t Ihm den Hals, denn Kopf hat Er kein’.

G’SCHICKTUS (beleidigt): Der Sternenkönig wird –

BERENGARIO (schreit ihn grimmig an): Still!

G’SCHICKTUS (erschrickt heftig und bleibt unbeweglich stehen)

ADELHEID: Stürm’ zu, Schicksal, jetzt geht’s in ein’.

BERENGARIO (liest): "Wunderschöne Adelheid, hellleuchtender Stern!"

ADELHEID (seufzt laut)

BERENGARIO: Was war das?

ADELHEID: Ein Seufzer, das wird doch erlaubt sein!

BERENGARIO (liest): "Ich kenne Ihre Leiden, doch verlassen Sie sich auf mich, Berengario ist ein Halunk’!" (G’schicktus und Adelheid machen Zeichen des Einverständnisses aufeinander.) Na wart, du kleiner Krotto! (Er bemerkt die Zeichen.) Was ist das? Nicht rühren, hab’ ich g’sagt.

ADELHEID: Ich hab’ mich nicht g’rührt.

G’SCHICKTUS: Ich auch nicht.

BERENGARIO (grimmig): Still! (Liest weiter.) "Bringt G’schicktus keine günstige Nachricht zurück –" (Zu G’schicktus.) Er heißt G’schicktus?

G’SCHICKTUS: Ja.

BERENGARIO: Das ist ein Betrug, denn Er ist ung’schickt.

ADELHEID: Dasmal hat der Tyrann recht.

BERENGARIO (grimmig): Still! (Liest weiter.) "So eile ich mit meiner ganzen Zaubermacht, die reizende Adelheid zu befreien. Ihr ganz ergebenster Sternenkönig." (G’schicktus und Adelheid machen sich Zeichen.) Ha, Rache! Zittre, Krotto! (Er bemerkt die Zeichen.) Million Tod! Was sind das für Zeichen?

G’SCHICKTUS: Ich hab’ nichts g’macht.

ADELHEID: Mich hat die Nasen bissen.

BERENGARIO: Jetzt, Adelheid, erklären Sie dem dahier augenblicklich, daß Sie freiwillig und aus Liebe mich heiraten und keinen Sternenkönig nötig haben. Diese Nachricht soll Er sein’ Herrn bringen.

ADELHEID: Warum nicht gar! Der Sternenkönig ist ein Engel von ein’ Mann, ich kann’s nicht erwarten, daß er hierherkommt und mich von so einem z’widern Schatz befreit, wie Sie sind. Ja, schau’ nur, Tyrann, ich lache deines Grimmes! (Sie geht mit einem fröhlichen Jodler ab.)

BERENGARIO: Ha, Wut! Rache! Tod! Verderben!

G’SCHICKTUS: Was kann ich für eine Post bringen nach Haus?

BERENGARIO: Gar keine wird Er bringen. (Er zerreißt den Brief und tritt grimmig darauf herum.) He, Sputzifurino! Sputzifurino! (Der dienstbare Geist kommt.) Alle meine Getreuen soll’n sich augenblicklich hier versammeln. (Sputzifurino ab; zu G’schicktus.) An Ihm aber will ich ein Exempel statuieren, daß Er keinen heimlichen Brief mehr tragt.

G’SCHICKTUS (weinerlich): Ich kann nichts davor!

BERENGARIO: Er soll mich kennen lernen!

G’SCHICKTUS (immer ängstlicher): Ich kann aber nichts davor.

BERENGARIO: Weh! Weh Ihm!

G’SCHICKTUS (ängstlich schreiend): Wenn ich aber nichts davor kann!

 
Sechste Szene

DIE ANHÄNGER BERENGARIOS (kommen eilig, sie sind in gleicher magischer Kleidung); DIE VORIGEN

DER ERSTE ANHÄNGER: Hier sind wir, Herr was befiehlst du?

BERENGARIO: Zuerst werft mir den G’schicktus da in das tiefste Gefängnis.

G’SCHICKTUS (weinend): Ich kann aber nichts davor.

ZWEI ANHÄNGER (packen G’schicktus und führen ihn ab): Marsch fort! Ohne Weigern, fort!

G’SCHICKTUS (indem er abgeführt wird, schreit heftig): Ich kann aber nichts davor, wann ich aber nichts davor kann! (Ab.)

BERENGARIO: Nun, sagt mir, habt ihr Mut, den Kampf mit dem Sternenkönig zu wagen?

ALLE: Wir haben Mut!

DER ERSTE: Aus jeder Bewegung kannst du es sehen! (Alle gehen grimmig herum.)

BERENGARIO: Ich bin überzeugt. Nun schwört auf die Fahne der Zwietracht, nicht eher zu ruhen, bis der Sternenkönig besiegt ist.

(Einer der Anhänger Berengarios bringt eine Fahne, welche aus Schlangen und Drachenflügeln besteht und oben statt der Spitze eine Flamme hat; alle ziehen ihre magischen Schwerter, welche statt der Klingen Schlangen haben, und halten selbe in die Flamme an der Fahne.)

ALLE: Wir schwören! (Wie sie die Schwerter wegziehen, brennt an jeder Spitze eine blaue Flamme; Musik fällt ein.)

BERENGARIO: Jetzt geht’s los, das ist g’scheit,
Kampf is halt meine Freud’,
Sternkönig, g’freu’ dich nur,
Jetzt geht es grimmig zur.

ALLE: Jetzt geht’s los, das is g’scheit,
Kampf is halt unsre Freud’,
Sternkönig, g’freu’ dich nur,
Jetzt geht es grimmig zur.

(Alle machen grimmige Evolutionen unter lärmender Musik, die Fahne wird geschwungen, Berengario an der Spitze stürzt ab, alle folgen.) pfeil

 

  

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