nestroy-spiele
nestroy-spiele schwechat 2009 ‹heimliches geld, heimlich e liebe›
  • Nestroy-Spiele 2009:
    Heimliches Geld,
    heimliche Liebe
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Rothmühle / Rannersdorf, Schlosshof 
37. Nestroy-Spiele Schwechat 2009

Heimliches Geld,
heimliche Liebe

Premiere Samstag, 27. Juni 2009, 20:30 Uhr
Vorstellungen bis 1. August 2009

Liebe Nestroy-Freunde!

Bei der Uraufführung ein Misserfolg, später so halb und halb rehabilitiert, galt Nestroys Heimliches Geld, heimliche Liebe lange Zeit als eher sprödes, schwer zugängliches postrevolutionäres Spätwerk, das sich nur im Zusammenhang mit dem historischen Hintergrund einigermaßen erschließt.

Heute kommen sie einem seltsam vertraut vor, die Figuren, die dieses Stück bevölkern.

Wir kennen sie alle: den reichen, skrupellosen Spekulanten; seine vernachlässigte, in die Jahre kommende Frau; seinen gestressten Geschäftspartner, der nie Zeit hat; die harsche, emanzipierte Unternehmerin; die verschuldeten Mittelständler; die schlecht bezahlten, jederzeit kündbaren Arbeiter; und die vielen Arbeitslosen, die langsam in die Illegalität abrutschen.

Der Schock der aktuellen globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, deren fatale Folgen nicht etwa deren skrupellose Verursacher, sondern vor allem Mittel- und Unterschicht zu tragen haben, hat unseren Blickwinkel verändert. Wir verstehen besser, welch ohnmächtige Wut, welch unterdrückten Groll die einfachen Leute 1853 wohl gehabt haben müssen, als sie sahen, dass sich ihr vager Traum von ein wenig Wohlstand, von etwas mehr Gerechtigkeit und Freiheit, der die Antriebsfeder ihres revolutionären Aufbegehrens 1848 war, nicht einmal ansatzweise erfüllt hatte. Im Gegenteil.

Wieder waren – und das für unabsehbare Zeit – jene Leute an der Macht, die eigentlich an der Misere schuld waren, und die nun mit Hilfe des Militärs dafür Sorge trugen, daß alles beim Alten blieb.

Wohl gab es ein paar Scheinzugeständnisse da und dort, aber die plötzlich mit ungeheurer Emsigkeit vorangetriebenen „Reformen“ hatten primär den Sinn, alles noch besser kontrollieren und etwaige Proteste künftig schon im Keim ersticken zu können. Die Pressefreiheit wurde wieder abgeschafft. Industrialisierung und Kapitalismus bekamen freie Hand und schritten weiter ungezügelt voran. Die Massenarbeitslosigkeit garantierte Billiglöhne und damit Unternehmern, Bankern und Aktionären fette Gewinne. Den kleinen Leuten blieb nichts, als sich zu fügen und den Mund zu halten, um nicht das Wenige zu verlieren, das sie noch hatten.

Nach dem chaotischen Freiheitstaumel der Revolution, nach deren brutaler Niederschlagung und den folgenden langen Monaten der „Höllenangst“ in der Zeit der Militärjunta war 1853 wieder „Normalität“ zurückgekehrt.

Im Vormärz noch hatte Nestroy eine Utopie auf die Bühne gestellt: In Zu ebener Erde und erster Stock machen die Armen einen Haupttreffer im Lotto und dürfen hinauf in den ersten Stock. Die Reichen müssen nach unten, werden für ihren Hochmut vom Schicksal bestraft – Theater als Traumfabrik.

Jetzt, wenige Jahre danach, in Heimliches Geld, heimliche Liebe, erzählt er die Geschichte anders: Die Armen hausen, ausgebeutet von den Reichen, in Kellern oder auf Dachböden und sind von ihnen auch noch um den großen Lottogewinn betrogen worden, den sie gemacht haben.

Das symbolisiert und spiegelt die bitteren Erfahrungen der vergangenen Jahre und markiert einen gesellschaftlichen Bewusstseinssprung, der Jahrzehnte später in den Klassenkampf führen wird.

Das beredte, grimmige Schweigen der Stückfiguren und ihre verschlüsselte, vieldeutige Sprache, die wie ein Schutzschild (hinter gesicherten Konventionen und beteuerten Emotionen) die wahren Gedanken und Gefühle verbirgt, verleiht – bei aller Wiedererkennbarkeit Nestroy’scher Texte – Heimliches Geld, heimliche Liebe eine ganz eigene Schattierung, die irritiert, aber auch unverwechselbar ist.

Nestroy schildert mit galligem Humor, in einer Mischung aus Resignation und aufblitzendem Hass, dass es keine Aussicht auf Änderung zu geben scheint, weil Oben und Unten, Reich und Arm, Geld und Liebe wohl ewig unvereinbare Gegensätze bleiben werden.

Und dennoch lässt er am Ende des Stückes (noch ein letztes Mal, ehe er sich mit diesen Themen nur mehr marginal beschäftigt) wie in einem posthumen, trotzigen Racheakt die Utopie triumphieren: Liebe und Gerechtigkeit siegen über Kalkül, Egoismus und Raffgier. Auf der Bühne wird mit Beharrlichkeit, Geduld und Raffinesse im Kleinen nachgeholt, was mit der Revolution im Großen nicht gelang.

Und bis heute nicht gelungen ist.

Ein Vergleich offizieller Statistiken zeigt, worüber uns der relative Wohlstand der letzten Jahrzehnte hinweggetäuscht hat: in mehr als 150 Jahren hat sich – trotz Kommunismus und Sozialdemokratie, trotz zweier Weltkriege, und ganz egal, ob in Monarchie, faschistischer Diktatur oder Demokratie – weder das soziale Gefälle, noch die prozentuelle Zuordnung von Besitz und Einkommen verändert. Die so oft behauptete „Umverteilung“ im Sinne des gerechten Teilens hat in Wahrheit nie stattgefunden. Noch immer besitzen 10% der ÖsterreicherInnen mehr als zwei Drittel des Gesamtvermögens.

Auch die großen Abstände zwischen den Einkommen der verschiedenen Berufsgruppen sind – ebenso wie das Verhältnis zu den Lebenskosten – mit jenen Mitte des 19. Jahrhunderts so gut wie identisch.

Selbst der längst überwunden geglaubte Analphabetismus, der – wie im Stück eindrucksvoll demonstriert – Menschen noch abhängiger und noch leichter manipulierbar macht, ist kein Phänomen der Vergangenheit. Trotz Schulpflicht und anderer Bildungsbemühungen sind heute noch immer geschätzte 600.000 ÖsterreicherInnen jeden Alters faktisch Analphabeten, keineswegs nur Migranten, sondern auch viele Menschen mit deutscher Muttersprache.

Der sogenannte „Fortschritt“ ist also in den wesentlichen Dingen doch nicht so groß, wie wir uns gerne einreden oder einreden lassen.

Nestroy hat das vorausgesehen. Und so hat seine Schilderung und Analyse menschlicher Widersprüche und gesellschaftlicher Zusammenhänge – von ein paar Accessoires abgesehen – heute immer noch Gültigkeit.

Neben der sprachlich und dramaturgisch hervorragenden Qualität und dem hohen Unterhaltungswert ist es genau das, was uns an ihm so fasziniert und veranlasst, uns immer wieder mit seinen Stücken auseinanderzusetzen – heuer, aus gegebenem Anlass, mit Heimliches Geld, heimliche Liebe.

Peter Gruber