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Rothmühle / Rannersdorf, Schlosshof
29. Nestroy-Spiele Schwechat 2001

Nestroy-Jubiläumsjahr: 200. Geburtstag

Nachtwandler

Premiere 30. Juni 2001, Vorstellungen bis 4. August 2001

 

Pressestimmen

nachtwandler
Die Presse, 2. Juli 2001
Rauch, Feuer und die Gunst der Obrigkeiten in Schwechat

Die Nestroy-Spiele in Schwechat bieten mit dem „Schlafwandler“ auch heuer wieder derben, hintergründigen und tiefsinnigen Spaß.

Ohne Rauch und Feuer kann ein Open-Air-Spektakel wohl nicht auskommen. Gut so, denn wo sonst darf Theater noch blitzen, knallen, Papierschlangen werfen, wenn nicht bei den Festivals in der Peripherie rund um die das übrige Jahr dominierenden Kulturmetropolen? Mit beeindruckend schlichten, aber umso wirkungsvolleren Mitteln verstehen es die Schwechater Sommerspiele seit 1973, Nestroysche Ironie und Bissigkeit mit gehöriger Derbheit und Unbekümmertheit in Szene zu setzen. Die Laienschauspieler unter der souveränen Regie des Nestroyring-Preisträgers Peter Gruber beeindrucken heuer in den „beiden Nachtwandlern“, mit denen der Jahresregent – man feiert heuer Nestroys 200. Geburtstag - im Jahr 1836 Triumphe feierte.

Arien-Persiflagen

Besonders gelungen in der Schwechater Version: die umwerfend komischen Persiflagen auf diverse Opernarien von Nestroys Zeitgenossen. Da dürfen unausgebildete Soprane nach Herzenslust gicksen und Bässe in der Tiefe verhungern – alles zur höheren Bestimmung, die ihnen Nestroy zugedacht hat. Handelt es sich bei den »Nachtwandlern« doch um eines der ersten Stücke Nestroys mit herb-realistisch sozialkritischen Zügen. Laut Karl Kraus, der dieses Stück 1912 neuentdeckte, ist es kein oberflächlicher »Posseneinfall«, wenn eine Wette zwischen zwei Adeligen über das Glück eines armen Seilers entscheidet, der nur durch sein Nachtwandeln in die Gunst seiner Obrigkeiten gelangte. Aus dem Götterhimmel, der davor die Schicksale der Menschen bewegte, werden irdische Machtverhältnisse – doch die Mächtigen werden von den obrigkeitshörigen Menschen weiter einer spirituellen Sphäre zugeordnet, sie werden "geistliche" Herren. Diese spielen mit dem armen Menschen, der unverhofft zu Reichtum kommt - und an seiner Unmäßigkeit scheitert. In bravouröser Manier arbeitet Gruber mit seinen Schwechatern diese Tragödie heraus – und bringt dennoch ein wahres Feuerwerk an Situationskomik und Anspielungen auf das derzeitige Weltgeschehen auf die Bühne. Ein schöner Spaß.

Martin Kugler

Neue Kronenzeitung, 2. Juli 2001
In guter alter Nestroy-Tradition

Ein Kraftzentrum der Nestroy-Pflege: Die Schwechater Sommerspiele im Schloss Rothmühle überraschen heuer mit dem „Nachtwandler“ in Peter Grubers schwungvoller Inszenierung. Theater in guter alter Tradition, aus dem Geist des Ensembles, das hoch motiviert das Gefühl vermittelt, dass es allen Spaß macht. Die einfache Handlung ist amüsant, die Regie versuchts erst gar nicht mit verkrampfter Aktualisierung. Zeitlos sind Nestroys Figuren, die beweisen, dass Geld und Macht nicht zwangsläufig einen glücklichen, sympathischen Zeitgenossen ergeben.

Man spielt flott, witzig, übertreibt nicht, nützt die Atmosphäre des Hofes. Allen voran Christian Graf als wenig liebenswürdiger Geselle und Bruno Reichert als schlafwandlerischer Sebastian im Glück. Die Damen Jedletzberger, Rössler, Sedlaczek überzeugen, die Herren Mürwald, Heller und Schuh bieten Nestroysche Possenbravour.

OL

Der Standard, 3. Juli 2001
Von Staub keine Spur

Am Ende regiert die Nacht: Das Possenpersonal streckt die Arme von sich und nachtwandelt über Nora Scheidls schmale Bretterbühne. Schaut her, ruft uns Regisseur Peter Gruber zu, bevor wir nach diesem stimmigen Nestroy-Abend die Schwechater Rothmühle verlassen, macht die Augen auf. Mit geöffneten Lidern lebt es sich besser!

Ein schöner Schlusspunkt hinter einem halbherzigen Stück. Denn die Wortblasen bringen in dieser 1836 „zum Vortheile des Komikers Johann Nestroy“ uraufgeführten Posse, die in Schwechat Nachtwandler heißt, die Ordnung nur für kurze Zeit ins Wanken. Am Ende regiert wieder die Ökonomie von Geben und Nehmen. Der Seiler Faden, der zwischendurch stolzer Besitzer von Frau und Schloss war, findet sich in Armut wieder. Die Zensur war’s zufrieden.

Zumindest für einige Zeit ging es in der guten Stube allerdings einigermaßen heiß her: Einem vom Glück heimgesuchten Seilerer (gewitzt: Bruno Reichert) werden von zwei guten Geistern, die in Wahrheit auch nur bessere Herren sind, alle Wünsche gewährt. Das kann nur schief gehen, gerade wenn der Geselle Strick (schön biegsam: Christian Graf) dem Meister zur Seite steht.

Doch Peter Gruber spielt dabei nicht mit: Er legt am Ende über die stickige Stube das Schweigen der Nacht. Einer der wenigen Kommentare des ansonsten zurückhaltenden Nestroy-Spezialisten. Von Staub keine Spur.

Stephan Hilpold

Salzburger Nachrichten, 3. Juli 2001
Ab mit den alten Zöpfen

Die Schwechater Nestroy-Spiele bringen „Nachtwandler“ in einer schnörkellosen Aufführung

Was braucht der Mensch zum Glück? Diese im Kern wohl soziale Frage wurde im Biedermeier und Vormärz auf den Bühnen Österreichs oftmals gestellt. In Johann Nestroys „Nachtwandler“ bekommt sie freilich eine besondere Schärfe, wie bereits Karl Kraus feststellte.

Ein reicher Adeliger verspricht da nämlich einem bankrotten Seiler, er werde als Dank für seine nächtliche „schlafwandlerische“ Rettung vor den Räubern ihm alles geben, was dieser für sein Glück als notwendig erachte. Der an sich bescheidene Handwerksmeister scheitert freilich, weil er sich etwas Überflüssiges wünscht. Ausgerechnet der Zopf des Adeligen stört den inzwischen im Schloss Residierenden.

Man braucht nicht Geschichte studiert zu haben, um zu wissen, dass dieses Symbol der Macht des Adels vom Volk ganz entschieden als überflüssig und dessen Entfernung als eine Notwendigkeit erachtet wurde.

Nestroy wusste eben, wie man die Zensur täuscht. Bei der sehr transparenten und sympathisch natürlichen Aufführung der „Nestroy Spiele Schwechat“ lässt Regisseur Peter Gruber beim unbotmäßigen Wunsch des Seilers ganz zart die Marseillaise spielen.

Mehr ist auch nicht nötig, denn die sozialen Gegensätze werden in dieser Inszenierung scharf herausgearbeitet. Und das Laienteam aus Schwechat verdient Anerkennung für seine darstellerische Leistung.

Sommertheater von einer eigenen Klasse

Christian Graf ist da etwa ein Seilergeselle, der sich auch gesanglich nicht zu verstecken braucht. Sein Meister – Bruno Reichert – kann auf seiner aus 18 Jahren Nestroy-Spielen erworbenen Professionalität aufbauen. Und Dagmar Jedletzberger liefert sich mit Bella Rössler einen filmreifen Kampf um den eigennützigen Seilergesellen. Die Schwechater sind im Sommertheaterreigen eine Klasse für sich.

Helmut Schneider

Kurier, 4. Juli 2001
Ein Basar der Gefühle

Seit Jahrzehnten bürgen die Nestroy-Spiele Schwechat für sommerliche Unterhaltung auf hohem Niveau. Unter dem Motto „Nestroy lebt“ lässt Regisseur und Prinzipal Peter Gruber heuer die „Nachtwandler“ durch den Schlosshof Rothmühle geistern und beweist einmal mehr, dass Johann Nestroys zynische Possen von zeitloser Gültigkeit sind.

Im Jahr 1836 hat Nestroy das Stück „Die beiden Nachtwandler“ geschrieben und dabei die soziale wie wirtschaftliche Tristesse des Vormärz thematisiert. Alles und jeder ist käuflich in einer Welt, die nicht mehr von Geistern sondern von Großkapitalisten geprägt wird. Mit Witz und Tempo reißt Peter Gruber der Posse die allfällige biedermeierliche Maske vom Gesicht, entlarvt die charakterlichen Defizite aller Protagonisten. Denn das Geld siegt über die Gefühle. Monetäre Gunst wird aus Jux gewährt und bei Nichtgefallen wieder entzogen. Selbst die Liebe gehorcht primär den Gesetzen des Marktes.

Präzise führt Peter Gruber in Nora Scheidls praktikablem Bühnenbild die sehr guten Laien-Darsteller durch alle Irrungen. Bruno Reichert und Christian Graf führen das spielfreudige Ensemble an.

Peter Jarolin