Rothmühle / Rannersdorf, Schlosshof
20. Nestroy-Spiele Schwechat 1992
Abentheuer in der Sclaverey
Premiere Freitag, 26. Juni 1992

Der Wiener Volksdichter Johann N. Nestroy ist in Schwechat zur Institution geworden. Seit 1973 finden jährlich Aufführungen seiner Stücke statt.
Warum gerade hier? Hatte Nestroy einen besonderen Bezug zu der damaligen (und heutigen) Braustadt Schwechat? Gab es Bindungen an das damalige Dorf?
Ein Blick in das Reiche Werk des Dichters zeigt, dass dem nicht so war. Die Stücke spielen zwar fast immer „in einer kleinen Stadt nahe der Residenz“, mit den handelnden Personen ist aber immer die Wiener Gesellschaft zu Zeiten Nestroys gemeint. Wien war Stadt, Schwechat Dorf.
Immerhin aber brachte es Schwechat zur Nammensnennung bei Nestroy. In „Weder Lorbeerbaum und Bettelstab“ kann sich der reiselustige Chrysostomus Überall nicht sattsehen „an der herrlichen Gegend zwischen Simmering und Schwechat“ – aber das auch nur, weil er ständig auf dem Weg von und nach Fischamend ist; keineswegs will er in die Braustadt selber.
Der lokale Bezug des Dichters zu Schwechat fehlt also. Dass er trotzdem hier seinen Einzug hielt, verdankt er vor allem dem 1985 verstrobenen Gründer des Amateruensembles St. Jakob, Walter Mock.

Das im Jahre 1972 renovierte Schloss Rothmühle fand anlässlich einer „Jedermann“-Aufführung der Spielgruppe den Gefallen von Gottfried Heindl, dem Ex-Chef der Bundestheaterverwaltung. In ihm wurde eine alte Lieblingsidee wieder wach, nämlich im Sommer in der Nähe von Wien Nestroy-Spiele zu veranstalten.
In Begleitung von Burgschauspieler Bruno Dallansky und dem Schriftsteller György Sebestyén – denen ähnliche Ideen vorschwebten – suchte Heindl dann Walter Mock auf, um Pläne zu schmieden und zu realisieren.
Walter Mock erkannte die Chance für sein Ensemble und erklärte sich bereit, die Durchführung der Nestroy-Spiele vorerst zu übernehmen.
Der Start erfolgte im Sommer 1973. Auf Empfehlung von Bruno Dallansky verpflichtete Walter Mock den Regisseur Peter Gruber; die technische Beratung erfolgte durch den ehemaligen Technischen Direktor des Burgtheaters Sepp Nordegg. Von Beginn an förderten auch Bund, Land und Gemeinde die Aufführungen.
Mit den beiden Einaktern „Zeitvertreib“ und „Frühere Verhältnisse“ trat das Ensemble St. Jakob erstmals auf die Pawlatschenbühne in der Rothmühle.
Der Erfolg war so ermutigend, dass alle Pläne, Berufsschauspieler einsetzen zu wollen, fallengelassen wurden. Bis heute stehen Amateure auf der Bühne, aber auch bis heute ist das Ensemble seinem Regisseur Peter Gruber treu geblieben.
Der Beginn der Nestroy-Spiele in der Rothmühle fiel zusammen mit einer allgemeinen Nestroy-Renaissance. Wasvon Karl Kraus begonnen und durch die Naziherrschaft in Österreich unterbrochen wurde – eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Dichter, fernab jeder Biedermeierei – lebte Anfang der siebziger Jahre wieder auf. So etablierten sich 1975 die Internationalen Nestroy-Gespräche in Schwechat, Tagungsort ist seit Beginn die Rothmühle. Diese Gespräche sind wohl heute ein Muss für jeden ernsthaften Nestroy-Forscher.
Den Initiatoren, Fröderern und Aktiven der Nestroy-Spiele ist es also gelungen, Schwechat zu einem Nestroy-Zentrum ersten Ranges zu machen – ohne dass dabei das Publikum und die Mitwirkenden auf und hinter der Bühne den Spaß an der Sache verloren haben.
