Rothmühle / Rannersdorf, Schlosshof
1. Nestroy-Spiele Schwechat 1973
Frühere Verhältnisse/
Zeitvertreib
Juli 1973
Warum Nestroy in der Rothmühle?
Das von der Stadtgemeinde Schwechat im Vorjahr um rund 8 Millionen Schilling restaurierte Schloß Rothmühle bietet sich kaum wie ein anderes Objekt zur Veranstaltung von Freilichtaufführungen resp. Konzerten an. Man wäre fast dazu geneigt zu sagen, es verlangt direkt danach. Beim Betreten der Rothmühle wird der versierte Theaterbesucher die Feststellung machen, daß es sich hier eigentlich um eine Shakespearebühne in Reinkultur handelt. Bei näherer Bekanntschaft wird man feststellen, daß man hier aber genausogut Raimund wie Nestroy spielen kann. Da Nestroy verschiedentlich als der "Wiener Shakespeare" bezeichnet worden ist und uns Vorstadtwienern selbstverständlich der "Wiener Shakespeare" näherliegt als der englische, haben wir eben zu Nestroy gegriffen, womit der Kreis geschlossen wäre.

Der Anstoß und die Idee hiezu stammen teils von Dr. Gottfried Heindl, der die St.-Jakobs-Spieler im Vorjahr bei ihrer Jedermannaufführung gesehen hat und in das Spielvermögen der Gruppe auch das Zutrauen zu einem Griff nach Nestroy setzte, teils von Burgschauspieler Bruno Dallansky und dem Literaten György Sebestyen, die seit langem den Plan hegten, Nestroy in irgendeiner Wiener Vorstadt wieder eine gebührende Heimstätte zu verschaffen. Letzten Endes gaben dazu die vielen Gäste den Ausschlag, die die nahe gelegene Stadt Wien in den Sommermonaten beherbergt, und die immer wieder nach Raimund und Nestroy fragen, aber kaum die Möglichkeit haben, einer Aufführung von Werken dieser beiden österreichischen Dichter in deren Raum zu begegnen, da die Wiener Theater in diesen Monaten geschlossen sind.
Diese Idee wurde also aufgegriffen und mit Hilfe der Stadtgemeinde Schwechat, Prof. Sepp Nordegg vom Burgtheater, der österr. Bundestheaterverwaltung, dem Regisseur Peter Gruber sowie mit finanzieller Unterstützung aus Bund und Land und zahlreichen Helfern realisiert.

Ob die Idee ,,Nestroy im Schloß' Rothmühle" zukunftsträchtig ist, wird von der Qualität der Aufführung und dem Publikumsinteresse zu gleichen Teilen abhängen. Sollte beides positiv sein, wird man darangehen können, ein abendfüllendes Stück zu inszenieren und das Programm durch eine Nestroyausstellung und durch ein Nestroyforum, das sich mit der Erforschung von Nestroy, seinen Zeitgenossen und der damaligen Zeit beschäftigen soll, zu bereichern. Fürwahr eine schöne, lohnende Aufgabe für eine Stadt, die damit von einer Bierstadt zur Kulturstadt werden könnte.
Hoffentlich wird’s was!
