Gespräch mit Hans Weigel

17. November 1990

Quelle: Aus einer Fachbereichsarbeit von Stefan Fak (BG und BRG Wien XII), Februar 1991.

 

Gibt es für den Begriff „Zerrissenheit“ eine geeignete Definition?

Weigel: Der Zerrissene ist eine Posse, die Nestroy einem französischem Stück entlehnt hat, das L`homme blasé – „der blasierte Mann“ heißt. „Zerrissenheit“ ist eigentlich in unserem Wortschatz kaum vorhanden. Wir meinen einen nervösen, einen belasteten, einen pathologischen Menschen, aber wir haben kaum je die Gewohnheit zu behaupten: „Das ist ein Zerrissener“. Selbst bei der Popularität dieses Stückes von Nestroy ist das Wort in unseren Wortschatz nicht übergegangen. Ich erinnere mich mit Freude an das Zitat „Zerrissen wie das Nacht'gwand von einem Bettelmann“. Das ist eine herrliche, plastische, poetische Umschreibung der äußeren Zerrissenheit.

Was ist die innere Zerrissenheit?

Weigel: Die innere Zerrissenheit ist das Übermaß der Nervosität, die psychische Belastung, es ist ein bißchen Hysterie und ein bißchen Pessimismus; vielleicht ist Melancholie eine der deckensten Umschreibungen.

Inwieweit spielt der Begriff „Weltschmerz“ bei der Zerrissenheit eine Rolle?

Weigel: Ja, die Zerrissenheit entspricht natürlich nicht nur dem Weltschmerz. Zum Beispiel, der Herr von Lips im Zerrissenen ist ein Pessimist, ein nervlich Belasteter. Doch Zerrissenheit ist nicht nur Pessimismus, sondern ist eine Charaktereigenschaft, die mit dem Bild des Österreichers, wie es sich in der Vulgärliteratur und im Vulgärdrama darbietet, völlig verschieden ist. Ich habe einmal eine herrliche Aufführung des Zerrissenen in Zürich miterlebt, da hat Karl Paryla den Herrn von Lips gespielt. Paryla hat sich einen Gang zurechtgelegt; er ist nie gerade gegangen, sondern immer, wenn man geglaubt hat, jetzt geht er dort und dort hin, hat er einen Umweg gemacht und ist woanders hingegangen. Das war ein ganz herrliches optisches Symbol für die Zerrissenheit.

War Nestroy im Leben ein Zerrissener?

Weigel: Dem privaten Johann Nestroy, der in seinem Leben sehr gehemmt war und schwer mit Menschen in Beziehung geraten konnte, hätte man nie zugetraut, daß er mit dem Typ, den er auf der Bühne dargestellt hat, ident ist. Er war ein Schwacher, er war dem Spiel verfallen, er war der Marie Weiler fast hörig, obwohl er keine Gelegenheit ausgelassen hat, sie zu betrügen. Es war vielleicht ein masochistischer Zug, wie wir heute sagen würden, und es gibt in seinem Briefwechsel eine ganz wichtige Stelle: Als seine Freundin, die er sich durch einen biographischen hochinteressanten Brief zugelegt hat, einmal gewagt hat, über die Lebensgefährtin Marie Weiler etwas Schlechtes zu sagen, hat er sie durch seinen Freund und Beauftragten kaltblütig abservieren lassen. Er hat sie auch immer „die Frau“ genannt, was eigentlich für sie spricht. Er hat unter ihr wahrscheinlich gelitten, ich nehme an, wie ich diese Beziehung kenne, daß sie ihn immer um Rollen sekkiert hat. Und wenn in einem Stück von Nestroy eine weibliche Rolle vorgekommen ist, welche schauspielerisch nicht viel zu leisten hatte und die mit einem Gesangsstück, einem Quodlibet oder Duett verbunden wurde, dann ist das sicher für Marie Weiler bestimmt.

Hat er in diesen Rollen persönliche Erfahrungen aus seiner Beziehung zu Marie Weiler eingebaut?

Weigel: Das glaub' ich nicht. Ich glaube, er war froh, daß er Ruhe hatte, wenn er ihr eine halbwegs dankbare Rolle geschrieben hatte, die nicht zu groß war und wo ein bißchen was zu singen war, denn es ist überliefert, daß sie schauspielerisch nicht bedeutend war, aber eine hübsche Gesangsstimme hatte. Das merkt man all diesen Rollen an, die er für sie geschrieben hat. Wenn es eine Rolle gab, wo eine sehr hübsche, gute Schauspielerin mitgewirkt hat, dann hat die Weiler dafür gesorgt, daß diese nicht wieder engagiert wurde.

Hatte Nestroy bis zu einem gewissen Grad Angst vor Marie Weiler?

Weigel: Selbstverständlich! Die meisten wienerischen Ehemänner haben Angst vor ihren Ehefrauen.

Und wie ist das bei Herrn von Lips? Sie selbst schreiben ja, daß die Chancen, daß der „Zerrissene“ glücklich wird, 1:1 Million seien.

Weigel: Ja, es ist bei Nestroy noch nie eine Ehe glücklich gewesen, es gibt zwar einige ganz wenige positive Frauencharaktere, so die Kathi im Zerrissenen, oder die Salome im Talisman, aber ich glaube nicht, daß diese immer ganz bewußt konventionellen Stückschlüsse dem Brautpaar, dem das Glück lacht, jubelnd dieses Vivat zugebracht haben. Das ist so ungeheuer konventionell, daß man es nicht glauben will und nicht glauben kann. Die Stückschlüsse bei Nestroy wären überhaupt ein Kapitel für sich, weil während eines ganzen Stückes die Ehe als Hölle dargestellt wird, ist ja die Tatsache, daß die beiden Hauptgestalten zum Schluß heiraten, nicht ernst zu nehmen. Ich habe einmal geschrieben: „Die Verlobten häufen sich am Schluß eines Nestroy- Stückes wie die Leichen in einer Shakespeare- Tragödie.“ Die Tatsache, daß geheiratet wird, ist für jeden, der Nestroy kennt, kein gutes Ende.

Gibt es in Nestroys Werken tragische Elemente? War Nestroy überhaupt daran interessiert, tragisch zu sein?

Weigel: Erstens ist jede Liebesgeschichte bei Nestroy tragisch, weil sie nicht gut ausgeht. Das Mädl aus der Vorstadt hat einen ganz merkwürdigen Schluß, da hat sich, glaube ich, der Nestroy einen Spaß erlaubt und aus seiner Rolle einen Liebhaber gemacht. Und zum Schluß dieser plötzlich fünf vor zwölf ausbrechende Liebesüberschwang - ich glaube, wenn das ein komischer Darsteller wie der Nestroy gespielt hat, wird das nicht ganz ernst zu nehmen gewesen sein, aber vielleicht, wenn das ein großer Schauspieler spielt, kann es tragisch wirken. Es kann die späte Erfüllung eines vom Leben schlecht behandelten Menschen sein.

Mir ist neulich von irgendeiner Seite zugetragen worden, ob nicht dieser Schnoferl ein Jude gewesen sein könnte. Winkelagent könnte dafür sprechen, Schnoferl vielleicht auch. Ich glaube, es ist da nichts überliefert, und es wäre auch falsch, den Schnoferl so zu spielen; er ist vielleicht der vom Leben schlecht Behandelte, der über sich selber Witze macht …

… und dadurch witzig wirkt.

Weigel: Ja, das könnte alles sein: „Stürzt ein, ihr Kniescheiben …“ Wir haben bei der Aufführung in Maria Enzersdorf diese Schlußszene ganz ernst genommen. Frau von Erbsenstein ist durch ihren Reichtum nicht befriedigt und in dieser plötzlich ausgebrochenen Liebe findet sie eine Art Erfüllung. Aber ich glaube, daß die Ehe Schnoferl-Erbsenstein nicht gut ausgehen wird.

Würden Sie die Darstellung des Schnoferl daher als tragisch sehen?

Weigel: Nein, schauen Sie, es ist doch eine alte Tradition, daß die Juden auf der Bühne in den Stücken, die nicht antisemitisch sind, etwas Tragisches haben. Ich würde auf keinen Fall den Schnoferl als Juden spielen lassen, aber ich würde vorher eine Ansprache an das Ensemble halten und sagen, daß diese Möglichkeit besteht und daß man sich ihrer bewußt sein soll.

Ist die Scheinlösung der Heirat nur auf die Zensur zurückzuführen?

Weigel: Ich glaube eher, daß das die Konvention ist. In jedem heiteren Stück muß am Schluß geheiratet werden, müssen sich die zwei am Schluß, wie man zu sagen pflegt, kriegen. Das muß auch mit dem Titus und der Salome so sein, und er macht ja gleich einen Witz: „ein verlebter Verlobter“ oder so ähnlich, das ist sicher nicht die Basis einer Eheschließung. Aber ich glaube, die Salome ist eine klasse Person, ich könnte mir vorstellen, daß sie sich mit einer gewissen Reschheit den Titus zurechtbiegen wird, umso mehr als der Spund für die finanzielle Basis sorgen wird, hoffentlich so Gott will.

Gibt es tragische Elemente im Talisman?

Weigel: Ja, ein Aussteiger. Bei Titus und Salome handelt es sich vielleicht um eine Verwandtschaft der beiden rothaarigen Hauptfiguren über ihre Haarfarbe hinaus; es sind zwei Benachteiligte des Schicksals, zwei sozial schlecht Behandelte, die sich über diese Parallelität ihrer Schicksale hinaus als Verwandte fühlen. Ich glaube, die Figur des Titus ist eine tragische Figur, er ist ein Außenseiter, ein am Leben halb Gescheiterter, der immerhin in der Parallelität des Schicksals der Salome eine Art Trost findet.

Wie würden Sie Salome charakterisieren?

Weigel: Ich glaube, daß sie keine Bürgerin ist, sie ist ein patentes Mädl, das es auch nicht leicht gehabt hat. Sie hat eine gewisse soziale Demut, sie spricht von Zimmern, die „nicht meinesgleichen sind“. Sie fühlt sich in der Gesellschaft, in die Titus hineinwächst, inferior. Tragisch ist eher sein Schicksal, nicht ihres. Beim Talisman tritt übrigens eine der wenigen Frauenfiguren auf, die Nestroys Sprache spricht - im allgemeinen spricht nur er selber seine Sprache.

Was meinen Sie mit „seine Sprache sprechen“?

Weigel: Die Wortwitze und die Pointiertheit seiner Reden hatte Nestroy sich selber vorbehalten. Die einzige Ausnahme, und das müßte man psychologisch untersuchen, ist die Gärtnerin im Talisman. Sie spricht, wie wenn sie eine männliche Hauptgestalt von Nestroy wäre.

War Nestroy überhaupt daran interessiert, tragisch zu wirken?

Weigel: Kein großer Dichter, der nur heitere Stücke schreibt, selbst wenn es ihm recht ist, Erfolg zu haben, wird nur um des äußeren Erfolges schreiben.

Er ist aber trotz allem unter einem gewissen Erfolgsdruck gestanden.

Weigel: Das spielt alles keine Rolle. Er hat sich furchtbar gekränkt, er ist sehr schlecht behandelt worden, er hat es zu Hause auch mit der Weiler gar nicht schön gehabt. Er war ganz bestimmt kein Oberflächlicher, der nur nach Erfolg gestrebt hat, obwohl es eine berühmte, oft zitierte Stelle gibt: „Mich soll's auch freuen, nach dem Lorbeer streb' ich nicht“, aber er machte sich hier nicht in eigener Sache hinunter. Er hat auch das Publikum gehaßt, wenn Applaus war, hat er leise vor sich hergeschimpft und es gibt ganz am Anfang von Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab eine charakteristische Stelle, da spielt ein Dramatiker, welcher vor seiner Premiere sagt: „Das geht gegen die Wiener, das ist ein ungeheuer gutartiges Publikum; paß’ auf, wenn dein Stück gespielt wird, werden sie es alle verreißen, aber bloß aus Gutartigkeit“ – also große Verachtung, Geringschätzung des Publikums.

Was ja auch eine gewisse innere Zerrissenheit wäre, denn einerseits ist er vom Publikum abhängig, andererseits verachtet er es – wie paßt das zusammen?

Weigel: Er muß wie jeder Darsteller komischer Figuren ungeheure Freude haben, wenn gelacht wird, er muß sich auch über den Erfolg freuen, er muß auch diese in der damaligen Zeit noch üblichen Ansprachen halten und dem Publikum schmeicheln, aber ich glaube, so nach meiner Kenntnis, und ich habe viele komische Darsteller gekannt, die sind fast alle menschlich irgendwie zerrissen.