Quelle: Theater in der Josefstadt, Programmheft zur Uraufführung von „Mein Nestroy“ am 14. September 2006. Das Gespräch führte Ulrike Zemme
Was ist die Grundaussage von „Mein Nestroy“?
Es fällt mir generell schwer, bei meinen Theaterstücken über eine Grundaussage zu reden. Lieber rede ich über den Grund, der mich zum Schreiben eines Stückes bringt. Warum setzt sich ein Theaterschreiber hin und schreibt mit größter Anstrengung und manchmal unter noch größerem Zeitdruck ein Stück? Ich brauche einen Ausgangspunkt, eine Erregung. Im Falle von „Mein Nestroy“ war es die überlieferte Geschichte der Marie Weiler, der Lebensgefährtin von Nestroy, die mich aufgebracht und nachdenklich gemacht hat. Sie wurde von den Zeitgenossen als „Bißgurn“ hingestellt, und das Bild von der bösen Frau hält sich im Grunde genommen bis zum heutigen Tage. 34 Jahre lang haben die beiden miteinander Theater gespielt und über Stücke und Aufführungen geredet. Ich rede ja auch mit Silke Hassler über meine Arbeit und sie mit mir über ihre. Es muß einen Anteil von Marie Weiler an Nestroys Werk geben, und der ist verschwunden. Und zwar so nachhaltig, daß nicht einmal ihr Name, nachdem sie im Grab von Nestroy beerdigt wurde, auf dem Grabstein stehen durfte. 140 Jahre später, im Jahre 2004, ist dieses Verdikt durch einen Beschluß des Gemeinderates aufgehoben worden. Ich glaube, den Nestroy, den wir heute lieben und ehren, hätte es gar nicht gegeben ohne diese Frau. Das schließt die Summe der Krisen, welche die beiden miteinander hatten – es war eine Unsumme – nicht aus, aber es schließt ihre Verdienste an der Literatur ein. Die überlieferte Geschichte glaube ich so nicht. Sie sehen, es ist die Skepsis und der Unglaube, die für mich am Beginn des Schreibens stehen. Um auf Ihre Frage, was denn die Grundaussage des Stückes sei, zurückzukommen: Es ist ein Stück über das Theater, erzählt anhand der Beziehung von Weiler und Nestroy.
Was fasziniert Sie am Dramatiker und an der Privatperson Nestroy?
Ich liebe die Komödie, aber ich glaube nicht, daß die Komödie ohne die Tragödie funktioniert. Das Tragische ist auch immer komisch und umgekehrt. Das ist im Leben so, und warum sollte es in der Kunst nicht auch so sein? Ich habe diese klassische Trennung von Komödie und Tragödie nie verstanden. In diesem Sinne fühle ich mich dem Nestroy sehr nahe, natürlich mit gebührendem Respektabstand. Nestroy war sicherlich ein depressiver Mensch, und er galt als der lustigste Kerl von Wien. Das fasziniert mich und ich bin ihm immer wieder auf der Spur. Wir wissen ja einiges über ihn und über das, was wir nicht wissen, stelle ich Mutmaßungen an. Das ist mein Freiraum, der Freiraum der Kunst. Von einem Leben, das lange zurückliegt, gibt es ja nur ein paar Schnipsel, ein paar aufgefundene Briefe, ein paar Aussagen und Berichte, und aus diesen Bruchstücken wird oft – im Mantel der Wissenschaftlichkeit – ein ganzes Bild erstellt. Aber was stand in den verlorengegangenen Briefen? Ich wollte keine theatralisch bebilderte Biographie von Nestroy auf die Bühne bringen, das Stück „Mein Nestroy“ ist meine poetische Sicht der Dinge, eine Mischung aus Vorfindung und Erfindung.
Identifiziert sich der Dramatiker Turrini in irgendeinem Winkel mit dem Dramatiker Nestroy?
lch sehe ja das dramatische Gewerbe nicht von der Höhe seiner Bedeutung, sondern erlebe es in der Tiefe der schweißtreibenden Anstrengung, und da identifiziere ich mich schon mit Nestroy. Ein Dramatiker schreibt mit größter Anstrengung eine Art Partitur, und die bringt er dann durch den Lieferanteneingang ins Theater. Dort wird er dann vom Regisseur abgeholt, von den Gegebenheiten der Bühne eingeholt, von den Schauspielern interpretiert und vom Publikum qualifiziert. Das Theater ist ein abhängiger Ort, jeder hängt von jedem ab, da kann vieles passieren. Alle Erfolge und Glücke sind an einem Theaterabend denkbar und ebenso alle Abstürze und Unglücke. Nestroys Theaterleben ist voll davon und meines auch schon ein bißchen. Wenn ich manchmal mit meinem Theaterschicksal hadere oder beim Schreiben nicht mehr weiter weiß, dann denke ich daran, daß er in der Saison bis zu sechs Stücke geschrieben hat und jeden Abend auch noch gespielt hat, und dann schaue ich sehr weit zu ihm auf.
Als Sie über das komplizierte Verhältnis zwischen Marie Weiler und Nestroy nachdachten, gab es da mehr Verständnis für eine der beiden Figuren?
Nein. Das wäre kein guter Ausgangspunkt für meine Arbeit, wenn ich meine Sympathien von vornherein portionieren würde. Bei mir werden alle Figuren von gleicher Neugier begleitet, selbst die größten Unsympathier. Ich brauche diese Neugier, die schon den Charakter einer Menschengier hat, um möglichst viel über diejenigen zu wissen, über die ich schreibe. Sonst hätte ich gar nicht den Mut, sie auf die Bretter der Phantasie zu schicken. Ich weiß ja sogar welche Schuhgröße eine Figur hat und ob sie schnupfenanfällig ist, egal, ob das dann in einer Szene vorkommt oder nicht. Und ich spiele mir während des Schreibens einzelne Szenen immer wieder vor. Ich kann mir die Sprache meiner Figuren nicht unabhängig von ihrem Spiel vorstellen. Das Sprechen und das Spielen müssen sich aus der Wirklichkeit entwickeln, egal, wie weit ich es mit den Figuren treibe. Eine Szene, ein Witz, die nicht aus der Wirklichkeit kommen, interessieren mich nicht. Ohne Vorfindung kann ich eben nichts erfinden.
Wir erleben Nestroy und Weiler in Ihrem Stück in einer konfliktgeladenen Situation. Es gibt das Problem mit der Ehefrau des Nestroy, Wilhelmine Nespiesny, es gibt das Problem, daß er gern säuft und Karten spielt und nicht mit dem Geld umgehen kann. In welchem Moment können wir nachvollziehen, daß die Beziehung der beiden Menschen auch eine große Liebesgeschichte war?
In sehr wenigen Momenten. Aber das ist eine Frage, die nicht nur für dieses Stück gilt, sondern in einem gewissen Sinne für unser aller Leben. Unsere Beziehungen sind doch größtenteils von den Anstrengungen des Tages überlagert, von organisatorischen, beruflichen und sonstigen Dingen. Wahrscheinlich finden manche Liebesbeziehungen weniger in der Realität und mehr in den Vorstellungen und Wünschen statt. Zumindest in meinem Stück, in der Beziehung zwischen Weiler und Nestroy, ist es so. Vielleicht besteht meine Liebe zu ihm darin, sagt sie einmal, daß ich nie aufgehört habe, mir etwas mit ihm zu wünschen. Ich glaube, es gab eine große Liebe zwischen den beiden, aber sie war zugedeckt von den Anstrengungen des Theatermachens, des täglichen Probens und Spielens.
Es gibt in Ihrem Stück eine moralische Stimme, den Dramaturgen Wendelin, genannt Spiritus. Was war der Grund, daß Sie die politische Realität, die Hungernden in Wien, in Ihrem Stück thematisieren, sie in diese fast hermetisch abgeriegelte Welt einbrechen lassen?
Ob wir es wollen oder nicht, die Politik spielt immer in unser Leben hinein, auch in unser Theaterleben. Es gibt Bilder vom Biedermeier, auch solche von Nestroyaufführungen in der damaligen Zeit, in denen alles ordentlich und sauber wirkt, eben biedermeierlich. Aber die Realität hieß für viele Menschen Armut, Hunger, Zensur etc. Zum Schönfärberischen, zum Idyllischen, sagte schon Nestroy: es is alles net wahr. Dieser Wendelin, den sie Spiritus nennen, ist so etwas wie das jugendliche politische Gewissen der Truppe. Er will das, was vor dem Theater geschieht, sofort auf die Bühne bringen. Das erinnert midi an meine eigenen Theaterideen in den 70er Jahren.
Noch zu einer, wie ich denke, sehr wichtigen Figur in diesem Stück, zum Direktor Carl Carl. Wäre der heute ein moderner Intendant, so wie er sein Theater anpackt, wie er es ökonomisch in den Griff zu bekommen versucht?
Er wäre ein Veranstalter von großen Events. Damals wie heute sind solche Menschen Diener ihres Publikums, ihr Maßstab ist der Erfolg, vor allem der finanzielle. Carl wollte die Menschen in seinem Vorstadttheater unterhalten, eine Kunst für das einfache Volk bieten, und darin wohnt ja auch eine demokratische Idee. Daß er so geniale Unterhaltungskünstler hatte wie Nestroy und Scholz, das war sein Glück. Obwohl das Burgtheater und das Carl-Theater nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt waren, lag eine Welt dazwischen. Das Burgtheater war dem Edlen und Höheren verpflichtet, oder was es dafür hielt, und das Carl-Theater dem Plebs. Im ersteren sollte man unter sich und ergriffen sein, im letzteren lachen. Es gab Leute im Burgtheaterpublikum, die zwischendurch auch einmal lachen wollten, und die gingen dann – mehr oder weniger inkognito – ins Carl-Theater und warteten auf die zotigen Extempores von Nestroy. An der Person des Carl hat mich auch interessiert, daß er Jude war. Er trachtete immer danach, seine Herkunft zu kaschieren. Er wurde reich und hat ein Leben lang versucht, österreichische Beamte mit hohen Summen zu bestechen, damit sie ihm einen Orden geben, als sichtbares Zeichen seiner Zugehörigkeit zur besseren Wiener Gesellschaft. Das Geld haben sie genommen, den Orden hat er nie bekommen.
Eine Szene spielt im Burgtheater, wo Nestroy auf den Burgtheaterdiener Fitl trifft. Wer ist dieser Burgtheaterdiener aus heutiger Sicht?
In der Figur des Theaterdieners Augustinus Fitl vereinigen sich zwei Wesen. Auf der einen Seite ist er eine Amtsperson, er steht der Burgtheaterkanzlei wie ein Zerberus des Wahren, Guten und Schönen vor, und auf der anderen Seite will er lachen, die Verhältnisse auslachen. Jedes Wochenende geht er ins Carl-Theater zu Nestroy und kichert böse vor sich hin, aber nicht zu auffällig, es könnte ihn ja ein Kollege vom Amt sehen. Die österreichischen Staatsdiener sind ja am Tage sehr ordentlich und Anarchisten zur Nacht, nach Dienstschicht beginnt hier der Maskenwechsel. Als Nestroy vom Carl-Theater weg und unbedingt ins Burgtheater will, sieht der Staatsdiener Fitl den anarchistischen Anteil seiner Seele bedroht und will Nestroy mit allen Mitteln davon abhalten.
Sie haben der Josefstadt eine Uraufführung geschenkt. Wie geht’s Ihnen, wenn da quasi ein Kind zur Welt kommt?
Hoffen wir, daß es ein Geschenk wird. Ich habe es als sehr schön empfunden, mit welcher Leidenschaft der Herbert Föttinger aber auch die Sandra Cervik die Entstehung dieses Stückes begleitet haben. Bei der ersten Probe waren alle da: das Regieteam, die Schauspieler, ein Zwerg und eine Tiroler Athletin, die Kostümmenschen, aber auch die Techniker und die Bühnenarbeiter. Alle saßen oder standen auf der Bühne, und ich habe eine kurze Ansprache über das Leben eines Dramatikers gehalten und mich sehr familiär gefühlt. Wir werden ja sehen, wie es der Familie am Premierenabend geht.