Otto Schenk und Johann Nestroy
Ein Gespräch

Quelle: Theater in der Josefstadt 2007/08, Programmheft zu Johann Nestroys „Unverhofft“

 

Wie spielt man Nestroy?

Ja, wie spielt man Nestroy? Erstens habe ich es gern, wenn man ihn wörtlich spielt. Es ist immer besser als das, was man sich mundgerecht zurechtlegen würde. Wo er es braucht, formuliert er absichtlich ungeschickt, wo er es braucht, geht er ins Hochdeutsche – fast bis zum Schiller’schen Duktus. Dort, wo er mit Schiller nicht auskommt, rutscht er in den Dialekt. Und so spielt man ihn. Das ist fast partiturmäßig aufgezeichnet. Es ist erstaunlich, daß dieser große Improvisator letzten Endes so festgelegt wurde oder sich so festgeschrieben hat. Man spielt ihn mit einer echten, hypochondrischen Leidenschaft. Man muß ununterbrochen ausbrechen, nicht aus der Figur, aber aus dem Temperament, aus dem Dialekt, oder hinein ins Couplet. Dort, wo Nestroy etwas nicht mehr sagen kann, fängt er an zu singen, benützt zum Beispiel ein Opernquodlibet, um eine dramatische Handlung noch leidenschaftlicher zu machen. Es ist eine ständige dampfende Echtheit, mit einem gewissen Ungeschick versetzt, mit einer Unfähigkeit, das Wirkliche zu sagen.

Die Rolle des Ignaz Ledig ist Ihre wievielte Nestroy-Rolle?

Das kann ich nicht sagen. Nestroy-Rollen hab ich ja nicht so viele gespielt. Eher die Scholz-Rollen. Mich haben immer die Nestroy-Rollen mehr interessiert, aber das war manchmal altersmäßig und typmäßig nicht vereinbar. Ich habe den Schnoferl gespielt oder den Muffl und, wie gesagt, zahllose Scholz-Rollen – zum Teil auch in den eigenen Inszenierungen.

Haben Sie Nestroy gerne inszeniert?

Ja, natürlich. Aber es stellt sich ja nicht die Frage, ob man etwas gern macht. Das ergibt sich nicht, man wird zu einer Arbeit verführt. Und der Nestroy ist ein großer Verführer. Natürlich hätte mich eine Nestroy-Inszenierung nicht so interessiert, wenn ich nicht hätte mitspielen können – wie zum Beispiel den Gluthammer im „Zerrissenen" bei den Salzburger Festspielen.

Ihre schönste Begegnung mit Nestroy?

Es ist eigentlich immer wieder schön, wenn man eindringt in die sensible Sphäre zwischen Philosophie, Komödiantik, Echtheit, Hypochondrie, schlechtem Charakter, Ehrgeiz, Wut oder Zorn. Es geht eigentlich immer um eine große Blamage. Was ich wirklich gern gespielt habe, kann ich eigentlich nicht sagen. Im Moment ist man in einem solchen Rauschzustand, um sich das Werkl Text zu eigen zu machen.

Können Sie mir etwas über den Ignaz Ledig sagen? Wer ist das?

Schauen Sie, es ist sehr schwer zu reden über das, was man gerade macht am Theater. Darüber reden läßt sich immer wieder viel. Aber es machen ist etwas anderes. An diesem Stück ist das Besondere, daß diesem Weiberfeind und Kinderfeind, der verliebt ist in die Ruhe, plötzlich ein Kind hineingelegt wird. Daraus ergibt sich eine unbeschreibliche „Katastrophe". Außerdem entsteht eine Wandlung in diesem Menschen. Er wird zum Rächer dieses Kindes, und eigentlich verliebt er sich in dieses Kind. Er macht sich auf die Suche nach dem Vater, und letzten Endes wird dann eben klar, daß er der Vater sein könnte. Er schwankt zwischen Ja und Nein, und das Stück verwirrt sich geradezu genial. Das ist ein Trick. Denn genau an der Stelle, wo es gar nicht mehr geht, wo die Auflösung langweilig sein würde – weil in einer Komödie die Auflösung nicht so interessant ist wie die Verwirrung, weil man weiß, es geht eh gut aus, und sich dann gähnend zurücklehnt –, kommt, genial von Nestroy, das sogenannte Quodlibet: die Figuren kommen nicht mehr mit dem Reden aus und verwenden alte Opern als Melodie zu einem Nestroy-Text, um den Knoten aufzulösen. Ein geniales Stück, denn genau an dem Punkt, an dem es fad werden würde, schmeißt Nestroy es noch einmal in die Höhe.

Was stört Sie im Zusammenhang mit Nestroy?

Mich stören die Bearbeitungen und das Vermessen, zu glauben, man kann seine Stücke woanders ansiedeln als im Österreichischen. Nestroy hat ja eigentlich kein einziges Stück selbst ausgedacht, sondern im Gegenteil brühwarm fremde Stoffe – französische, englische – „gestohlen“ und mit aller Kraft der österreichischen und Wiener Komödiantik in Österreich angesiedelt. Mit einem genialen Ensemble, die konnten das wirklich. Wenn man es jetzt aussiedelt, kann man gleich französische Vaudevilles spielen, diese läppischen Stücke. Durch sein Schwadronieren und seinen Einsatz und seine Figurenerschaffung wird aus der Vorlage ein unbeschreibliches Stück. Unbeschreiblich deshalb, weil es eine Phalanx der Philosophie ist ins Komödiantische übersetzt und nur auf der Bühne überleben kann. Eine Nestroy-Lesung ist der halbe Witz. Nestroy muß gespielt, von leidenschaftlichen Schauspielern getragen werden, die sogar manchmal aus der Figur ausbrechen können – fast ins erklärende, ins epische Theater, aber nicht im Brecht'schen Sinne, sondern im komödiantischen Sinne. Extempore und Couplets platzen direkt ins Publikum. Aber eine Bearbeitung, wo jeder sein Liedl hat und so weiter, gehört Gott sei Dank der Vergangenheit an. Damit hat schon Gustav Manker aufgeräumt und viele andere mehr. Die gegenteilige Gefahr aber ist, daß man ein Nestroy-Stück plötzlich in eine pseudodämonische Ernsthaftigkeit führt, wo der Humor verloren geht. Die eine Konvention war, daß er der liebliche Volksdichter war, die zweite will einen bösen, satirisch triefenden, lehrhaften, dämonischen Nestroy deuten. Aber gelacht werden muß unbedingt. Wie der Brecht sagt: Die Stücke, die er schreibt, müssen unterhaltsam sein. Nestroy hat eigentlich fast seismographisch gezählt, wo gelacht wurde, wo herausgerufen wurde, wo er wiederholen mußte. Das muß man ja heute nicht mehr. Das einzige Legitime ist, daß man beim Couplet absetzt und nach den Nestroy-Strophen ein, zwei im Sinne von Nestroy heutige Strophen als Draufgabe gibt. Mehr Bearbeitung ist eigentlich nicht erlaubt. Ich glaube auch, daß man Nestroy nicht in heutigen Kostümen spielen kann. Das heißt nicht, daß man sie in Biedermeier-Kostümen spielen muß, aber man kann nicht so tun, als würden die Figuren heute leben. Sie wirken veraltet, wenn man sie in das heutige Kostüm zwängt, und geschwollen reden. Nur daß Nestroy es nicht geschwollen meint. Lebendig wirkt das Ganze nur, wenn das Rendezvous zwischen der alten Zeit, die gar nicht immer schön war, mit den heutigen Leidenschaften aufgezeigt wird.