Burg-Charakterschauspieler Peter Matić über Gunst und Fluch der Nestroy-Tradition, Ronald Pohl
Quelle: Der Standard, 8. Juni 2000
In der Theorie gibt es gar nichts Schöneres als die Possen des Johann Nestroy! In den streng riechenden Biedermeier-Stickstuben, in denen kein Licht der Aufklärung die Finsternis der politisch unerträglichen Verhältnisse jemals zu durchdringen vermochte, gehen wie durch ein Wunder unentwegt die erhitztesten Lichter an.
Was für Lichter: Es sind blendende Sprachblitze, sprühende Phosphatkerzen der Vernunft. Für ein solches Aufblitzen gibt man getrost einen halben zweiten, einen ganzen dritten Akt hin, der ja nur wieder voller Mamsellen und Marquisen steckt, die unter dem Putz ihrer geschmacklosen Biedermeier-Häubchen belangloses Zeug krähen.
Der Burg-Charakterkopf Peter Matić spielt ausgerechnet einen solchen „Marquis“: In Karlheinz Hackls heutiger Burg-Premiere von Der Färber und sein Zwillingsbruder, 19 Uhr, trägt er gewiss nicht die Hauptlast. Weder darf er Nestroys genial gezackte Blitze der Vernunft schleudern, noch steht er auch nur der Vernunft als eine von so vielen Trottel-Figuren auf Nestroys Besetzungszetteln kratzfüßig im Wege.
Matić hat nur mehr gesehen als die meisten: Erspielte bereits 1960 im Josefstadt-Theater Nestroy, „und es gab bereits damals eine völlig verkitschte Tradition!“
An Höllenangst kann er sich noch gut erinnern, mit Hans Moser und Hans Putz in den Hauptrollen. Regie führte damals eine Gemütsgröße wie Axel von Ambesser; ging alles irgendwie. Nur dann wird Matić etwas deutlicher: „Es gab ja auch noch den hochverehrten Josef Meinrad; der hat das natürlich ganz anders gespielt. Liebenswürdig!“
Matićs aristokratisches Gesicht wird noch länger, seine herrliche Charakter-Nase tritt fast überdeutlich hervor: „Es liegt mir nahe, das Wort ‚anbiedernd‘ zu gebrauchen. So liab und so nett war das alles! Dafür gab es am Wiener Volkstheater natürlich den Gustav Manker, der die härteren, böseren Nestroys gemacht hat, die zeitgemäßeren, vielleicht sollte man sagen: die problembewussteren.“ Dann gab es noch den Kortner in München; Karl Paryla sprang einmal für den Hans Putz ein, ein denkwürdiges Ereignis.
Ansonsten? Professor Muliars beseligtes Lärmschlagen an der Burg? Bennings Regie-Künste?
„Der Muliar brachte gewiss einen proletarischen Touch hinein. Damals wurde durchaus gesagt, es sei ein Ton, der …“, Matić überlegt ein Weilchen, „der für dieses Haus nicht passend sei!“ Er selbst sei da schon in Berlin gewesen, am Schiller-Theater. In Hans Lietzaus metaphysischer Menschenkunstdressur. Und: „Ich bin ja damals nicht für Raimund und Nestroy nach Berlin gegangen!“ Welche Tradition wird aber nun Karlheinz Hackl begründen? Im Josefstadt-Theater hat er vor kurzem einen herrlich mieselsüchtigen Verschwender abgeliefert.
Matić: „In der ‚Konzeptionsprobe‘ ging es ihm in der Tat nicht nur um das Lustige. Er hat gewisse Absichten gezeigt; auch Nicholas Ofczarek, der die Titeldoppelrolle spielt, ist ja nicht in erster Linie liebenswürdig. Nichts wirkt da geglättet, alles behält eine gewisse, natürliche …“ Matić überlegt kurz, „Kratzbürstigkeit!“
Matić ist ein Sir alter Schule; den Weltuntergang aber, an dem die geistreichsten der Nestroy-Figuren so schmerzlich laborieren, dass sie Geistesblitze zünden müssen, den hat er eigentlich schon hinter sich. 1992, als man das Schiller-Theater in Berlin fast über Nacht schloss.
Matić erlebte eine Szene, die von Nestroy erfunden sein könnte. „Ich saß gerade in Wien, ruft mich meine Frau an: ,Du, die haben dein Theater geschlossen!‘ Darauf ich: Albernes Zeug.‘ Aber am Abend lief die Nachricht bereits im Fernsehen.“ Er hat es dann doch noch geglaubt.
Kurier-Gespräch mit Nicholas Ofczarek, der im Burgtheater die Doppelrolle in Nestroys „Der Färber und sein Zwillingsbruder“ verkörpert, Karin Kathrein
Quelle: Kurier, 7. Juni 2000
„Die Extreme interessieren mich“, sagt Nicholas Ofczarek. „Die verschiedensten Stile, sehr verschiedene Rollen mit sehr verschiedenen Leuten.“ So hat er am Burgtheater den Pentheus in Euripides’ „Bakchen“ und Feydeaus Chandebise, mit saftigem Sprachfehler, gespielt. Er war der gestörte Bishop in Nicky Silvers „Fette Männer im Rock“ und Hochroitzpointner in Schnitzlers „Professor Bemhardi“. „Ich möchte einfach alles spielen.“
Auch bei Nestroy kostet er nun Extreme aus: Nach Castorf, in dessen „Krähwinkelfreiheit“ er Ultra, politischer Anton und Frisör Arthur war, arbeitet er nun mit Karlheinz Hackl an einer hinreißenden Doppelrolle in „Der Färber und sein Zwillingsbruder“. Im Grunde gar keine Doppelrolle, sondern komplizierter: Ein Bruder gibt sich für den anderen aus und spielt den, der er gern wäre.
„Der eine Bruder tritt nur ganz zu Beginn auf. Da wird in einem Monolog, in dem er sein Weltbild ausbreitet, das Bild dieses Überbruders, des zweiten Ich, entworfen. Kilian versucht dann, so zu sein wie der Bruder, schafft das aber nicht ganz. Das ist sehr spannend. Eine Jagd nach dem zweiten Ich. Wir kennen das ja alle: Die Sehnsucht, so möchte ich gern sein, so würde ich gern reden, das würde ich gern können. Aber ich kann’s nicht.“
So empfindet Nicholas Ofczarek diesen Kilian als eine „zutiefst österreichische und zutiefst nestroys’che Figur“. Voll Selbsthass und Selbstzweifel. „Vordergründig ist er ein schüchterner, liebevoller Mensch, der sich nicht traut, seine Gefühle zu äußern. Aber wenn man was von Nestroy weiß, ist es interessant, den Text genauer zu untersuchen.“
Man müsse nicht viel hinzuinterpretieren, um zu sehen, daß Kilian ein Problem mit seinen Gefühlen hat. „Das hat natürlich sehr viel mit Ängsten zu tun, mit der Angst vor dem Fremden, vor dem, was in einem selber, was in anderen steckt. Da ist der Oberbruder, die Frau, die ihn überfordert mit einer geradezu heutigen Offenheit und Kraft. Das kann einem Menschen schon unheimlich werden, und so entsteht auch eine Aggression gegen sich selber.“
Sowohl bei Castorf als auch nun bei Hackl interessierte sich Ofczarek für die Suche nach einem heutigen Nestroy. „Man muß ihn heute anders spielen als vor 150 Jahren. Dafür braucht man nicht gleich Privattexte erfinden, denn die Sprache hat halt etwas Fulminantes. Aber seit 100 Jahren will jeder Nestroy anders spielen. Nur: Wie gehört er wirklich? Wie spielt man ihn heute? Wie spielt man ihn richtig?“
Castorf, für dessen Arbeit er sich sehr interessierte, sei es mehr um ein politisches Weltbild gegangen. „Weniger um Figuren und ihre Beziehungen, über die wir nun einen Zugang versuchen.“ Mit Hackl, mit dem Ofczarek sehr gern zusammenarbeitet, geht er „auf die Suche nach einer neuen Erzählweise, einem heutigen Stil, der dem Jahr 2000 entspricht“.
Obwohl er sich als „Instinkt-Schauspieler“ empfindet, weiß er, daß er sich „mit dem Grübeln oft selbst im Weg“ steht. „Aber ich habe das absolute Bedürfnis, einen Text psychologisch und politisch zu untersuchen.“